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, Dich hier zu besuchen, wenn man allein ist, da kann man viel besser klettern, und wie heute nachmittag alles Siesta hielt, bin ich hierher gekommen und hab gesehen, was der Herzog für Buchstaben in den Baum geschnitten hat: Z D F und seinen Namen drunter, ich weiss, was es heisst, grade, was er unter Dein Manuskript von der Immortalita geschrieben hat. – Der Voigt sagt mir, sein Buch sei sehr witzig, und hat mir noch manches Schöne erzählt von ihm und auch Sonderbares. – Das Buch müssen wir zusammen lesen den Winter. heute nachmittag war alles versammelt beim Tee auf der Terrasse. Die Lust auf weite Partien ist gedämpft, wir spielten Federball und machten Seifenblasen, die flogen zwischen die Bäum und bald hier- oder dortin, auch eine auf dem Haise seine Nas' glaube ich.

Sonntag

heute morgen war man zum letzten Frühstück versammelt; denn morgen geht alles fort, der ganze Vormittag verging mit Spaziergängen von Paar und Paar im Wald, ich schlenderte mit dem Voigt nach einem grünen Platz und las ihm vor aus Deiner Brieftasche, ich las ihm die Manen vor und knüpfte allerlei Ideen dran, die ich nicht recht aussprechen konnte, ich kann vor niemand sprechen wie vor Dir, ich fühl auch die Lust und das Feuer nicht dazu als nur bei Dir, und was ich Dir auch sag oder wie es herauskommt, so spür ich, dass etwas sich in mir regt, als ob meine Seele wachse, und wenn ich's auch selbst nicht einmal verstehe, so bin ich doch gestärkt durch Deine ruhigen klugen Augen, die mich ansehen, erwartend, als vermen wird, Du zauberst dadurch Gedanken aus mir, deren ich vorher nicht bewusst war, die mich selbst verwundern, andre Leute haben mit mir keine Geduld, auch der Voigt nicht, der sagt: "Ich weiss schon, was Sie wollen," und sagt etwas, was ich gar nicht gewollt hab. – Dann mach ich's aber wie Du und hör ihm zu, und da hör ich allemal was Kluges, Gutes. – heute sagte er: die Vernunft sei von den Philosophen als ihr Gott umtanzt und angebetet, wie jeder seinen Gott anbete, nämlich als ein Götze, der zu allem gelogen werde, was man nur in der Einbildung für wahr halte, Dinge, die man auf dem Weg des Menschensinnes und der Empfindung allein finden könne und solle; die würden zu Sätzen, die auf keiner empfundenen Wirklichkeit beruhen, nur als willkürliche Einbildungen gelten und wirken. – Philosophie müsse nur durch die Empfindung begriffen werden, sonst sei es leeres Stroh, was man dresche, man sage zwar, Philosophie solle erst noch zur Poesie werden, da könne man aber lange warten, man könne aus dürrem, geteertem Holz keinen grünen Hain erwarten, und da möge man Stekken bei Stecken pflanzen und den besten Frühlingsregen erbitten, er werde dürr bleiben, während die wahre Philosophie nur als die jüngste und schönste Tochter der geistigen Kirche aus der Poesie selbst hervorgehe, dies sagte er dem Mstr. Haise, der studierter Philosoph ist, der war darüber so aufgebracht, dass Voigt die Poesie die Religion der Seele nenne, dass er mit beiden Füssen zugleich in die Höhe sprangund nachher mir allein sagte: ich möge dem Voigt nicht so sehr trauen; denn seine Weisheit sei ungesund und könne leicht ein junges Herz verführen, sonst war alles ganz gut, wir tranken nachmittag auf dem Musenfels Kaffee und machten ein lustig Feuer im Wald an und tanzten zuletzt einen Ringelreihen drum, bis die letzten Flammen aus waren, und alle waren wie die Kinder so vergnügt, und mir kam es vor, als wenn gar kein Falsch oder versteckte Gesinnung mehr unter allen wär. Ein freies Gemüt ist doch wohl das Höchste im Menschen. Nie eine Periode des Menschenlebens verlassen, so wie sie rein erschaffen ist, um in eine andre überzugehen, dabei nie eine derselben vermissen, ewig Kind sein, als Kind schon Mann und Sklave des Guten sein, Gott anbeten in Ehrfurcht und mit ihm scherzen und spielen in seinen Werken, die selbst ein Spiel seiner Weisheit, seiner Liebe sind, sagte Voigt auf dem Heimweg zum Mstr. Haise, und der war zufrieden und reichte ihm die Hand. –

Gute Nacht

Am Montag

Gestern hätt ich nun rechte Zeit gehabt, Dir zu schreidem Bett und schläft, man war bis spät in der Nacht aufgewesen, ich ging noch auf die Terrasse, um Abschied zu nehmen, weil am Morgen alles vor Tag abreiste; nur der Voigt blieb da bis Mittag, weil er nur bis Mainz ging. Er ging mit mir in die kleine Kapelle zur Messe, da war eben die Predigt wieder am Ende, es war unser Franziskaner. "Warum hat Jesus, da er ans Kreuz geschlagen ist und die bittersten Schmerzen leidet, zugleich eine himmlische Glorie um sein Haupt, die allen Anwesenden das Mitleid verbietet, die zugleich das seligste ruhmvollste Entzücken andeutet mit dem menschlichen Kampfe im Elend? – Warum liegt in jedem seiner Taten, seiner Worte, das Irdische mit dem Ewigen so eng verbunden? – Er hat seine Leiden nicht mit Freuden vertauscht, da er es wohl vermochte. – Also, Mensch hab dein Schicksal lieb, wenn es dir auch Schmerz bringt, denn nicht dein Schicksal ist traurig, wenn es dir auch noch so viel Menschenunglück zuführt, aber dass du es verschmähest, das ist eigentlich das