– Ach, Günderode, es wär viel, wenn der Mensch nur erst so weit wär, seinem eignen Genie zu trauen wie so ein Windspiel, es legte mir seine Pfoten um den Hals, wie es mir meinen Hut gebracht hatte, ohne ihn zu verderben; ich nannte es zum Scherz Erodion und dachte, so müsse der an der Göttin Immortalita hinaufgesehen haben; denn es ist so edel und schön und kühn, und Menschen sehen nicht leicht so einfach gross und ungestört aus in ihrer Weise, wie Tiere es oft sind. Der Herzog war dem Bellen seines Hundes nachgegangen und kam hinter den Bäumen hervor, er fragte, warum ich den Hund so nenne, dem er Cales ruft, und sagte, es sei der Name eines Wagenführers vor Troja, den der Diomedes erschlagen, ich zeigte ihm Dein Gedicht, um zu erklären, wo mir der Name Erodion herkomme, er setzte sich auf den Fels und las es teilweis laut und machte mit dem Bleistift Bemerkungen, die send ich Dir, Du siehst, er hat es mit Sammlung gelesen und dann sogar mit Liebe. Ich weiss nicht, wie oft Dich der Zufall begünstigen wird, die feineren saiten der Seele zu rühren, so wird's Dich freuen. – Er fragte mich, ob ich denn das Gedicht verstehe? – Ich sagte nein! Aber ich lese es gern, weil Du meine Freundin seiest und mich erziehst. Er sagte, eine Knospe ist dieses kleine, sorgsam vor jeder fremden Einwirkung geschützte Erzeugnis, die die grosse Seele der Freundin umschliesst, und in diesen sanft gefalteten Keimen einer noch unentwickelten Sprache schlummern Riesenkräfte. Die Inspiration der Wiedergeburt hebe ahnungsvoll die Schwingen in Dir; und weil die Welt zu schmutzig sei für so kindlich reine Versuche, Deine Ahnungen auszusprechen, so werde sie diesen anspruchslosen Schleier, der Deine weit ausgreifende Phantasie und Deinen hohen philosophischen Geist umschlinge, nicht entfalten. – Ich liess mir dieses Lob verwundert gefallen; er begleitete mich, ich musste ihm auf dem Weg von Dir erzählen, von unserm Umgang, von Deinem Wesen, von Deiner Gestalt, da hab ich mich zum erstenmal besonnen, wie schön Du bist, wir sahen eine vollsaftige weisse Silberbirke in der Ferne mit hängenden Zweigen, die mitten am Fels aus einer Spalte aufgewachsen ist und vom Wind sanft bewegt gegen das Tal sich neigt; unwillkürlich deutete ich hin, wie ich von Deinem Geist sprach und auch von Deiner Gestalt, der Herzog fragte, die Freundin werde wohl jener Birke gleich sein, auf die ich hinweise? – Ich sagte, ja. So wollte er mit mir zusammen hin und Dich von nahem beschauen, aber es war so glatt und steil da hinan, ich meinte nicht, dass wir hinkommen würden – er vertraute auf den Cales, der werde uns schon einen Weg ausfinden. "Was hat sie denn für Haar?" – Schwärzlich glänzend braunes Haar, das in freien weichen Locken, wie sie wollen, sich um ihre Schultern legt. – "Was für Augen?" – Pallasaugen, blau von Farbe, ganz voll Feuer, aber schwimmend auch und ruhig. – "Und die Stirn?" – Sanft und weiss wie Elfenbein, stark gewölbt und frei, doch klein, aber breit wie Platons Stirn; Wimpern, die sich lächelnd kräuseln, Brauen wie zwei schwarze Drachen, die, mit scharfem blick sich messend, nicht sich fassend und nicht lassend, ihre Mähnen trotzig sträuben, doch aus Furcht sie wieder glätten. So bewachet jede Braue, aufgeregt in Trotz und Zagheit, ihres Auges sanfte Blicke. – "Und die Nase und die Wange?" – Stolz ein wenig und verächtlich, wirft man ihrer Nase vor, doch das ist, weil alle Regung gleich in ihren Nüstern bebet, weil den Atem sie kaum bändigt, wenn Gedanken aufwärts steigen von der Lippe, die sich wölbet frisch und kräftig, überdacht und sanft gebändigt von der feinen Oberlippe. – Auch das Kinn musst ich beschreiben, wahrlich, ich hab nicht vergessen, dass Erodion dort gesessen und ein Dellchen drin gelassen, das der Finger eingedrückt, während weisheitsvolle Dichtung füllet ihres Geistes Räume; und die Birke stand so prächtig, so durchgoldet, so durchlispelt von der Sonne, von den Lüftchen, war so willig sich zu beugen, hold dem Strom der Morgenwinde, wogte ihre grünen Wellen freudig in den blauen Himmel, dass ich nicht entscheiden konnte, was noch zwischen beiden liege, jenem zukömmt und dem andern nicht. – Cales fand mit manchen Sprüngen erst den Weg zur Birke, dann der Herzog, ich blieb zurück, ich hätte leicht nachkommen können, aber ich wollte nicht in seiner Gegenwart. Er schnitt dort Buchstaben in die Rinde ganz unten am Fuss und sagte, er wolle, sie solle die Freundschaftsbirke heissen; und er wolle auch unser Freund sein. Ich war bereitwillig dazu. Ach lass ihn, er kommt den Winter nach Frankfurt, erstlich vergisst ein Prinz leicht so was über vielen andern Zerstreuungen, denn der glaubt gar nicht, dass es möglich wär, dass wenn man sich ganz an etwas hingäbe, dass dadurch grade allein der Scharfblick, die Wägungskraft der Allseitigkeit entspringe, nach der sie alle jagen und sich drin verflattern, und dann ist er auch krank und hat wenig gesunde Tage, einem solchen muss man alle heilenden Quellen zuströmen. – Adieu. Morgen nachmittag ist eine grosse Partie zu Esel, und morgen vormittag geht die gute Kurprinzessin weg