die haben mich hier freundlich empfangen, die zwei Genien meines Lebens. Der Ephraim. – In was für einer Welt lebe ich denn? – Ich träume, jawohl, ich schlafe, und die grossen Geister haben mich in den Traum begleitet und haben zwischen die irdische Welt sich gestellt und mich, und so hab ich ein himmlisch Leben geführt. Wenn ich in diese Zeit schau, so ist sie wie ein Diamant, der mir vielmal die Sonne spiegelt. – Du hast mir gleich gesagt: "Geh mit," und Du hast recht gehabt, – so hast Du auch gewiss recht, dass ich mit nach Kassel geh, ich geh auch mit grossem Zutrauen, nichts darf länger währen, als nur die leiseste Anregung es mochte gestatten.
Ihr guten Studenten! heute haben sie wieder nach den Rosen gesehen, – ich möchte sie euch alle abbrechen, eh ich weggeh, und sie euch auf den Kopf werfen. –
Der Ephraim darf nicht mehr den Berg heraufkommen, es ermüdet ihn zu sehr, auf seiner Reise zu den Enkeln da war's so kalt, da hat er sich zu sehr angestrengt, er darf nicht mehr herauf, vielleicht wenn ich wiederkehr, ist er wieder gesund, einundsiebzig Jahr ist er alt, aber mir wird er gesund bleiben; – wenn wir dies Frühjahr zusammen auf dem Trages sind, Savigny meint, Du werdest hinkommen, dann wollen wir ihm zusammen Briefe schreiben, nicht wahr? – Und recht heitere, – dies wird der letzte lange Brief sein, den ich Dir von hier schreibe.
Die Lulu hat mir viel Grüsse von Dir gebracht und sagt, Du freust Dich aufs Trages zu kommen, und Dein kleiner Brief bestätigt es auch, sie sagt, Du bist recht heiter, so bin ich auch ganz glücklich, ach, was hab ich Dich doch gepeinigt mit meiner Ängstlichkeit, die mir sonst nicht eigen ist. Gott weiss, wo's herkam, ich bin ganz lustig, ich begreif's nicht, dass ich so dumm war. Ich glaube, der Winterwind und die Sterne haben mich im Kopf und Herzen verwirrt gemacht, übermorgen reisen wir ab.
Weisst Du, was ich getan hab? – Ich liess dem Ephraim sagen, ich werde zu ihm kommen, gestern, und ich hab mich zu ihm führen lassen um dieselbe stunde, wo er gewöhnlich kommt, aber es war gestern Freitag, und wie ich kam, sass er feingekleidet auf seinem Sessel, und eine Lampe mit vier Lichtern war angezündet auf dem Tisch. Er wollte aufstehen, aber er ist müde. Und wie ist es doch? – Ob er wohl heimgeht zu seinen Vätern? – Ich brachte ihm zwei Goldstücke für meinen Unterricht, er machte ein kleines Kästchen auf, wo ein Paar Trauringe drin liegen und allerlei Schmuck, er sagt, es sei von seiner verstorbenen Frau und von seinen Kindern. Er legte die Goldstücke dazu, das alles ist so fein, so edel. Welch ein geistig Gemüt. O Ephraim, du gefällst mir unendlich wohl. Ich hatte ihm seinen Rosenstock zurückgebracht, er sollt ihn aufbewahren, die Rosen sind viel mehr aufgeblüht, wie schön standen sie bei der hellen Lampe zu seinem schneeweissen Bart. Ich sagte, die Rosen und euer Bart gehören zusammen, und es ist mir lieb, dass ich keine abgebrochen habe, denn Ihr seid vermählt zusammen mit den Rosen, sie sind Eure Braut. Ich war ein paarmal versucht, sie abzubrechen und sie den Studenten hinunterzuwerfen, weil sie so lüstern danach hinaufsahen. Er sagte: "O wenn Sie es erlauben, so will ich sie schon unter den Studenten austeilen, es besuchen mich alle Tage welche, und dann werden schon mehrere kommen, wenn sie wissen, dass es Rosen bei mir gibt." Das war ich zufrieden, und ich freu mich recht drüber, dass meine Studenten noch meine Rosen kriegen.
Er hat mich aber gesegnet, wie ich von ihm ging, und ich hab ihm die Hand geküsst; und wie ist doch der Geist so schön, wenn er ohne Tadel reift. Sein Enkel musste mich nach Haus begleiten auf seinen Befehl, weil ich nur eine Magd bei mir hatte. Ich schickte ihn aber bald wieder zurück und hab dem Enkel gesagt, er soll dem Grossvater sagen, dass er alle Tage meiner gedenke, bis ich wiederkomm. – Als ich wegging vom Ephraim, legte er mir die Hand auf den Kopf und sagte: "Alles Werden ist für die Zukunft."
Ich ging zu haus gleich nach dem Turm, weil ich mich noch einmal recht deutlich besinnen wollt auf dieses mächtige und doch so einfache friedenhauchende Geistesgesicht, so wie ich ihn eben verlassen hatte im Schimmer der hellen polierten vierfachen Lampe, die Rosen bis zu seinem weissen Bart sich neigend, so hab ich ihn zum letztenmal gesehen. Deutet dies nicht auf seinen Abschied vom Erdenleben, das er so mühevoll, so friedlich, so freudevoll durchführte, denn auch mir hat er beim Abschied gesagt: "Sie haben mir viel Freude gegeben." – Und wie ich eine ganze Weile an ihn gedacht hatte, so besann ich mich auf seine Worte: "Alles Werden ist für die Zukunft." – Ja, wir nähren uns von der Zukunft, sie begeistert uns. – Die Zukunft entspringt dem Geist wie der Keim der nährenden Erde. – Dann steigt er himmelauf und blüht und trägt Erleuchtung. – Der Baum