Gebt ihr eine Fahne in die Hand und lasst sie uns voranschreiten, so führt sie uns sicher, trotz ihrem Mangel an historischem Sinn, zu einem gesunden Wendepunkt der geschichte. möchte Ihr mit Eurer Logik in Gefahr schweben, so wird sie ihr entgehen lehren, so unlogisch sie's nach Eurer Weise auch anfangen würde. Und geht doch, sagte er, mit Eurem Weisheitsurteil über ein Naturkind, das von ihr nicht stiefmütterlich behandelt ist, es ist ihr an der Stirne geschrieben, dass ihr keine sorge zugemessen ist. Er reichte mir die Hand, er sah mir's an, dass es mich freute; auf der Lotte ihre breite Rede, die nun mit verdoppeltem Eifer sich durchdrängte mit ihrer Weisheit, sagte er nichts weiter, und keiner; das Gespräch ging aus wie ein Licht, das ein starker Windzug ausgeblasen. – Um so mehr bin ich geneigt, Dich vor allen zu verschweigen. – Der Clemens – er wird Dich einst nach hundert Jahren auf dem Berge Arafat finden, – wie Adam, als er nach seiner Verbannung aus dem Paradiese die Eva aus den Augen verlor, die in der Nähe von Mekka auf jenem Berge weilte, er aber auf Serendib oder die Insel Ceilon verschlagen war, er kannte sie wohl, ihre Seele war in seine Seele eingeprägt, und suchte sie fleissig; oft auch redete er die wilden Tiere an und die Gewitter auf den Bergen und die Vögel, dass, wenn sie hinziehen und ihr begegnen, sie sollen sie ehren; und so suchte er nach ihr, und sprach von ihr zu dem Gevögel und den Pflanzen und Tieren des Waldes, bis der Engel Gabriel den Adam auf den Gipfel jenes berges bei Mekka führte, wovon der Berg seinen Namen Arafat, heisst auf arabisch: erkennen, erhielt. – Auf welchem die Pilgrime von Mekka am Tage Arafah, dem neunten im letzten monat des arabischen Jahres, ihre Andacht auf diesem Berge verrichten. Mag denn Clemens wie Adam den Untieren und Bergklüften von Dir vorpredigen, ich bin zufrieden unterdes, dass Du mich zum Hüter Deiner verborgnen wohnung bestellt hast und mich zum Kerbholz Deiner heimlichen Seligkeiten machst; ich möchte Dir immer still halten, so anmutig fühle ich mich bemalt und beschrieben von Deinen Erlebnissen, versäume nichts, schreibe mir alles, wie wenn es gesungen wär, wo Du auch keinen Ton auslassen darfst, ohne die Harmonie zu zerstückeln, ich werde gewiss stillhalten und stillschweigen. Und die Gedanken, "die Dich ergötzen, von denen Du wünschest, dass sie wahr sein mögen, und die von selbst in Dir aufwachsen", willst Du sie nicht auch aufzeichnen für mich? – Ich warte alle Tage auf Deine Briefe, mir bangt immer, Du mögest einen Tag überschlagen, bis jetzt warst Du sehr gütig gegen mich – ich geh mit Zuversicht, wenn ich abends nach haus komme und fasse den Brief auf meinem Kopfkissen, wo er hingelegt wird von der Magd, im Dunkeln und halt ihn, bis Licht kommt – im Bett lese ich ihn noch einmal, das macht mir gute Gedanken, ich bin auch jetzt ganz heiter, nur kann ich selbst nichts tun. – Deine Erzählungen und Ahnungen beschäftigen mich, ich träum mich in den Schlaf, in dem ich Dir alles nachfühle und nachdenke. Ich hab einen innerlichen Glauben an Deine Schwindeleien von mir, ich ging heute hinaus vors Gallentor, als der Sonnengott hinabstieg, weil Du meinst, es sei meine Zeit mit ihm, ich war auch da ganz durchdrungen von seiner grossen Gegenwart, allein beim Nachhausegehen verdarben mir zwei Frankfurter Philister die Andacht, die hinter mir gingen und von Dir und mir sprachen; die Frau sagte zum Mann: Im Stift wird dem Mädchen noch ganz das Konzept verdorben, dass sie am ende gar närrisch wird, sie ist so schon zu allen Tollheiten aufgelegt, sie soll im Stiftsgarten immer aufs Dach steigen, vom Gartenhaus oder auf einen Baum, und von da herunterpredigen – und die lange G ...s, die Günderode, steht unten und hört zu. – Jetzt gingen sie an mir vorüber, ich erkannte die Frau Euler mit ihrer Tochter Salome und den Doktor Lehr, der erkannte mich in der Dämmerung und sagte es ihr, sie blieb stehen und sah mich an, bis ich wieder an ihr vorbeigegangen war, was doch gewiss noch dümmer war, als wenn ich unterm Baum stehen blieb, wo Du predigst. – Teufel und Donnerwetter ist auch zum Fluchen üblich, hat aber einen anregenden kriegerischen Geist, also unter gewissen Bedingungen, wenn zum Beispiel Du jenes Banner wehen liessest, das St. Clair, Dir Glück und Heil vertrauend, überantworten wollte, allen Philistern zum Trotz; dann magst Du Deiner Zunge den Zügel schiessen lassen, bis dann aber lasse Deinen Mut nicht in vergeblichen Ausbrüchen verrauchen.
Adieu! Am Märchen schreibe ich nicht. – Der vergisst mit dem Pflug umzudrehen; über den Sternen, die er im wasser blinken sieht. lebe wohl und gedenke meiner.
Karoline
Die Ursache, warum der Streit angegangen war über Dich, war ein Brief von Dir, den Du im achten oder neunten Jahr, kurz vor Deines Vaters Tod aus dem Kloster an ihn geschrieben hattest, und der Deinen Vater sehr gefreut haben soll, so dass er ihn in seiner Krankheit oft gelesen, St. Clair hatte ihn vom Clemens, der ihn aufbewahrt, abgeschrieben, und sagte, in diesem Briefe läge Deiner ganzen Anmut Keim. Das