! – Das war zu arg, ich möchte Dir heute noch eine Ohrfeig geben drüber – aber das war grad mein Himmlischstes, dass Du nicht bös geworden bist und hast die geschlagne Wange sanft an mich gelehnt und hast gegirrt wie eine Taube und sagtest: "Ja", wie ich fragte, tut's weh, "aber es tut nichts." – Hier hab ich's hingeschrieben; denn wenn so viel unnütz Zeug geschrieben steht, so kann auch geschrieben stehen, dass ich Dir eine Ohrfeig gab. – Aber die grosse schöne Versöhnungsstille über uns – die Dämmerung, die immer breiter ward und grösser und der Nebelvorhang vor dem Weidengang vom Feldberg herab – und der Feuersaum längs dem ganzen Horizont, wie werde ich's vergessen? – Erst hingen wir einander im Arm, ganz still, und dann lag ich quer über Deinen Füssen, so dachte ich, Du schläfst, weil ich Dich hart atmen hörte, und wollt eben auch einschlafen. – Da fingst Du an zu reden (da hast Du's in Musik gesetzt):
Liebst du das Dunkel
Tauigter Nächte,
Graut dir der Morgen?
Starrst du ins Spätrot,
Seufzest beim Mahle,
Stössest den Becher
Weg von den Lippen,
Liebst du nicht Jagdlust,
Reizet dich Ruhm nicht,
Schlachtengetümmel,
Welken dir Blumen
Schneller am Busen
Als sie sonst welkten,
Drängt sich das Blut dir
Pochend zum Herzen –
Ach, Du stocktest. Das hab ich meiner Ungeduld zu danken – zu hören, nein, zu fühlen Deinen süssen Wörtertanz, wie er sich mit vollem Busen sanft hinablehnte zu den Wellen, die ihn umfassen wollten und kühlen. – Ich konnte's nicht erwarten, dass Du weiter tanztest Deiner Seele Tanz. – Und da war's vorbei; da macht ich einen Vers dazwischen, um Dich in Trapp zu bringen, Du sagtest: "Geh, Du Esel" – da war's aus. – Ach, wieviel Melodien hab ich auf diesen Vers gesungen, alle Stimmungen hat er müssen aufnehmen, heute noch längs der Gartenwand schlug ich mit einem Stock ans Eisengitter, das dröhnte mir im Herzen wider, als wär's Herzpochen, und sang dazu so kühn, so laut, so schreivoll, als stünd mein Herz mitten in Flammen und eilte sich mit Pochen über alle massen. Weisst Du nicht weiter zu singen, was passiert, wenn sich das Blut pochend zum Herzen drängt? – Oder willst mir's nicht sagen? – Bin ich Dir dazu auch noch zu jung? – Wenn Du das meinst, dann will ich Dir beweisen, dass ich weit drüber hinausgreif, und dass ich mehr weiss als viele, denen das Herz schon gepocht hat wie mir nicht. – Einmal erregt sich das Herzpochen durch Anlächeln – das hab ich aus eigner Wahrnehmung, gestern abend erst auf der Bank vor der Hoftür, da sass ich – es war elf Uhr, alles schlief, beim Nachbar brannte ein Nachtlämpchen.
Adieu, schlaf recht wohl, denn es ist elf Uhr, alles schläft wieder, ich will wieder mich auf die Bank setzen vor die Hoftür, es ist Vollmond, geht gleich auf, ich will ihn steigen sehen. Gute Nacht.
An die Bettine
Dein buntes Füllhorn fröhlicher Verschwendung erlöst mich vom Übel. – Gedanken sind mir oft lästig in der Nacht, die mir am Tage einen trüben Nachklang geben, so war's heute! – Dein jung frisch Leben, das Schmettern und Tosen Deiner Begeisterung und besonders Dein Naturgenuss sind Balsamhauch für mich, lass mir's gedeihen und schreibe fort, auch Deine dityrambischen Ausschweifungen, die so plötzlich der Flamme beraubt verkohlen, als habe sie ein mutwilliger Zugwind ausgeblasen, sind mir gar lieb. – – Bleib mir zulieb noch eine Weile bei der geschichte, so wie Du es jetzt treibst, kann es Dir nicht lästig fallen, wenn sie auch jetzt Dir noch nicht viel Ausbeute gibt, so weisst Du sie doch ins Kunstgeflecht Deines tages zu verwenden, ich sehe Dich bald, George hat mir versprochen, mich im Gig mit hinauszunehmen, verbring Deine Nächte nicht ohne Schlaf, klettre nicht auf die Dächer und Bäume, dass Du den Hals nicht brichst, und denke, dass dies der Weg ist, Deine Gesundheit zu stärken. Was sagt denn die Grossmama dazu, ist sie damit zufrieden? –
Dem Clemens will ich gern von Deinen Briefen an mich nichts sagen, weil Du es nicht willst, und ich fühl auch, dass es nicht sein kann, es wär Störung ohne Gewinn, er sieht Dich so ganz anders, ohne dass er Dich falsch beurteilt, nur sieht er in jedem Farbenstrahl Deines Wesens wie Diamanten, die er meint fassen zu müssen und doch nicht erfassen kann, weil es eben nur Strahlenbrechen Deiner Phantasie ist, die ihn und jeden verwirrt. Glaubst Du denn, dass ich ruhig bin, wenn Du so mit mir sprichst, von einem zum andern springst, dass ich Dich jeden Augenblick aus dem Auge verliere? Du hebst mich aus den Angeln mit Deinen Wunderlichkeiten! – Doch ich will nicht freveln! – Dein lachen, das mich oft ausser mir gebracht hat, womit Du mich beschwichtigen wolltest – nun, ich muss mir es gefallen lassen, dass Du mit allen Pfeilen wie ein armes wild mich hetzest. – Und der Clemens, der mich immer spornt mit Dir zu lernen, der immer von mir wissen will, was und