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erschöpfen in Vorbereitungen, da bin ich nicht mehr zerstreut und zaghaft gar nicht. Ach Günderode! Und nun antwortet er mir so sanft in Deinem Brief, Du bist ganz mitleidig geworden durch ihn, er hat Dich so gestimmt und verkündet mir in Deinen Worten, wie der Baum der Treue zwischen uns erwachsen und erstarken werde, und dass ich nicht verzage. – Ja, ich glaube's, dass er mir alles sagt, was Du mir schreibst, er versüsst mir die Pausen mit Träumen von ihm und verheisst mir, dass er allen Raum ausfüllen werde mit Geistesblüten, wie das Meer mit Wellen ausgefüllt ist. Ewigkeit ist allumfassendes Empfinden, nicht wahr, das sagt die Narzisse zur Viole, und die senkt den blick in den eignen Busen und beschränkt sich in die Unumkränzteit der Liebe, die sie da ahnt und fassen lernt. – Nicht alles ist der Liebe fähig, aber wenn ich dem nachgehe, was ihrer fähig ist, dann werde ich's durchdringen. Wo soll mein Geist den Fuss aufsetzen, überall ist er fremd, wenn es nicht selbst erobertes Eigentum der Liebe ist. – verstehe ich mich? – Ich weiss selbst nicht. – Die Augen sind mir vor Schlaf zugefallen, so plötzlich über dem Besinnen, ich muss morgen früh um sieben Uhr den Brief dem Boten mitgeben, überdies brennt mein Licht so düster, es wird bald ausgehen, gute Nacht, Brief! Der Mond scheint so hell in meine stube, dass sie ganz klingend aussiehtdie Berge gegenüber sind prächtig, sie dampfen Nebel in den Mond. Alleweil will das Licht den Abschied nehmen, ich will aber sehen, ob ich nicht im Mondschein schreiben kann. – Ich bin so vergnügt, wie die Blätter, wenn sie ganz beregnet sind vom Gewitter in der Nacht, und der Himmel wird wieder hell, und sie schlafen dann ruhig ein, weil's Gewitter vorbei ist. – Da hör ich schon die ganze Zeit einen fremdartigen Vogel schreien, sollte das ein Käuzchen sein, das die Frau Hoch einen Totenvogel nennt, er schreit ganz dicht vor meinem Fenster; ach, Günderödchen, ich schäm mich ein wenig, weil ich mich ein wenig fürchte. Meine stube ist so düster, das Licht wird gleich ausgehn, die Berge da üben sind so grausend, man sieht sonderbare Gestalten, die kleine Quell unter meinem Fenster ruschelt so leis und bedächtig wie ein alt Hausgespenst. Was bin ich so dumm? – Da fällt mir der Dämon ein, und sollt mich fürchten vor dem Käuzchen, siehst Du, so albern bin ich, und doch macht die inwendig Seel solchen Anspruch, der Geist soll sie heimsuchen, und fürcht mich vor dem Käuzchen! – Gleich mach ichs Fenster auf und sehe nach ihm, da fliegt's weg, die Sterne funklen zu Tausenden am Himmel, da unter meinem Fenster steht meine alte Invalidenschildwach und passt vermutlich auf ein Ständchen von meiner Gitarre, was er gewohnt ist, alle Nacht zu hören, ich werde ihm ein Lied von der heiligen Jungfrau Maria singen, denn es ist heute Maria Himmelfahrt und nicht Sonntag, wie ich irrigerweise sagte, ich hab diese Seite im Mondschein geschrieben, Du wirst nicht lesen können, nun, es schad nichts, es steht auch nichts drauf, was Du notwendig wissen müsstest, es ist mir doch so wohl seit dem kleinen Schauerchen von Furcht, ich hab auch keinen Schlaf mehr. Der Mond schwimmt so eilig hinter den weissen Wölkchen hervor, dass es mir ordentlich im Herzen Gewalt antut. Ich muss singen, sonst muss ich weinen.

Gute Nacht! Bettine

Günderödchen. Die Engländer sind recht närrische Passagiere, sie brachten mir einen Brief vom L'ange mit, der mich warnt, mich nicht in sie zu verlieben. – Der mit dem gepuderten haupt, Mr. Haise liess sich gestern in einem Nankingmorgenrock auf der Terrasse sehen und gelben Pantoffeln, die Tonie sah zum Fenster hinaus, sie wollte nicht hinunter, sie schämte sich vor den Leuten, wenn er mit ihr spreche, weil er so absonderlich aussieht. – Ich sah aber, wie er herauflugte nach unsern Fenstern, und wie er die Tonie erblickte, da rief er sie an, bei dem herrlichen Wetter herunterzukommen, ich musste mit; er spannte einen grünen Parapluie über ihr auf, um sie vor der Sonne zu schützen, so musste sie mit ihm die Terrasse auf und ab wandlen, ich lief herauf und machte eine Zeichnung davon, die ich der Tonie ins Arbeitskästchen legte, was sie immer mitnimmt auf die Terrasse zum Tee, und freute mich schon auf die Bewundrung, wenn es erblickt würde. Aber sie legte das Papier schnell zusammen und wickelte Seide drauf; sie wollte nachher schmälen, ich hatte ihr aber einen so schönen Kranz gemacht von Farrenkraut, der ihr so gut stand und ihre Wunderschönheit noch erhöhte, dass wir ganz kontent auf den Ball kamen, der beinah aus soviel Karikaturen bestand, als Menschen da waren. Der Clemens hat mir aus Weimar geschrieben und mich gewarnt vor dem Verlieben, – überflüssig! – wär er doch auf dem Ball gewesenhöchstens, dass man einem Rippenstoss ausgesetzt ist, sonst ist keine Gefahr. – L.H. war auch da mit seinen Schwestern, wird alle Tage blauschwärzer von seinen Stahlbädern; sein extraweisser Jabot und Halsbinde machten dies in die Augen fallend, er war sehr fein und elegant gekleidet, denn da er eine diplomatische Ambition