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Nachen

Nach dem unbekannten Land,

Wo die Sonne nicht wird tagen

An dem ewig finstern Strand. –

Zagend sehen wir ihn eilen,

Denn der blick möchte noch verweilen

An des Lebens buntem Rand.

Sie fahren weg.

Die vorige Szene

Charons Nachen landend. Erodion springt ans Ufer.

Immortalita im Hintergrund.

ERODION. Zurück, Charon, von diesem Ufer, das kein Schatten darf betreten! Was siehst du mich an? – Ich bin kein Schatten wie ihr; eine frohe Lebens Funken zur Flamme angefacht. CHARON für sich. Gewiss ist dieser der Jüngling, der die goldne Zukunft in sich trägt.

Er fährt ab mit seinem Nachen.

IMMORTALITA. Ja, du bist's, von dem Hekate mir weissagte, bei deinem Anblick werde des Tages Strahl durch diese alten Hallen, durch diese erebische Nacht hereinbrechen. ERODION. Wenn ich der Mann bin deiner Weissagungen, Mädchen oder Göttin! Wie ich dich nennen soll, so glaube, du bist die innerste Ahnung des Herzens mir. IMMORTALITA. Sage, wer bist du, wie heissest du, und wo fandst du den Weg zum pfadlosen Gestade hierher? – wo Schatten nicht noch Menschen wandlen dürfen, nur unterirdische Götter. ERODION. Ungern möchte ich zu dir von anderm reden als nur von meiner Liebe. Aber rede ich dir von meiner Liebe, so ist's ja mein Leben. Höre mich denn: Eros' Sohn bin ich und seiner Mutter Aphrodite, der Liebe und Schönheit Doppelverein hatte in mein Dasein schon die idee jenes Genusses gelegt, den ich nirgend fand und überall doch ahnete und suchte. Lange war ich ein Fremdling auf Erden, von ihren Schattengütern mocht ich nichts geniessen, bis träumend mir durch deine Eingebung eine dunkle Vorstellung von dir in die Seele kam. Überall geleitete mich dieser idee Abglanz von dir, überall verfolgte ich ihre geliebte Spur, auch wenn sie mir untertauchte im Land der Träume, und so führte sie mich zu den Toren der Unterwelt, aber nie konnte ich zu dir durchdringen; ein unselig Geschick rief mich immer wieder zu der Oberwelt. IMMORTALITA. Wie Knabe! – so hast du mich geliebt, dass lieber den Helios und das Morgenrot du nicht mehr sehen wolltest, als mich nicht finden? ERODION. So hab ich dich geliebt, und ohne dich konnte die Erde nicht mehr mich ergötzen, nicht mehr der blumige Frühling, der sonnige Tag, die tauige Nacht, die zu besitzen der finstere Pluto gern sein Zepter hätt vertauscht. Aber wie eine grössere Liebe in meiner Eltern Umarmungen sich vereint hatte als alle andre Liebedenn sie waren die Liebe selbstso die sehnsucht auch, die zu dir mich trieb, war die mächtigste, und über alle Hindernisse siegreich war mein Glaube, dich zu finden; denn meine Eltern wussten, dass, der aus Lieb und Schönheit entsprungen, nichts Höheres auf Erden finde als sich selbst, und hatten diesen Glauben zu dir mir gegeben, dass meine Kraft nicht sollt ermüden, nach Höherem zu streben ausser mir. IMMORTALITA. Aber wie kamst du endlich zu mir? unwillig nimmt Charon Lebende in das morsche Fahrzeug, für Schatten nur erbaut. ERODION. Einst war mein Sehnen dich zu schauen so gross, dass alles, was die Menschen erdacht, dich ungewiss zu machen, mir klein erschien und nichtig. Mut begeisterte mein ganzes Wesen: ich will nichts, nichts als sie besitzen, so dachte ich, und kühn warf ich dieser Erde Güter alle weg von mir und führte mein Fahrzeug hin zu dem gefahrvollen Fels, wo alles Irdische scheitern sollte. Noch einmal dachte ich: wenn du alles verlörst, um nichts zu finden? – aber hohe Zuversicht verdrängte den Zweifel, fröhlich sagt ich der Oberwelt das letzte Lebewohl, die Nacht verschlang micheine grässliche Pause! – ich fand mich bei dir. – Die Fackel meines Lebens flammt noch jenseits der stygischen wasser. IMMORTALITA. Die Heroen der Vorwelt haben diesen Pfad schon betreten, der Mut hat herüber zu streifen gewagt, aber der Liebe nur war vorbehalten, ein dauernd Reich hier zu gründen. Die Bewohner des Orkus sagen, mein Dasein hauche ihnen unsterbliches Leben ein; so sei denn auch du unsterblich; denn du hast Unnennbares in mir bewirkt, ich lebte ein Mumienleben, aber du hast mir eine Seele eingehaucht. Ja, teurer Jüngling! In deiner Liebe erblicke ich mich verklärt; ich weiss nun, wer ich bin, dass ein sonniger Tag diese alten Hal

len beglänzen wird.

Hekate tritt hinter dem Altar hervor.

HEKATE. Erodion, trete in den Kreis der Schlange. Er tut es: die Schlange verschwindet. Zu lange, Immortalita, warst du, durch die Macht des Unglaubens und der Barbarei, von wenigen gekannt, von vielen bezweifelt, in diesen engen Kreis gebannt. Ein Orakel, so alt als die Welt, sagt, der gläubigen Liebe werde gelingen, dich selbst in dem erebischen Dunkel zu finden, dich hervorzuziehen und deinen Tron in ewiger klarheit zu gründen, zugänglich für alle. Die Zeit ist nun gekommen, dir, Erodion, bleibt nur noch etwas zu tun übrig.

Der Schauplatz verwandelt sich in einen teil der

elysäischen Gärten, die Szene ist matt erleuchtet,

man sieht Schatten hin und wieder irren. Zur Seite

ein Fels, im Hintergrund der Styx und Charons

Nachen.

Die Vorigen

HEKATE. Sieh, Erodion, diesen einsturzdrohenden Fels, er ist die unübersteigliche Scheidewand, der

des sterblichen Lebens