. – Und in aller Früh um drei Uhr wollen die Engländer mit uns einen Berg ersteigen und die Sonne aufgehen sehen, die andern wollten den Voigt nicht mit haben, ich hab's ihm aber doch gesteckt, sonst langweile ich mich, so wie die andern behaupten, dass er sie langweilt. Morgen früh kommt die Botenfrau, ich schicke diesen Brief mit, obschon er noch nicht so gefährlich lang ist wie mein erster, aber Du bist maulhängolisch, und da will ich Dich ein bisschen kitzeln, mit der anmutigen geschichte vom Herzog, dass Du mit Gewalt lachen musst, wenn Du auch noch so sehr den Mund zusammenziehst. Gelt, es macht Dir doch Pläsier? Ich hab mir seine Liebeserklärung abgeschrieben an Deine Immortalita, die von seiner Hand gehört Dein – er hat's geschrieben für Dich, Du kannst Wert darauf legen, ich hör, dass er sehr berühmt ist, grossartig, witzig und sehr gefürchtet deswegen von manchen Menschen, er wär aber auch sehr grossmütig und gutmütig, aber viele wollen doch nicht gern mit ihm zu tun haben aus Furcht, seine beste Freundlichkeit wär doch ein heimlicher Witz. Was das für eine Narrheit ist, über mich möchte einer sich lustig machen, soviel er wollt, es wär mir recht angenehm, wenn's ihm Pläsier macht.
Bettine
Beilage zum Brief an die Günderode
Immortalita
Personen
Immortalita, eine Göttin
Erodion
Charon
Hekate
Erste Scene
Eine offene schwarze Höhle am Eingang der
Unterwelt, im Hintergrunde der Höhle sieht man
den Styx und Charons Nachen, der hin und her
fährt, im Vordergrund der Höhle ein schwarzer
Altar, worauf ein Feuer brennt. Die Bäume und
Pflanzen am Eingang der Höhle sind alle feuerfarb
und schwarz, sowie die ganze Dekoration, Hekate
und Charon sind schwarz und feuerfarb, die
Schatten hellgrau, Immortalita weiss, Erodion wie
ein römischer Jüngling gekleidet. Eine grosse feurige
Schlange, die sich in den Schwanz beisst, bildet
einen grossen Kreis, dessen Raum Immortalita nie
überschreitet.
IMMORTALITA aus der Betäubung erwachend. Charon! Charon! CHARON seinen Kahn innehaltend. Was rufst du mich? IMMORTALITA. Wann kommt die Zeit? CHARON. Sieh die Schlange zu deinen Füssen, noch ist sie fest geschlossen, der Zauber dauert, solange dieser Kreis dich umschliesst, du weisst es, warum fragst du mich? IMMORTALITA. Ungütiger Greis, wenn es mich nun tröstet, die Verheissung einer bessern Zukunft noch einmal zu vernehmen, warum versagst du mir ein freundlich Wort? CHARON. Wir sind im Land des Schweigens. IMMORTALITA. Wahrsage mir noch einmal. CHARON. Ich hasse die Rede. IMMORTALITA. Rede! Rede! CHARON. Frage Hekate
Er fährt hinweg.
IMMORTALITA streut Weihrauch auf den Altar. Hekate! Der Mitternacht Göttin! Der Zukunft Entüllerin, die schläft in des Nichtseins dunklem Schoss! Geheimnisvolle Hekate! Hekate! erscheine. HEKATE. Mächtige Beschwörerin! Was rufst du mich aus den Höhlen ewiger Mitternacht; dies Ufer ist mir verhasst, sein Dunkel zu helle, ja mir deucht, ein niederer Schein aus des Lebens land habe hierher sich verirrt. IMMORTALITA. O vergib Hekate! und erhöre meine Bitte. HEKATE. Bitte nicht, du bist hier Königin, du herrschest hier und weisst es nicht. IMMORTALITA. Ich weiss es nicht! Warum kenn ich mich nicht? HEKATE. Weil du nicht dich selber sehen kannst. IMMORTALITA. Wer wird mir einen Spiegel zeigen, dass ich mich schaue? – HEKATE. Die Liebe. IMMORTALITA. Warum die Liebe? HEKATE. Weil ihre Unendlichkeit nur ein Mass für deine ist. IMMORTALITA. Wie weit erstreckt sich mein Reich? HEKATE. Über jenseit einst, über alles. IMMORTALITA. Wie? – die undurchdringliche Scheidewand, die mein Reich scheidet von der Oberwelt, wird sie einst zerfallen? HEKATE. Sie wird zerfallen! Du wirst wohnen im Licht! – alle werden dich finden. IMMORTALITA. O wann wird dies sein? – HEKATE. Wenn gläubige Liebe dich der Nacht entführt. IMMORTALITA. Wann? – in Stunden? – in Jahren? HEKATE. Zähle nicht die Stunden, bei Dir ist keine Zeit. Siehe zur Erde! – die Schlange, die ängstlich sich windet – fester beisst sie sich ein, vergeblich möchte in ihrem engen Kreis sie dich gefangen halten, vergeblich ist ihr Widerstand – des Unglaubens herrschaft, der Barbarei und der Nacht sinkt dahin.
Sie verschwindet.
IMMORTALITA. O Zukunft, wirst du ihr gleichen? – jener seligen fernen Vergangenheit, wo ich mit Göttern in ewiger klarheit wohnte. Ich lächelte sie alle an, und ihre Stirnen verklärte mein Lächeln, wie kein Nektar sie verklären konnte, und Hebe dankte ihre Jugend mir, und immer blühender Aphrodite ihre Reize. Aber durch der zeiten Finsternis getrennt von mir, noch ehe mein Hauch ihnen Dauer verliehen, stürzten von ihren Tronen die seligen Götter und gingen zurück in die Lebenselemente; Jupiter in des Urhimmels Kräfte, Eros in die Herzen der Menschen, Minerva in die Sinne der Weisen, die Musen in der Dichter Gesänge; und ich Unseligste von allen wand nicht des unverwelklichen Lorbeers um die Stirne dem Helden, dem Dichter. Verbannt in dies Reich der Nacht, der Schatten Land, dies düstere Jenseit, muss ich der Zukunft nun entgegenleben. CHARON fährt mit Schatten vorüber. Neigt euch, Schatten, der Königin des Erebos, dass ihr noch lebt nach eurem Leben, ist ihr Werk.
Chor der Schatten
Stille führet uns der