grosse Unglück, und so schliess ich, wovon ich ausging, dass allemal das Schicksal des Menschen das höchste Kleinod sei, das nicht wegwerfend zu behandeln ist, sondern es soll mit Ehrfurcht gepflegt und sich ihm unterworfen werden." – Der Voigt bereuete sehr, dass er die Predigt nicht ganz gehört habe, und meint, da er in wenig Worte so viel zusammendränge, so müsse er in der entwicklung sehr geistreich sein. Ich aber war froh, dass wir zu spät gekommen waren, denn mir schien das Tema sehr traurig, Leiden im voraus zu ahnen und sich darauf vorzubereiten, das will mir nicht in den Sinn. – Am Abend waren wir ganz einsam, die Tonie und ich, es ist gar niemand mehr hier, ich wär so gern noch hinaus spazieren gegangen und liess mir den Lelaps holen, den Hund von der Küstersfrau, der mich kennt, weil ich ihn schon oft mitgenommen habe auf dem Spaziergang, der kam mit einem Laternchen am Hals mit einem brennenden Lämpchen, womit er immer bei nebligem Wetter seinen Herrn begleitet; das machte mir gross Pläsier, ich nahm meinen guten Stock, der zusammengeflochten ist von drei guten spanischen Rohren, und den mir der Savigny geschenkt hat, und ging mit meinem guten Lelaps als fort zwischen die Schluchten, in denen der Nebel hin und her wogte, und sein klein Lichtchen verschwand oft, dass ich ihn nicht mehr sah, aber wenn ich rief, da kam er durch den dicken Nebel herbeigelaufen, da wurde das Lichtchen wieder sichtbar, was mir das für Spass gemacht hat, der Hund und ich allein, und die Nebel, die herumflankierten wie Geister, herüber und hinüber, aufstiegen und hinabkletterten, es war eine Geschäftigkeit in diesen Felsritzen und an den Bergwänden hinab, wo man einen freien blick ins Tal hatte, ich konnte mir gar nicht denken, dass es nicht Geister wären, und ich glaube's noch, und ich war innerlich recht glücklich und froh, dass ich dazugekommen war, und dass ich und der Hund von den Geistern so gut gelitten war, denn Du glaubst nicht, wie gut der Nebel tut, wie sanft, wie weich er sich einem anschmiegt, mein Gesicht war ganz glatt davon, und wir sind auch glücklich wieder nach Haus gekommen. – Ich bin so froh, dass ich unbedeutend bin, da brauch ich keine gescheiten Gedanken mehr aufzugabeln, wenn ich Dir schreibe, ich brauch nur zu erzählen, sonst meint ich, ich dürfte nicht schreiben ohne ein bisschen Moral oder sonst was Kluges, womit man den Briefinhalt ein bisschen beschwert, jetzt denke ich nicht mehr dran, einen Gedanken zurecht zu meisseln oder zusammen zu leimen, das müssen jetzt andre tun, wenn ich's schreiben soll, ich selbst denke nicht mehr. Ach, von dem Einfältigsten, Ungelehrtesten verstanden und gefühlt zu werden ist auch was wert; und dann dem Einzigen, der mich versteht, der für mich klug ist, keine Langeweile zu machen, das kommt auf Dich an.
Wir waren am Rhein und sind wieder den andern Tag zurück spät abends, so ist heute schon Donnerstag, es war schön in Rüdesheim, die Tonie hatte dort über jemand zu sprechen, der als Geistlicher in unser Haus soll, ich guckte indes auf der Bremserin aus dem grossen schwarzen Gewölb auf die Wiese im Abendschein, es flogen all die Schmetterlinge über mich hinaus, denn da oben auf der Burg wächst so viel Tymian und Ginster und wilde Rosen, und alles hat der Wind hinaufgetragen; man meint als, der fliegende Blumensamen müsst eine Seel haben und hätt sich nicht weiter wollen treiben lassen vom Wind und wär am liebsten dageblieben, alles blüht und grünt, so viel Glockenblumen und Steinnelken und Balsam, ich dachte, wie ist's doch möglich, dass das alte Gemäuer so überblüht ist. – Blum an Blum! Unten in der Ruine wohnt ein Bettelmann mit der Frau und zwei Kindern, sie haben eine Ziege, die bringen sie hinauf, die grast den duftenden Teppich mir nichts, dir nichts ab. – Ich war eine ganze Stunde allein da und hab hinaus auf dem Rhein die Schiffe fahren sehen, da ist mir's doch recht sehnsüchtig geworden, dass ich wieder zu Dir will, und wenn's noch so schön ist, es ist doch traurig ohne Widerhall in der lebendigen Brust, der Mensch ist doch nichts als Begehren sich zu fühlen im andern. Du lieber Gott! Eh ich Dich gesehen hatte, da wusst ich nichts, da hatte ich schon oft gelesen und gehört, Freund und Freundin, und nicht gedacht, dass das ein ganz neu Leben wär, was dachte ich doch vorher von Menschen? – Gar nichts! – Der Hund im Hof, den holt ich mir immer, um in Gesellschaft zu sein; aber nachher, wie ich eine Weile mit Dir gewesen war und hatte so manches von Dir gehört, da sah ich jed Gesicht an wie ein Rätsel und hätt auch manches gern erraten, oder ich hab's erraten; denn ich bin gar scharfsinnig. Der Mensch drückt wirklich sein Sein aus, wenn man's nur recht zusammennimmt und nicht zerstreut ist und nichts von der eignen Einbildung dazutut, aber man ist immer blind, wenn man dem andern gefallen will und will was vor ihm scheinen, das hab ich an mir gemerkt. Wenn man jemand lieb hat, da sollt man sich lieber recht fassen,