und ging zurück; denn der Herzog sprach noch mit ihr. – Sein Wagen war auch vorgefahren, er legte mir die Hand auf den Kopf und sagte: "Auf Wiedersehen!" – und lachte mich an, und ich dachte: "Ach Gott, am ende hat er den Zettel dem Lipps gegeben." Er stieg in den Wagen im leberfarbnen Rock, und wie das Windspiel nachsprang und sich zu seinen Füssen legte, da sah ich wohl so etwas auf dem Rücksitz liegen wie einen weissen Mantel, der hellblau gefüttert war, aber er sah doch nicht ganz weiss aus, sondern mehr hellgrau, aber die graue Mütze sah ich, wie mich deucht, auch. – Ja, ich sah sie gewiss, ich wollt sie nur nicht erkennen, weil ich mich schämte; – aber das dauerte noch eine Weile, dass ich mich gar nicht trösten konnte, und so oft mir's einfällt, werde ich aufs neue rot vor mir selber. – Aber ich denke nur immer, ein Prinz hat kein lang Gedächtnis, er wird's bald vergessen. Ach, wenn er's nur recht bald vergässe! – Gute Nacht. Morgen erzähl ich Dir noch mehr von heute, von unserm Sonnenaufgang hab ich Dir noch gar nichts erzählt, dass wir den gar nicht gesehen haben, und dass die Sonne hinter uns aufging, – und dass alles über die in der Ferne liegenden Berge sah und meinte, sie sollt dort hervorkommen, und dass sie hinter der Felswand in unserm rücken aufstieg und der Mstr. Haise, mit dem Perspektiv bewaffnet, und der Voigt, der mir immer ins Ohr sagte: "geben Sie acht, was passieren wird, Sie werden sich alle bald verwundern." Kein Mensch achtete seiner Reden. – Es ward hell und hell und die Sonn kam nicht, und auf einmal war sie hinter uns, ganz mässig und vernünftig, ohne Aufwand, wie wir sie beim Frühstück auf der Terrasse auch hätten sehen können, aber der grosse Streit, der vorfiel, keiner wollte der sein, der es nicht gleich gedacht hatte, jeder sollt den andern verführt haben, es war wirklich ein wunderlicher Streit, und der Mstr. Haise mit dem Perspektiv, mit dem er die Sonn zuerst hatte entdecken wollen! – Der Voigt wurde am meisten gezankt, und er sollte zuletzt allein dran schuld gewesen sein, er hätt sie mit Fleiss all herumgewendet, und er hätte davon gesprochen zuerst, dass dort gegen Morgen läg. Er sagte aber, nein, er hätt sie nicht verführt, er hätt es aber wohl gewusst, drum hätt er auch gesagt: sie würden sich bald alle sehr verwundern, aber er wüsst, er stände in so schlechtem Kredit bei ihnen, dass er sich nicht getraut hab, es ihnen zu sagen; denn sie hätten's doch nicht geglaubt.
Am Samstag –
Den Kanarienvogel schenk ich dir, Du sollst ihn behalten, er hat Dich lieber wie mich, und ich bin ihm gut, was soll ich ihm seine eingesperrte Lebensfreud verketzern. Ich bin aber kein Kanarienvogel, und Du kannst mich nicht hingeben wollen; denn ich schenk Dir alles, Du sollst mich nicht hergeben. – Meine Altan ist doch schön, nicht wahr? – Als Kinder hat uns da der Herr Schwab die biblische Geschichten vorerzählt, abends, eh wir zu Bett gingen, da hab ich den Mond zum erstenmal scheinen sehen. Wie wunderlich war's doch, und die Fenster von den Stuben nebenan, wenn da abends Licht drin war, die malten den Schatten von den Sträuchern auf den Boden, da sass ich so gern allein auf dem Boden und sah den Schatten rund um mich sich bewegen. Ich hab mich wohl immer gefürchtet als Kind, aber mehr bei Tag, wenn ich allein war und im Zimmer, wo alles so nüchtern aussah, aber in der Nacht war was Vertraulistern gehört hatte, war die Empfindung in mir, dass etwas Lebendiges in der Umgebung sei, dessen Schutz ich vertraute; so war mir's auf der Altan als Kind von drei oder vier Jahren, wo beim Sonnenuntergang immer alle Glocken den Tod des Kaisers einläuteten, und wie's da immer nächter ward und kühler, und es waren keine Leute um mich und als ob die Luft lauter Geläute sei, was mich umfing; da kam eine Traurigkeit über mein kleines Herzchen und dann wieder so rasches Zusammennehmen, ich fühl's noch, wie wenn der Schutzengel mich auf den Arm nähm. Jetzt muss ich aber sagen: Was ist doch das Leben für ein gross Geheimnis, das so dicht die Seel umschliesst wie die Puppe den Schmetterling, kein Licht strahlt durch den Sarg, aber die Sonnenwärme empfindet die inwendige Seele und wächst und wächst unter schweren Ahnungen, unter Tränen. Ach verzeih's, dass ich gleich traurig war, aber die Altan! – Dort hab ich ganz sehnsüchtige Augenblicke schon gehabt, die mir wie Schwerter durchs Herz gingen, und ich wusste nicht, was es war, und weiss es noch nicht. – Grad in der schönen blühenden Zeit war mir's immer so traurig, grad am hellen Mittag, wenn da so ein Bienchen eine Weile herumschwärmte. – Ach was! – Ich will lieber was anders denken. – Du bist recht gut, dass Du allerlei so sub rosa hervorleuchten lässt, was mich heimlich freut. – Was mir doch noch wird? –