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auch nicht." – "Aber bei Gott, ich bemitleide Sie, – Sie sind auf dem Weg närrisch zu werden." –

Ich hätt Dir die Dummheiten nicht erzählt, wenn's nicht einen grossen Lärm gegeben hätt, der Clemens wollte das vom guten Bostel nicht haben, sie redeten so heftig hin und her von Schelmufsky und dem Grossmogul, und im kleinen Häuschen, wo sie zusammen hingegangen waren, ward es so laut, dass es sich von weitem wie Streit anhörte, ich ging hinunter und wartete, bis der Bostel herauskam, der war ganz erhitzt, ich nahm alles auf mich und bat um Verzeihung, dass ich so unartig gewesen sei, und was weiss ich, was ich alles sagte, bis er endlich versprach, mit dem Clemens nicht mehr bös zu sein, und wenn ich meine Unart eingestehe, so wolle er mir verzeihen. – Ich gestand alles zu, dachte aber doch heimlich, was der vor ein possierlicher Kerl wär; der Clemens kam dazu, da ward von beiden Seiten die Schuld auf mich geschoben; ich liess es ohne Widerspruch geschehen und besänftigte beide, sie gaben einander die Hand und mir gute Lehren.

Die Menschen sind gut, ich bin es ihnen von Herzen, aber wie das kommt, dass ich mit niemand sprechen kann? – Das hat nun Gott gewollt, dass ich nur mit Dir zu Haus bin. – Die Manen les' ich immer wieder, sie wecken mich recht zum Nachdenken. Du meinst, dass Dir die Sprache nicht drin gefällt? – Ich glaube, dass grosse Gedanken, die man zum erstenmal denkt, die sind so überraschend, da scheinen einem die Worte zu nichtig, mit denen man sie aufnimmt, die suchen sich ihren Ausdruck, da ist man als zu zaghaft, einen zu gebrauchen, der noch nicht gebräuchlich ist, aber was liegt doch dran? Ich wollt immer so reden, wie es nicht stattaft ist, wenn es mir näher dadurch kommt in der Seel, ich glaube gewiss, Musik muss in der Seele walten, Stimmung ohne Melodie ist nicht fliessend zu denken; es muss etwas der Seele so recht Angebornes geben, worin der Gedankenstrom fliesst. – Dein Brief ist ganz melodisch zu mir, viel mehr wie Dein Gespräch. "Wenn Du noch nicht bald wieder zu uns kommst, so schreibe mir wieder, denn ich habe Dich lieb." Diese Worte haben einen melodischen gang, und dann: "Ich habe die Zeit über recht oft an Dich gedacht, liebe Bettine! Vor einigen Nächten träumte mir, Du seiest gestorben, ich weinte sehr darüber und hatte den ganzen Tag einen traurigen Nachklang davon in meiner Seele." Ich auch, liebstes Günderödchen, würde sehr weinen, wenn ich Dich sollt hier lassen müssen und in eine andre Welt gehen, ich kann mir nicht denken, dass ich irgendwo ohne Dich zu mir selber kommen möchte. Der musikalische Klang jener Worte äussert sich wie der Pulsschlag Deiner Empfindung, das ist lebendige Liebe, die fühlst Du für mich. Ich bin recht glücklich; ich glaube auch, dass nichts ohne Musik im Geist bestehen kann, und dass nur der Geist sich frei empfindet, dem die Stimmung treu bleibt. – Ich kann's auch noch nicht so deutlich sagen, ich meine, man kann kein Buch lesen, keins verstehen oder seinen Geist aufnehmen, wenn die angeborne Melodie es nicht trägt, ich glaube, das alles müsst gleich begreiflich oder fühlbar sein, wenn es in seiner Melodie dahinfliesst. Ja, weil ich das so denke, so fällt mir ein, ob nicht alles, solang es nicht melodisch ist, wohl auch noch nicht wahr sein mag. Dein Schelling und Dein Fichte und Dein Kant sind mir ganz unmögliche Kerle. Was hab ich mir für Mühe geben, und ich bin eigentlich nur davongelaufen hierher, weil ich eine Pause machen wollt. Repulsion, Attraktion, höchste Potenz. – –

Weisst Du, wie mir's wird? – DreherigSchwindel krieg ich in den Kopf, und dann, weisst Du noch? – Ich schäm mich, – ja ich schäm mich, so mit Hacken und Brecheisen in die Sprach hineinzufahren, um etwas da herauszubohren, und dass ein Mensch, der gesund geboren ist, sich ordentliche Beulen an den Kopf denken muss und allerlei physische Krankheiten dem Geist anbilden. – Glaubst Du, ein Philosoph sei nicht fürchterlich hoffärtig? – Oder wenn er auch einen Gedanken hat, davon wär er klug? – O nein, so ein Gedanke fällt ihm wie ein Hobelspan von der Drechselbank, davon ist so ein weiser Meister nicht klug. Die Weisheit muss natürlich sein, was braucht sie doch solcher widerlicher Werkzeuge, um in gang zu kommen, sie ist ja lebendig? – Sie wird sich das nicht gefallen lassen. – Der Mann des Geistes muss die natur lieben über alles, mit wahrer Lieb, dann blüht er, – dann pflanzt die natur Geist in ihn. Aber ein Philosoph scheint mir so einer nicht, der ihr am Busen liegt und ihr vertraut und mit allen Kräften ihr geweiht ist. – Mir deucht vielmehr, er geht auf Raub, was er ihr abluchsen kann, das vermanscht er in seine geheime Fabrik, und da hat er seine Not, dass sie nicht stockt, hier ein Rad, dort ein Gewicht, eine Maschine greift in die andere, und da zeigt er den Schülern, wie sein