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hat, so versäumt er keine gelegenheit sich standesmässig auszuzeichnen. Solange wir am Eingang sassen, wo viele Menschen sich drängten, merkte keiner was, als L.H. aber vortrat, um irgendwem sein Kompliment zu machen, entdeckte man und Franz, der an meiner Seite sass, zuerst, dass er statt eines Fracks einen Joppel anhatte ohne Schössen, rund wie ein Fleischerwams, dies sah gar zu närrisch aus, mit schwarzseidnen Beinkleidern, weissseidnen Strümpfen und Schnallenschuh, kurz, vollkommene Hofetikette und Federclaque unterm Arm. – Er hatte, während die Familie sich zum Ball fertig machte, den Überrock angezogen, dann lief er in sein Zimmer, wo ihm der Wind das Licht auslöschte, um den Frack anzuziehen, und ergriff statt dessen einen englischen Halbrock, den die Herrn nach neuster Mode bei kühler Witterung über den Frack anziehen. – Er hatte sich bis jetzt noch nicht von hinten dem grossen Publikum präsentiert und noch mit dem rücken gegen uns gewendet; es wurde in Eile Konzilium gehalten und beschlossen, zwei Damen, Lotte und die B. sollten ihn gesprächsweise sanft rückwärts schreiten machen, ohne ihm das verfänglich Dilemma, in welchem er sich befinde, zu entdecken, bis er gerettet sei; dabei sollten Tonie, Franz und Voigt eine kleine Hintertruppe bilden, um seinen Rückzug zu decken; ich wurde ausgemerzt von dieser Expedition, weil ich vor lachen über die unerschöpflichen Witze von Franz untauglich dazu war. Der Zug rückte aus und drängte sich schon zwischen manchen verwunderten blick, der auf dem schösslosen rücken haftete, sie schlichen immer behutsamer heran, je näher sie kamen, so schleicht man sacht hinter einem Vogel her, dem man Salz auf den Schwanz streuen will, um ihn fangen zu können, aber er fliegt weg, ehe man nah genug kommt; so kam es auch hier, als sie schon ganz nah waren und eben ihn zu haschen meinten, wendete er sich plötzlich um. Ach! ich sprang hinter den Vorhang am Fenster und wickelte mich hinein und biss in den Vorhang vor Lachvergnügen und ging nachher auch fort, denn mir war's zu übermütig für den Gesellschaftssaal; der Voigt begleitete mich und erzählte mir, dass die Arrieregarde ihn durchpassieren lassen, sich dann dicht angeschlossen und wie einen vornehmen Staatsgefangenen transportiert bis zum Eingang, dort habe er sich niedergelassen, wo man ihm seine ästetische Fatalität mitteilte und er sich umgeben von seinen Getreuen zurückzog; jetzt würden sie wohl die ganze Nacht kein Auge zutun, denn da er bei dem hessischen Hof angestellt sein möchte, so ist ihm gewiss bange, sein Schicksal untergraben zu haben durch den zipfellosen Aufzug. Voigt ging noch eine Weile mit mir auf der Terrasse, wo es so still war, man hörte die Violinen vom Ball; die Wolken überzogen prophezeiend (ein Gewitter nämlich) das Sternenheer und senkten sich auf unsere Berge, die Bäume standen so ehrfurchtsvoll still, den Gewittersegen erwartend; die ganze Gegend sah aus, als ob sie sich zu ihrem Schöpfer wende, Voigt vergass darüber seine unzähligen Witze, mit denen er mich überschwemmt hatte, die entfernten Lichter und Feuer, die in den umliegenden Hütten brennten, funkelten durch das Grün der Bäume wie Opferfeuer zum Alliebenden. Soweit man sehen konnte, sah die Welt aus, als ob sie unsern Herrgott um eine sanfte Nacht bitten wolle für alle; für Dich und für mich, für unser ganz Leben, bis an die letzte Nacht. – So ist die natur süsse Fürbitterin, immerdar; alle Seufzer wiegt sie ein, so wollen wir ihr denn danken dafür und ihr vertrauen bis an die letzte Nacht.

Der Clemens mit seinen Warnungen? – Ich hab ihm heute geschrieben. Die Linden blühen wohl noch und hauchen einem süss an, aber keine Menschen, und die natur ist schöner und gütiger und grösser als alle Weisheit dieser Welt. Was einer mit mir spricht, darauf möchte ich ihm antworten mit einem Tannenzapfen, den ich ihm in die Hand drücke oder eine Schnekke, die am Weg kriecht, oder einen angebissnen Holzapfel, es wär immer noch gescheiter als die Antwort, die mir einfällt. Mich geht kein Erdenschicksal was an, weil ich doch nicht Freiheit es zu lenken hab. – Wär ich auf dem Tron, so wollt ich die Welt mit lachendem Mut umwälzen, sagte ich gestern abend zum Voigt. "Meinetwegen," sagte er, "schad ist's nicht drum, auf der neuen Seite kann sie nicht verkehrter liegen als auf der alten. Alle die mühseligen Personagen, die etwas unter Narren bedeuten, sind ein absurdes Zeugnis von ihrer lächerlichen Autorität, solche haben so grossen Respekt vor ihrer hohen Tendenz, dass sie sich nicht getrauen, sich ins Gewissen zu reden, sie meinen, was durch sie geschähe, wär der Schicksalsschlüssel, der durch sie die Zukunft aufschliesst, die schon fertig da läge und nicht erst durch ihren Unsinn verkehrt gemacht wird, sie würden sich nicht getrauen, vollkommne Menschen aus sich zu bilden und allenfalls die Bedürfnisse der höheren Menschenrechte vor sich selber zu vertreten. O nein! Je dringender die Forderungen der Zeit ihnen auf den Hals rücken, je mehr glauben sie sich mit Philistertum verschanzen zu müssen und suchen sich Notstützen an alten wurmstichigen Vorurteilslasten und erschaffen Räte aller Art, geheime und öffentliche, die weder heimlich noch öffentlich anders als verkehrt sinddenn das rechte Wahre ist so unerhört einfach, dass schon deswegen es nie an die Reihe kommt. Wenn alle Pharisäer an der Regierungsmaschine auf