1840_Arnim_003_27.txt

die Mittagsonne schien sehr hell. Da spiegelten die kristallnen Tropfen allerliebst in den Netzen, Dein Bruder meinte, wenn die Netze noch weiter gingen, so könne das eine Voliere für Schmetterlinge sein, die er vergeblich sich bemüht als Raupen zu zähmen; denn wenn sie aus der Puppe ausflögen, so hätten sie aller Pflege und Nahrungssorgen, die er für sie als Raupen getragen, vergessen. – Mich amüsierte sehr seine ernstafte Behauptung, bei der Raupe und Puppe auf die Seele des Schmetterlings wirken zu wollen. – Ich meine, die ungeheuren Spinnen würden wohl alle Dankbaren und Undankbaren verzehren, die in dieser Voliere eingefangen wären. – Noch soll ich Dir sagen von ihm, dass der Hopfen übers Dach hinaufgewachsen ist in die offnen Fenster herein. – Du hörst gern von Deinem kleinen Paradiesgarten, in dem alles so schön ist und kein Baum, von dem man die Äpfel nicht essen darf.

An die Günderode

Mit der einen Hand hab ich meinen Brief dem Bot' gereicht, mit der andern Deinen genommen, wir kamen eben von unserm Sonnenaufgang zurück, so sah ich den Bot' überm Tal am Berg hersteigen, ich wollt mit ihm zusammen ankommen, ich lief, die andern wussten nicht warum, sie riefen mir nach, ich galoppierte als an der Bergwand hin und schlug mit dem Stecken an die Äst, das regnete im heissen Lauf kühlen Tau auf mich, dann schoss ich bergab ins Tal und konnte nicht einhalten, der gut Bot' stellte sich gegenüber und fing mich auf; oben stand die ganze Gesellschaft, ein Kopf über dem andern, der Mstr. Haise in der Mitt und guckt durchs Perspektiv, ich legt mich ins Gras und schnaufte aus. – Potztausend, wieviel Hämmerchen pochten in meinem Kopf, lauter Goldschmied, und der grosse Hammer in meiner Brust, das war ein Grobschmied; die andern kamen herbei, wie ich im hohen Gras verschwand, glaubten sie, ich sei ohnmächtig oder sonst was, der Voigt schrie, Gott bewahr, solche Einbildungen hat sie nicht; ich guckte aus dem Gras hervor und lachte sie aus, aber da schrie alles: ich hätt können den Hals abstürzen, ich hätt können Arm und Bein brechen, mich hätt können der Schlag rühren, unvorsichtig, tollkühn, sinnlos schrien sie. – Was Guckuck, ich wollt's nicht mehr hören, ich setzt mich wieder in Galopp, der Badepeter hatte grad die Bäder angelassen, ich rief ihm zu: "Sagt nicht, wo ich geblieben bin!" Und sprang ins wasser mit Schuh und Strümpf und allen Kleidern; da unterm wasser warf ich die Kleider ab und dachte nicht gleich, dass ich Deinen Brief im Busen stecken hatte, bis er auf dem wasser schwamm, ich hab ihn gleich auseinander gelegt und an dem Strick festgemacht in der Mitte vom Badegewölb, womit man die Klapp aufzieht, wenn's zu heiss ist, er flatterte im Luftzug über mir und drehte sich hin und her, ich bin ihm immer nachgeschwommen, links und rechts und hab ihn buchstabiert, hier ein teil und dort wieder, wie der Wind das Blatt drehte, das hat mich ergötzt, und auch hab ich mich gefreut, wenn ich aus dem Bad käm', ihn zu lesen, und dann stimmt ich an: "O du der Götter Höchster, der über Olympia mächtiglich waltet, lass beim Laufe der Flur günstige Winde in den schläfebeschattenden Kränzen mir wehen." – Da wussten sie auf einmal, wo ich geblieben war; denn alles war in den Bädern und meine stimme schallte laut am Gewölb, und da hört ich sie rufen: La voila! – und: wieder eine Tollheit, so erhitzt ins wasser zu springen. – Wollt ich nicht von allen Seiten schreien hören, so musst ich wieder singen: "Lass, o Jupiter, mit leichten Füssen mich hingleiten dem schnellfüssigen Tage zuvor, der mich sieggekrönt am Abend begrüsse mit der Unsterblichkeit süss hallendem Ruf." – Da kam die Lisett als Gesandtschaft von den andern, was war die verwundert, als sie die Kleider unter wasser sah und die Schuh auf der untersten Treppe, zwei volle Becher. – Ich sah ihr die Bestürzung an, sie glaubte, ich sei toll geworden, sie reichte mir verstummt ein Zettelchen, darauf stand: "Wohlan Füllenbändiger, opfere einen feisten Stier der Rossebezähmerin Pallas Atene und ihren goldgewirkten Zügel wirf schnell um den jungfräulichen Hals." – Ich frag, wer ihr den Zettel gab, sie sagt der Badpeter, ich frag den Badpeter, der sagt sein Sohn Lipps, ich frag den Lipps, der sagt am Röhrbrünnchen ein Herr in Schlappschuhen, eine Zigarre im Mund. – Was hatte er an, wie sah er aus? – Weisser Mantel, graue Sammetmütze. – Ich hielt fürs beste zu schweigen und niemand was vom Zettel zu sagen, den Zettel legt ich zu meiner merkwürdigen Naturaliensammlung, worunter ist ein goldglänzendes Horn von einem Weinschröter, das hohl ist und so zierlich, dass es sehr gut als Trinkhorn könnt passen für ein Elfchen, das ein Jäger wär, ich hab's deswegen aufgehoben, wenn mir einmal eins begegnet, ferner mehrere durchsichtige Steine, die sehr gut Edelsteine sein könnten, wenn die Sonn nur noch ein bisschen besser durchschien, und eine Puppe, aus der ich selbst den Schmetterling hab auskriechen sehen, die tut sich auf und entlässt den Schmetterling und schliesst sich wieder, sie hat inwendig wie kleine Stahlfedern,