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Zeit gefolgt waren, ich aber lag rückwärts und sah in die Höh, auf einmal entdeckte ich, dass der Wald links lichter ward, und dass der Himmel ganz frei war; ich sagte, dort müssen wir hin, da sind wir gleich aus dem Wald. "Um Gotteswillen verlass den Pfad nicht; denn so im Dickicht herumzustolpern in der Nacht, da können wir in Gruben fallen, lass uns ruhig auf dem Weg fortgehen," ich war aber schon vorwärts geschritten und stolperte wirklich und raffte mich auf und fiel wieder und kletterte über Stock und Stein, und die Tonie rief von Zeit zu Zeit, ich antwortete, und da war ich plötzlich im Freien auf der Höhe, die sich abflachte in eine weite Ebene, die ich nicht ermessen konnte, aber ganz in der Ferne sah ich's glänzen, ich rief: "Hier steh ich und sehe den Rhein, Du musst aus dem Wald heraus; denn auf dem Waldpfad kannst Du noch stundenlang unnütz fortwandern." Wir kamen uns entgegen mit Rufen durch die Nacht, doch rückt ich nicht weit herein, aus Furcht, den Weg zu verlieren, endlich reichten wir einander die Hand, und nun zog ich sie hinter mir her. Es ist ein dumm klein Abenteuerchen, aber es machte mich doch so froh, uns so aus dem finstern Wald herausgefunden zu haben. Da standen wir nun und guckten uns umob das dort ein Dorf ist oder dort, ob das ein Licht ist? – Wir setzten uns am Waldrand hin und lugten, es liess sich nichts hören, kein Vögelchen, es war gewiss schon spät, vielleicht bald elf Uhr, und da brannte auch kein Licht mehr in den Örtern, drum konnten wir sie in der Ferne nicht sehen; wir ruhten gelassen ein Weilchen, und da war es so gross um uns her, und das tat so wohl, und dann ward es heller, der Mond musste bald kommen, da wussten wir, dass es um elf Uhr war. – Jetzt sah die Tonie einen Ort für ganz gewiss, sie sah das Kirchdach deutlich glänzen, wir schlenderten, rutschten, kletterten und kamen in die Ebene. Die Tonie behielt das Kirchdach im auge, ich war zu kurzsichtig, aber ich lief voran; denn einen Weg zu bahnen, das kann ich besser. – "Links! – rechts!" – rief sie, und so ging's über abgemähte Felder, endlich an einen Graben mit wasser, den wir glücklich übersprangen, dann über Zäune, dann Wiesen, dann Gärten, und der Mond war auf, beleuchtet einen breiten Weg, der nach dem Ort führt, aber ein grosses festes Tor schliesst diese verwünschte Stadt, die in ihrem Mondschein in Totenstille versunken liegt, dass nicht ein Hund bellt, nicht eine Katze mauzt. Da stehen wir mit unsern Stecken in der Hand und gucken das Tor an, das war mir schon sehr lächerlich, ich sag: "Ob ich versuch hinüberzuklettern?" – Denn es war oben offen, aber unmöglich, denn es war sehr hoch, von eichnen Bohlen in ein Paar glatte dicke Pfähle die Angeln eingefügt. "Da sehe mal," sagt die Tonie, "da ist zwischen dem Pfahl und der Stadtmauer ein Ritz," – handbreitwenn ich die Oberkleider abwerf und den Atem anhalt', so kann ich durch, und nun geschwind alles was mich hinderte, an die Erd' geworfen und durch war ich, da setzte ich mich aber erst auf den Eckstein am Tor und lachte, und das schallte die Strasse hinab und fand ein Echo und schallte wieder herauf. – "Ach, ich bitte Dich, lach nicht, Du weckst alle Leute auf, und die können uns wer weiss was tun," flehte sie durch den Ritz, – ich nahm mich zusammen, besichtigte das Tor, fand, dass es mit zwei starken eisernen Riegeln zugebummst war, nahm einen Stein und klopfte die Riegel zurück. "Mach keinen Lärm, poltere nicht so", – aber das half nicht, ich war im heissen Eifer, das Tor musste weichen, auf einmal gingen beide Flügel auseinander, und da stand sie vor mir und hielt ihren Einzug; jetzt wanderten wir schweigend durch die Strassen und musterten die Häuser, wir klopften an den Türen, an den Läden, kein laut gab Antwort, endlich öffnet sich ein Giebelfensterchen, ein Männchen guckt heraus mit einem brennenden Kienspan in die Luft leuchtend, bei dessen Flamme wir ein bebartetes Kinn entdecken und also auf ein ungetauftes Mitglied der Menschheit schliessen, welches seine stimme auch nicht leugnet. "Wir sind Kurgäste aus Schlangenbad, die sich verirrt haben, und hätten gern einen Führer." – Er bedeutet, dass gegenüber der Torwächter wohnt. Wir klopfen an, – eine Weile dauert es, auf einmal tut sich ein Loch am Boden auf, und unter der Erde kommt herauf ein in braunem Pelz eingehüllter Riese mit einem Baum in der Hand, ein Stock war's nicht, dazu war's zu gross, er setzt sich in Trapp und treibt uns vor sich her zum Tor hinaus, immerzu, den Pfad am Berg hinauf, – bald aber sagte mir die Tonie ins Ohr: "Wenn der gewaltige Mann dahinter uns mit seinem Kolben einen Schlag gäbe, es ist mir recht bang", – nun, wir lassen den Mann vor uns gehen, da sehen wir