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an die rührt der Schmetterling, wenn er reif ist, und dann öffnet sie sich, aussen ist die Puppe ganz hart, dass man sie nicht verletzen kann. – Ich hab mir's express aufgehoben für Dich, ich will Dir's zeigen und über die Unsterblichkeit mit Dir nachdenken dabei. – Wenn ich so was sehe in der natur, wovor gesorgt ist, dass alles geschützt ist so sorgsam, dass es nicht gestört wird, bis es reif ist, das schauert mich an, und gewiss ist nichts so traurig als sie stören; denn so zärtlich wie sie ist, muss es ihr durch die Seele gehen. – Ich mag mich nicht an ihr versündigen, nicht mich empordrängen und was sein wollen vor der Zeit, mag nicht ein starker Kopf werden, sie will's nicht, die natur, sie sagt, ich soll laufen und springen und Überlegung soll ich gar nicht haben, und in Deinem Brief steht's nun auch geschrieben, was mich so sehr freut, unbedeutend! – Da bin ich von Herzen dabei, wenn Du nur auch so dumm sein willst und mich den bedeutenden Leuten vorziehen. Du musst allen Leuten zugeben, dass nichts ist mit mir, da wird sich's bald geben; eigentlich wer schuld ist, das ist der Clemens, der hat aus grosser Lieb zu mir sich immer an allem gefreut, was ich getan hab, und hat meine unbedachtsame Reden als wunderschön gefunden. Nun, was liegt dran? – Aber auf die Burg kommst Du doch noch? – Nicht wahr? Da sind wir zwei mit dem Dämon zusammen und fragen nach sonst niemand. – Ich freu mich so drauf, dass mir manchmal das Herz klopft, und wenn ich mich besinn, was es ist, so sind es die acht Tage, wo wir zwei zusammen in einer stube schlafen, und der Herbstwind geht dann schon und schüttelt das Laub ab von den Platanen, und nachts wecken wir uns, wenn wir einen Gedanken haben, und schlafen dann gleich wieder. Ich kann Dir auch viel von hier erzählen, ich hab eine Menge Gedanken, die ich nicht aufschreiben kann, manchmal spring ich auf, als müsst ich zu Dir und Dir gleich was ganz neu Gedachtes sagen. – Aber ich hab Dir ja noch nicht erzählt, was heute noch vorgefallen ist. Um zwölf Uhr sind wir hinunter, bloss ich und die Tonie zur Kurprinzessin, um Abschied von ihr zu nehmen, die Tonie hatte ihr auf den Tisch im Vorsaal all die schönen Früchte aufgestellt und die Blumen dazwischen, sie nahm sehr freundlich von allen und sagt so viel herzlich Gutes zur Tonie, dass ich zum erstenmal empfand, als wenn es wahr wär, was ich bei andern nie glaube, wenn sie höflich sind. Du fragst: wenn Du nun auch eifersüchtig sein wolltest auf die Kurprinzess. Ei warum bist du's nicht? – Das ist eben, was mir leid ist, wenn ich Dir heute sagte, sie wollt mich mitnehmen und ganz bei sich behalten, da würdest Du am ende ganz kalt schreiben: "Liebe Bettine, es tut mir zwar leid, dass unser Umgang hierdurch unterbrochen wird, aber ich rate Dir sehr, lass Dich dadurch nicht abhalten." – Und ich würde das aber nicht tun, selbst wenn ich mir denke, dass Du mir so kalt antworten könntest und könntest es leicht verschmerzen, obschon mir die Kurprinzess am liebsten ist von allen, die ich gesehen hab, denn ausser der Grossmama und Dir hab ich nie Frauen gesehen, die mir edel vorkamen, denn ich häng innerlich mit Dir zusammen, das weiss ich, und der Dämon hält mich auch fest bei Dir; und wo sollt ich noch einmal fühlen so vertraulich? – Kann man so bei Prinzessinnen simulieren, so im Mondschein im Zimmer an der Erde liegen und ihm nachrücken und Geschichten erfinden wie wir den Winter, und wenn ich Dein Haar flechten wollt, da hast Du mich's lassen aufflechten und wieder flechten und erfandest Ossians Gesänge, während ich es kämmte.

Deine Locken gleich den Raben düster,

Deine stimme wie des Schilfs Geflüster,

Wenn der Mittagswind sich leise wiegt.

Weisst Du noch, wie ich's Dir still nachsang, was Du so schauerlich mir vorsagtest, und weisst Du wohl, dass da mein Herz ganz voll Tränen war, mehr wie einmal, und heimlich stritt ich mit mir, dass ich stark sein wollt und meine Schmerzen bezwingen? – Ich wollt Dir's nicht zeigen, wie tief das in mich ging:

Denn mein Schwert umgibt wie Blitzes Flügel

Dich, du Liebliche, du schönes Licht. –

Wie oft hab ich das gesungen für mich und war ein Held. –

Collas Tochter sank zum Schlafe nieder,

O! Wann grüssest du den Morgen wieder?

Schöngelockte, wirst du lange ruhn? –

Ach! Die Sonne tritt nicht an dein Bette,

Spricht: "Erwach aus deiner Ruhestätte,

Collas schöne Tochter, steig herauf!" –

Junges Grün entkeimet schon dem Hügel,

Frühlingslüfte fliegen drüber her.

Sonne, birg in Wolken deinen Schimmer!

Denn sie schläft, der Frauen erste! – Nimmer

Kehret sie in ihrer Schönheit mehr.

Das hab ich so oft gesungen und auch am Fels vorgestern, und ich kann so schöne Melodien drauf, die mir alle durchs Herz gehen, und wenn wir auf der Burg sind den Herbst, dann wollt ich Dir