, den Glauben, den englischen Gruss kann ich nur noch bruchstückweis; den ganzen Sommerabend, auf den ich so lüstern war, hab ich versimuliert, um den Glauben wieder zusammenzuflicken: "Aufgefahren zu den Himmeln" – so weit – schreibe mir's im nächsten Brief was folgt. – Aber im Grund: – Aufgefahren zu den Himmeln, wär ein gut ende, wenn Du's also auch vergessen hast, so schad's nichts, so brauchen wir beide es nicht zu wissen; aber nachkommen tut noch was, das weiss ich. –
Samstag
Ach gestern war ein Tag voll Sonnenschein, die Mückchen und Käfer haben ihn vertanzt und versummt, die verstehen das Schwelgen im Genuss; ich hab sie belauscht, im hohen Gras überbaut von der Leinwand, die da auf der Bleiche liegt. Die alte Cousine begoss sie ein paarmal in der Mittagsglut, es dauerte eine Weile, bis die einzelnen Tropfen durchkamen und mich benetzten, ich hörte da unten der Musikprobe zu von den Symphonien, die aus dem Boskett herüberschallten in mein ungebildet Ohr und es in Erstaunen setzten über alles, was es nicht fassen konnte. Musik – in Tönen daher getragen durch die Lüfte, die ganze Gewalt der Offenbarung über uns ausströmend und dann verschwebend – wer kann sie wieder wecken, wenn sie verhallt ist; ich bin so närrisch, mir deucht, ich müsst verzweifeln, dass sie verklungen ist und hab ihr nichts abgewinnen können. So wird's noch manchmal gehen, es wird klingen und ich werde's nicht fassen. Gestern sprach ich mit der Grossmutter, die sagte: "Was der Verstand nicht fasst, das begreift das Herz." – Ich begreif das wieder nicht.
heute morgen sagt der Hoffmann: "Der einfache Harmoniensprung ist, wenn zwischen zwei aufeinander folgenden Akkorden eine Harmonie im verstand gehört wird." – Ich hör nicht im Verstand diese Harfühle, nicht was ich verstehe. – glaube's, Musik wirkt, begeistert, entzückt, nicht dadurch, dass wir sie hören, sondern durch die Macht der übergangnen dazwischenliegenden Harmonien, diese halten den hörbaren körperlichen Geist der Musik durch ihre unhörbare geistige Macht verbunden mit sich. – Das ist das ungeheure Einwirken auf uns, dass wir durchs Gehörte gereizt werden zum Ungehörten; denn wir sind durch einen Ton mit allen verwandt und durch alle mit jedem einzelnen besonders; allein ich kann's sagen – gewiss, ich bin während der Musikprobe auf einen Gedanken gefallen, wie Gott die Welt erschaffen hat. – Das grosse Wort: Es werde, leuchtet mir ein. Ohne das Eine ist Alles nichts; ohne Alles ist nicht das Eine. Im Atemzug wallt die ganze Schöpfung: Feuer, Erde, Luft und wasser, und alles Leben, und alles Sein ist Vermählung dieser vier Geister, die das Leben des Weltalls sind. Diese vier schaffen und erzeugen auch sich selbst im Geist, den sie ineinander vereinigen. Musik ist Selbsterzeugung dieser vier Elemente ineinander. In jedem Wesen, das lebt, erzeugen sich die Elemente; das ist Geist, der ist Musik. Auch das Tier hat Musik, es ist sinnlich durchdrungen von wasser, Luft, Erde und Feuer, von ihrem Geist, der in ihm sich erzeugt, darum wird's so aufgeregt durch Musik, weil seine Sinne in ihr schlummern, träumen, und alles hat gleiche Rechte an die Gotteit, was durch Selbsterzeugung der Elemente in ihm zu Geist erhoben wird. – Ich hab's aufgeschrieben, ich starr diese Zeilen an und weiss nicht, was ich sagen wollte. –
Am lichten Tag zerstiebt das Geisterheer der Gedanken, aber dort unter der Leinwand, wo die Sonne durch die gesammelten Wassertropfen auf mich tropfte, wo ich im Netz gefangen lag all der blühenden Gräser, dort war mir's klar: Nicht, was wir mit den Sinnen vernehmen, ist wahre Wollust, nein! – vielmehr das, was unsere Sinne bewegt – zum Mitleben, Mitschaffen, das ist Leben, das ist Wollust – wirkend sein! – Genug, die Geister waren mächtig in mir während der Musik; deutlich riefen sie mir zu: "Eine Geige nimm und fall ein, so wie du fühlst, dass du zur Entfaltung des Harmonienstroms mitwirken kannst, und kannst ihn heben und dich geltend machen im Verbrausen deiner Begeistrung – und dort auf der Höhe dich ausdehnen, dich fühlen in jedem Ton durch die Verwandtschaft deiner stimme mit." – Sollte einer Harmonielehre verstehen und mit Verstand anwenden, er müsste heimlich die Welt beherrschen, ohne dass es einer merkt, und das ganze Universum kläng ihm wie eine Symphonie, und die ganze Weltgeschichte trommelte und pfiff und schalmeiete zu seinem grossen Weltpläsier.
Ja, ich verstehe's, dem Hoffmann werde ich's zwar so nicht sagen, dem werde ich den ersten, zweiten und dritten Grad aller Verwandtschaften darlegen, und wie alles mir unterworfen ist zu dienen, wie ich jedem die herrschaft übertragen kann und wieder abnehmen und wie ich also immer herrsche, solang ich im Strom göttlicher Harmonie mitschwimme.
Adieu! Ich strecke wie ein Krebs meine Scheren aus dem seichten Grund meiner Wahrnehmungen und packe, was ich zuerst erwische, um mich aus dem eignen Unverstand loszuwinden.
An die Bettine
Halte doch noch eine Weile aus mit Deinem Geschichtslehrer; dass er Dir möglichst kurz die Physiognomien der Völkerschaften umschreibt, ist ganz wesentlich. Du weisst jetzt, dass Ägypten mit Babylonien, Medien und Assyrien