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einmal die Starrsucht bekämen, es würde der Welt nichts abgehen an ihrer Gesundheit, nicht einmal verschnupfen würde sie." – So politisiert mir der Voigt gewöhnlich unterm Sternenhimmel noch eine Stunde vor, wo ich bei schönem Wetter auf der menschenleeren Terrasse mit ihm wandle; er sagt: "hören Sie mir immer zu, Sie sind noch jung und haben mehr Energie im Judicium vor den andern allen oder vielmehr: wo ist's geblieben, könnte man die andern fragen, denen die Ohren nach Fabeln jücken, und die sich von der Wahrheit abwenden oder sie nach eignem Gelüst auslegen, dass sie ihnen zur Fabel wird." – Den Voigt will kein Mensch anhören, jedermann schreit über ihn, ich aber fühl mich sehr geehrt, dass er mir gern das ernste Grosse seines Geistes darlegt, ich hör ihm begierig zu. Er ist so kurz und entschieden zwischen Recht und Unrecht, dass man keine Zeit im Schwanken verliert, und dass man einen Heldencharakter bedarf, ihm zu folgen. "Für einen Freund muss man in den Tod gehen können. – Wer nicht alles hingibt, den eignen Genuss, die selbsterworbne Grösse, um den Freund zu stützen, gehört nicht zu der Gattung Geschöpfe, die Freundschaft empfinden. – Was ist Gefühl? – Farbe, die nicht lebendig ist als nur im Lichtstrahl, der ist die Liebealso braucht man vor keinem Sentiment Respekt zu haben, es ist lauter eingebildet Zeug. – Es gibt tausend Handlungen, die man niemand verargen kann, wer aber Hochsinn hat, der wird selbst aus Demut solche Handlungen töten, zum Beispiel: einer, der seinem Freund alles Böse, was in seiner natur ihm widerspricht, offenbarte, tötet der nicht auf der Stelle alle Pharisäer?" – Das war noch gestern abend, was ich von seinem Gespräch behielt, nicht der zehnte teil, denn er ist rasch wie ein Schmied beim glühenden Eisen; ich fragte ihn, warum er vor andern nicht auch so spreche, er sagte: "Wenn ich mit einem Wein will trinken, so muss ich einen Becher haben, in den ich ihn eingiesse. Ihre Seele ist ein Becher."

Montag

Zwei-, dreimal zwischen Eichen und Buchen und jungem lichten Gebüsch, bergauf, bergabda kommt die Sonnenstrahlen wie ein dunkler Zauberspiegel auffängt, dazwischen grüne Moossitze; heute morgen war ich hierher gegangen, es ist mein gewöhnlicher Spaziergang, wenn ich allein bin, nicht zu weit und doch verstecktda sah ich noch den Nebel wie jungen Flaum zwischen den Felsspalten hin und her schwimmen, und über mir ward's immer goldner, die Morgenschatten zogen ab, die Sonne krönte mich, sie prallte scharf vom schwarzen Stein zurück, sie brennte sehr stark, sie drückte doch nicht meine Stirn, ich wollte eine Krone schon tragen, wenn sie nicht schärfer drückt als die heisse Augustsonne, so sass ich und sang gegen die Felsen hin und hörte aufs Echo, und die Regierungsgedanken stiegen mir in den Kopf. So nach grundsätzen die Welt regieren, die in innerster Werkstätte meiner Empfindung erzeugt wären, und alles Philistertum um und um stossen, das sind solche Wünsche, die an einem so heissen Sommermorgen mir in den Kopf steigen, und wozu Voigts Sternengespräche einen starken Reiz geben; er sagte, alles Gefühl, aller Begriff werde zu einem Vermögen, es ziehe sich wohl zurück, aber zur unerwarteten Stunde trete es wieder hervorund da setze ich mich an einsame Orte und simuliere so ins Blaue hinein und komme zu nichts, zu keinem hellen Augenblick, nur dass mir oft das Herz unbändig kopft, wenn ich dran denke, dass ich das Geschrei der Philister, die des Geistes stimme mit grundsätzen bedrängen, durch das blosse Regiment meiner Empfindung ersticken wolle; ja, es wär eine himmlische Satisfaktion für die Rutenstreiche, womit sie blind alle Begeistrung verfolgen. Günderode, ich wollt, Du wärst ein regierender Herr und ich Dein Kobold, das wär meine sache, da weiss ich gewiss, dass ich gescheut würde vor lauter Lebensflamme. Aber so! – ist es ein Wunder, dass man dumm ist? – Und so war ich bald im Sonnenbrand ganz träumerisch versunken und jagte im Traum auf einem Renner wie der Wind nach allen Weltgegenden und richtete mit hoher übertragner Begeistrung von Dir die Welt ein und kommandierte wohl auch hier und da mit einem Fusstritt, mit einem Fluch dazwischen, damit es geschwind geheaber Dein Dramolet zu lesen, was ich mitgenommen hatte, mich recht hinein zu studieren, das hab ich versäumt durch die vielen heftigen Bewegungen meiner Seele, ich musste mich beschwichtigen mit Schlafen, was mich immer befällt, wenn mir die Schläfe so brennen vor heissem Eifer in die Zukunft. O Seelenbecher, wie kunstreich und göttlich begabt ist Dein Rand geformt, dass er die brausenden Lebensfluten fasst, wie unrettbar wär ich sonst über dich hinausgebraust. – Mein Freund, das Windspiel, hatte mich aufgespürt, es weckte mich mit seinem Bellen und wollte mit mir spielen, es bellte, dass alle Felsen dröhnten und echoten, es war, als wenn eine ganze Jagd los wär, ich musste jauchzen vor Vergnügen und Lust mit dem Tier; es hatte mir meinen Strohhut apportiert, den ich dem steilen Fels hinabgeworfen hatte, mit so zierlichen langhalsigen Sprüngenso ist's, wenn man einem gut ist, da misst man nicht die Gefahr des Abgrundes, man vertraut in die eignen Kräfte, und es gelingt.