wie Du es treibst. Dem es leid tut um jeden Atemzug, der von Dir verloren geht, der hingerissen ist von Deinen kleinen Briefen an ihn, wo Du ganz anders wie ein Kind schreibst, so fromm, und an mich so ausgelassen, was soll ich dem nur sagen? – Das eine tu mir nur und rappel mir nicht einmal vom Dach herunter mit Deinem Flageolett; hätt ich nicht Vertrauen in Gott, dass der weiss, zu was alles in Dir so ist und nicht anders, und dass es ja doch nur ihn angeht, da es sein Belieben war, Deine Seele so zu bilden. – Was sollt ich von Dir denken? – Clemens schreibt, Du müsstest fortwährend dichten und nichts dürfe Dich berühren als nur was Deine Kräfte weckt, es ist mir ordentlich rührend, dass während er selber sorglos leichtsinnig, ja vernichtend über sich und alles hinausgeht, was ihm in den Weg kommt, er mit solcher Andacht vor Dir verweilt, es ist, als ob Du die einzige Seele wärst, die ihm unantastbar ist, Du bist ihm ein Heiligtum, wenn er manchmal von Offenbach herüberkam, da war er ganz still in sich vertieft, wo sonst seine Koketterie fortwährend gespannt war, kleine Kritzeleien von Dir hat er oft sorgfältig aufgehoben, es wäre traurig, wenn Du keinen liebenden Willen zu ihm hättest; schreibe doch nicht mehr "passiert", das Wort ist nicht deutsch, hat einen gemeinen Charakter und ist ohne Klang, kannst Du nicht lieber in den reichen deutschen Ausdrücken wählen, wie es der reine Ausdruck fordert. Vorgehet, ereignet, begibt, geschieht, wird, kommt; das alles kannst Du anwenden, aber nicht: passiert. Ich muss Dir aber doch antworten, weiter passiert nichts. – Und Du weisst's ja schon alles besser wie Du schreibst, da Du in der Nacht auf der Hofbank so grosse Abenteuer erfahren haben willst, die Dein Herz bewegten. Ich bin nicht bange, dass Du mir es nicht sagen solltest, wenn's wirklich was Erlebtes ist und Du Deine Lügen bis zum nächsten Brief nicht vergessen hast. – Dann auch bitte ich, dass Du nicht mehr fluchst, Deine Briefe sind mir so lieb und Deine Extravaganzen alle sind mir verständlich und lieb, aber Worte, die Du bloss um zu prahlen hinzufügst, wie Schwerenot, und die keine Bedeutung haben in Deinem Mund, die kannst Du ungesagt lassen, denn sonst glaube ich nicht, dass der Wohllautenheit und des Tanzes Genius Deine inneren Erlebnisse begleiten. – Zweitens schieb mir nichts zu, was ich nicht verschuldet habe; des Abends auf der Burg erinnere ich mich deutlich, grade wie Du ihn beschreibst, ich war auch sehr heimlich und bewusst, und bis zum andern Tag war die Stimmung mir geblieben von den Worten, die Du mit mir wechseltest, aber Esel hab ich Dich nicht geschimpft, das ist wieder eine von Deinen ungeeigneten Erfundenheiten, – lass nichts dergleichen wieder auf mir belasten, ich bin empfindlich; im Anfang Deines Briefes nennst Du mich Muse, und am ende lässt Du Deine Muse Dich Esel schimpfen, es wär zum lachen, wenn's nicht zum Weinen wär, dass Du Deine eigene Muse so zu beschimpfen wagst. –
Karoline
An die Günderode
drei Uhr morgens! – Hier bin ich – auf der Terrasse am Main, ich wollt als immer einmal hergehn in der Früh, wenn der Tag noch nicht auf den Beinen ist und Lärm macht, am Tag bin ich zerstreut, was mir immer wie Sünde deucht, dass ich Anteil nehm an was mich nichts angeht. – Aber in der Früh, da hab ich ein ganz lauter Herz; und schäm mich nicht, die natur zu fragen, und ich verstehe sie auch, gestern abend war mir so wohl hier, wie Bernhards Schiff mit der Harmonie hin und her fuhr auf dem Main, die meisten leute waren nachgefahren auf Nachen, wir blieben am Ufer, ich hatte mich ganz in die Ecke gesetzt, da steht ein grosser Zitronenbaum, es war Wetterleuchten, aber die Hitz war doch nicht abgekühlt, und die Blüten vom Baum wetterleuchteten auch, oder sollt ich mich getäuscht haben? – denn ich war eingeschlafen über der Musik, und wie ich aufwachte, da sah ich ganz verwundert, wie der Zitronenbaum Flammen hauchte aus den Blüten. – Ich kann's doch nicht geträumt haben? – Denn ich guckte eine ganze Weile zu, bis ein leiser Regen kam, da gingen wir nach Haus. Wer weiss, was doch alles vorgeht in der natur, was sie uns verbirgt. Der Mensch hat ja auch als Gefühle, die er nimmer wollt belauscht haben. Dass aber der Baum über mir fortleuchtete, wie ich mich besann und ihm zuschaute, das ist mir so lieb, – ich konnte nicht schlafen im Bett, es war mir zu wohl dort gestern, wo ich den Herzschlag der natur fühlte, und wo sie mit ihren Blumen mich anflammte. Im Dunkel haucht man die Lieb aus und schämt sich nicht vor dem Schatz, weil's dunkel ist. – Nun bin ich mit Zagen hergeschlichen, heimlich, dass es nicht gewusst sei, wie auch jenes Leuchten nicht gewusst ist. – Erst greinte die Hoftür, aber heute abend will ich sie salben, wie der Properz, wenn er einen Liebesweg vor hat; dann krachte die Gartentür, dann schurrte der Kies unter den Füssen. – Man scheut das