sie wuchsen von selbst auf wie jene Blumen auf der Heide. – Morgenstund hat Gold im Mund – wär ich nicht früh draus gewesen, so hätt ich sie nicht denken können. – natur ist lehrsam, wer ihre Lehrstund nicht versäumt, der hat zu denken genug, er kriegt die trocknen Lebenswege gar nicht unter die Füsse, auf denen andern die Sohlen brennen. Was hast Du zu sorgen um meine Nachtwachen? – So viel Blumen, die nur des Nachts duften! – Müssen denn alle Menschen in der Nacht schlafen? – können sie nicht auch wie der Nachtschatten und Viola matronalis am Tag schlafen und nachts ihren Duft aushauchen? – Warum sind manche Menschen so unaufgeweckt und können nicht zu sich selbst kommen am Tag, als weil es Nachtblüten sind, aber die leidige Tagsordnung hat sie aus den Angeln gerückt, dass sie kein Gefühl haben von ihrem Naturwillen. – Drum verlieben sie sich auch verkehrt, weil ihre Sinne ganz verwirrt sind. – Manche leute sind nur gescheut zwischen Licht und Dunkel, am Abend verstehen sie alles, morgens haben sie lebhafte Träume, am Tag sind sie wie die Schaf, so geht mir's, mein Wachen ist früh, ich muss dem Sonnengott zuvorkommen, wie jener Tempelknabe seinen Tempel reinigen – dann kehrt er ein bei mir und lehrt mir Orakelsprüche – alles passt, – fügt sich, wollt ich sagen – auch dass ich immer so unaufgeweckt bin, wenn der Geschichtslehrer kommt in der Mittagsstund, das ist grad meine verschlafenste Zeit. – Du bist auch keine Tagsnatur, Dein Wachen deucht mir anzufangen, wenn der Taggott sich neigt und nicht mehr so hoch am Himmel steht – Dir neigt er sich herab, und wandelst anmutig mit ihm die Bahn vom späten Nachmittag zum späten Untergang, und winkt Euch noch mit Eurer Gewande Saum fern hin, dann leuchtet der Abendstern zu Deinen Nachgedanken von ihm, und wogst einsam in der Erinnerung wie die Meereswelle am Fels wogt zur Zeit der Flut und ihn abspült von den Gluten, die ihm der Tagesgott eingebrannt hat zur Zeit der Ebbe. Der Jud kommt, adieu. Was hast Du denn, dass Dich so unmutig macht, lass Dich anhauchen von meinem Brief. Savignys sind noch drei Wochen auf dem Trages, geh doch hin. Aber, "Teufel, Donnerwetter" ist das auch geflucht? Darf ich das auch nicht sagen? –
Vom Clemens glaube doch nicht, dass ich ihn belüg, ich bin anders mit ihm in meinen Briefen, weil ich so sein muss. In Bürgel die kleine Orgel hat elf Register, gross und kleine Choralstimm, Harfenstimm, Trompetenstimm, Posaunenton, schnarrende Engelsstimm, was weiss ich's alles – und vox humana, der Hoffmann hat mir gestern eine halbe stunde lang davon erzählt, und dass es Orgeln gibt, die dreissig Register haben, er sagt, meine Kehl wär wie so eine Orgel, ich zög allemal ein ander Register, wenn ich sanft oder begeistert sing, oder schmetternd, wenn ich tob, oder bewegt, wenn's zum Seufzen stimmt in meiner Brust, oder gewaltig, wenn mir's ist, als ob ich's allein alles zwingen müsst. – Das hat der kleine Kerl alles gewusst, er hat mir zugehört gestern abend, wie ich einen homerischen Hymnus an die Diana ableierte auf dem Dach, weil's Vollmond ist. Das deuchte mir so schön, dieser Göttin einen vollen strömenden Gottesdienst aus meiner Brust zu halten, dass ich nicht dran dachte ans Belauschen und hab recht geschmettert. – Der Hoffmann sagt, es war zum Verwundern. – Nun ich mein, der Clemens zieht immer das Register der Kinderstimm aus meiner Brust. – In Frankfurt, in der Gesellschaft beim Primas, da prädominiert die quarrende Engelsstimm. Bei Dir da muss ich immer das Gewaltsposaunenregister mit Gewalt mit der sanften vox humana unterdrücken.
An die Bettine
Mit dem Clemens verstehe ich Dich, oder ahne doch wie es zusammenhängt, ich hab auch gar nicht die idee, dass es anders sein solle, nur über das, was er von Dir sagt, wie er Dich ausspricht, und das geschieht oft, ist mir manchmal so wunderlich zumut, weil er ganz prophetisch Dich durchsieht, andre Leute sagen, er schneide auf, und das ist auch eigentlich so, aber er trifft die Wahrheit, wie ich unter allen allein es am besten weiss. – Dann um seine Extravaganz zu beweisen, fällt wohl alles hinter seinem rücken über Dich her, was in seiner Gegenwart man nie wagt, wo man immer stillschweigt, mir ist's oft peinlich gewesen, über Dich urteilen zu hören, jetzt aber hab ich diese kleinliche Ängstlichkeit überwunden. Gestern war Ebel, St. Clair, Link, die Lotte und ich im kleinen Kabinett bei der Tonie, da ich weiss, wie weit die Pfeile vom Ziele ablenken, die man gegen Dich schnellt, so hatte ich keine Furcht um Dich, Ebel ist nicht aus persönlichem Widerwillen, sondern aus Abgeneigteit seiner natur wider Dich. Und weil er während dem Hiersein von Clemens immer am meisten erdulden musste, da er aus Zaghaftigkeit seinem Eifer nie auszuweichen wagte, so ist's ihm nicht zu verdenken, dass er jetzt mit vollem Genuss sich schadlos halte. St. Clair schüttelte mit dem Kopf und sah mich an, weil die Lotte perorierte: gänzlicher Mangel an historischem Sinn und gar keine Logik beweise, dass du ein Narr seist. Er sagte: