Burg in der Nacht, wo wir vor dem Sturm nicht schlafen konnten – sagtest Du damals nicht, der Wind komme aus der Ferne, seine stimme töne herüber aus der Vergangenheit und sein feines Pfeifen sei der Drang in die Zukunft hinüberzueilen? – Unter dem vielen, was Du in jener Nacht schwätztest, lachtest, ja freveltest, hab ich dies behalten und kann Dir nun auch zum Dessert mit Deinen eignen grossen Rosinen aufwarten, deren Du so weidlich in Deinen musikalischen Abstraktionen umherstreust. – Du gemahnst mich an die Fabel vom Storch und Fuchs, nur dass ich armes Füchslein ganz unschuldig die flache Schüssel geschichte Dir anbot, Du aber Langschnabel, hast Dir mit Fleiss die langhalsige Flasche der Mystik im Generalbass und Harmonielehre erwählt, wo ich denn freilich nüchtern und heisshungrig dabeistehe. Den Blumenstrauss hat der Jude4 abgegeben, den Wacholderstrauch hab ich hinter dem Apoll aufgepflanzt, sie umduften ihn, die blauen Perlen, und die feinen Nadeln sticheln auf ihn. – Wenn Du kommst, so verbrennen wir sie im Windöfchen in meiner kammer, und alle bösen Omen mit, drum sei nicht ungehalten, wenn ich Dir manchmal ein wenig einheize, ich freu mich aufs lustige Feuerchen.
Karoline
Sei mir ein bisschen standhaft, trau mir, dass der Geschichtsboden für Deine Phantasien, Deine Begriffe ganz geeignet, ja notwendig ist. – Wo willst Du Dich selber fassen, wenn Du keinen Boden unter Dir hast? – Kannst Du Dich nicht sammeln, ihre Einwirkung in Dich aufzunehmen? – Vielleicht weil, was Du zu fassen hast, gewaltig ist, wie Du nicht bist. – Vielleicht weil der in den Abgrund springt freudigen Herzens für sein Volk, so sehr hatte ihn Vergangenheit für Zukunft begeistert, während Du keinen Respekt für Vaterlandsliebe hast – vielleicht weil der die Hand ins Feuer legt für die Wahrheit, während Du Deine phantastischen Abweichungen zu unterstützen nicht genug der Lügen aufbringen kannst, denen Du allein die Ehre gibst und nicht den vollen süssen Trauben der Offenbarung, die über Deinen Lippen reifen.
Ob Hoffmann Deine musikalischen Erleuchtungen unter der nassen Leinwand begreifen wird, bin ich begierig zu erfahren. – Wenn er verstehen soll, ob Du recht verstanden hast, so wirst Du ihm wenigstens in deutlicheren Modulationen Deinen enharmonischen Schwindel vortragen wie mir. – Das ist es eben – die heilige Deutlichkeit – die doch allein die Versicherung uns gewährt, ob uns die Geister liebend umfangen. – Wenn's nur nicht bald einmal aus wird sein mit der Musik wie mit Deinen Sprachstudien, mit Deinen physikalischen Eruptionen und Deinen philosophischen Aufsätzen und dies alles als erstarrte Grillen in Dein Dasein hineinragt; wo Du vor Hochmut nicht mehr auf ebnem Boden wirst gehen können, ohne jeden Augenblick einen Purzelbaum wider Willen zu machen. –
Karoline
An die Günderode
Du strahlst mich an mit Deinem Geist, Du Muse, und kommst, wo ich am Weg sitze, und streust mir Salz auf mein trocken Brot. – Ich hab Dich lieb! Pfeif in der schwarzen Mitternacht vor meinem Fenster, und ich reiss mich aus meinem mondhellen Traum auf und geh mit Dir. – Deine Schellings– philosophie ist mir zwar ein Abgrund, es schwindelt mir, da hinabzusehen, wo ich noch den Hals brechen werde, eh ich mich zurecht find in dem finstern Schlund, aber Dir zulieb will ich durchkriechen auf allen Vieren. – Und die Lüneburger Heid der Vergangenheit, die kein ende nimmt, mit jedem Schritte breiter wird – Du sagst im Brief, der mir zulieb so lang geschrieben ist, sie sei mir notwendig zum Nachdenken, zur Selbsterkenntnis zu kommen; ich will nicht widersprechen! – Könntest Du doch die neckenden grausenerregenden Gespenster gewahr werden, die mich in dieser Geschichtseinöde verfolgen und mir den heiligen Weg zum Tempel der Begeistrung vertreten, auf dem Du so ruhig dahinwallest, und mir die Zaubergärten der Phantasie unsicher und unheimlich machen, die Dich in ihre tausendfarbigen Schatten aufnehmen. – Tut der Lehrer den Mund auf, so sehe ich hinein wie in einen unabsehbaren Schlund, der die Mammutsknochen der Vergangenheit ausspeit und allerlei versteinert Zeug, das nicht keimen, nicht blühen mehr will, wo Sonn und Regen nicht lohnt. – Indes brennt mir der Boden unter den Füssen um die Gegenwart, um die ich mich bewerben möchte, ohne mich grad erst der Vergangenheit auf den Amboss zu legen und da plattschlagen zu lassen. Du sprichst von meinem Wahrnehmungsvermögen mit Respekt; hab ich's aus der Vergangenheit empfangen, wie Du meinst – wenn ich Dich nämlich recht verstehe, so weiss ich's doch nicht, wie's zuging. – Ist's der Genius, der dort herübergewallt kommt? – Das willst Du mir weismachen! – Feiner Schelm! – Mein Genius, der blonde, dem der Bart noch nicht keimt – sollte aus dem Schimmel herausgewachsen sein wie ein Erdschwamm! – Wahrlich, es gibt Geister, die drehen sich um sich selber wie Sonnen; sie kommen nicht woher und gehen nicht wohin, sie tanzen auf dem Platz, Taumeln ist ihr Vergnügen, der meinige ist ganz berauscht davon, ich lasse mich taumelnd dahintragen. Der Rausch gibt Doppelkraft, er schwingt mich auf, und wenn er mich auch aus Übermut den vier Winden preisgibt, es macht mir nicht Furcht, es macht mich selig, wie sie Ball mit mir spielen, die Geister der Luft! – Und dann komm ich doch wieder auf gleiche Füsse zu stehen, mein Genius setzt mich sanft nieder – das nennst Du schlafen in träger