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und dann war's, als wenn dadurch ein Altar schimmert mit Lichtern, dann ist es wie ein Flüstern, wie Gebet in diesem Brief. – Ein Zusammenfassen all Deiner Geisteskräfte, als wolltest Du den Geist der Trauer in mir beschwören. – – Als der Ephraim heute kam, ich war gar nicht geneigt zum Lernen; – ich vergass ihn zu grüssen, da er doch eben von der Reise gekommen war, er sprach aber von selbst von seinen Enkeln allen, er sass, und ich stand am Tisch; aber weil er so freundlich immer meine Stille durch sanfte melodische Mitteilungen anglänzte, wie sanfter Abendschein eine Wolke anleuchtet! – Die Wolke war so weich geworden von dem Leuchten der scheidenden Sonne, dass sie weinen musste; ich traute nicht den Mann anzuschauen, den alles Schicksal zur Schönheit reifte; – und sein Leben eine lautere Sprache mit dem Göttlichen. – Denn was konnte ich vorbringen, warum ich so war? – Ich sagte, bleibt noch, als er glaubte, ich wollt gern allein sein; – denn, sagt ich: die Wände da sagen, du bist für nichts auf Erden, wenn ich allein bin. – Aber wenn Ihr da seid, so tun sich die Wände auf und ich sehe hinaus in den unendlichen Osten. Ich nahm seine Hand in die meine, die er festielt, und nun sprachen wir von seinen Kindern, denn ich wollt mich nicht so hingehen lassen, es ist auch einerlei, von was man mit ihm spricht, denn sein Wesen und sein Sprechen ist geistige Menschheit, und so heilströmend ist diese ideale Gesundheit in ihm, dass man immer mehr von seinen reinen Worten trinken möchte. Ach, Du schreibst, ich soll Dir recht viel von ihm erzählen. Wärst Du doch selbst hier! – Vorgestern fiel mir's ein, wie die Abendröte schon dem Dunkel wich und das reine, kalte Blau durch die Fenster hereinleuchtete, dass es unendlich schön sein müsste, wenn wir drei zusammensässen und sprächen so in die Nacht hinein. Alles Grosse spricht er so heiter aus, alles ist so einfach, so notwendig, als sei das Leben reiner geistig durchgebildet in ihm. Und das ist es auch. – Ich gab ihm Deinen Brief und sagte ihm, er solle es mir auslegen, warum ich mich nicht besinnen kann; und was es ist, dass ich mich nicht in die gewohnte Stätte sichern Vertrauens hineinfinde in diesem Brief, als sei die Pforte zu Deinem Herzen nebelverhüllt. Aber wie er wegging, war ich schon viel heiterer geworden, und am Tag vorher war ich auf dem Turm gewesen, aber die Sterne sagten mir nichts, ich besann mich nur da oben auf meine frühere Kindheit, auf meinen Vater, wie ich dem so schmerzstillend war. Wie die Mutter gestorben war und keiner sich zu ihm wagte, abends in den langen Saal, wo er im Dunkel allein sass vor dem Bild der Mutter, und die Laternen von der Strasse warfen zerstreute Lichter hinein. Da kam ich zu ihmnicht aus Mitleid, denn ich weinte nicht mit ihm, gerad wie Du in Deinem Brief sagst, es sei kein Mitleid, sondern Energie, – oft hab ich mich selbst gewundert, dass ich immer kalt bin beim sogenannten Unglück, andere, denen es schwer auf der Seele liegt, die können oft nicht helfen, aber teilnehmen. Ich kann nicht teilnehmen, mich treibt's, die Dornen aus dem Pfad zu reissen. – Aber mit dem Vater war es anders. Ich glaube, es gibt vielleicht Augenblicke im Leben, wo ein rein Verhältnis zwischen Gotteit und Menschheit ist, so dass die Menschennatur sich dazu eignet, das zu übernehmen, was die Menschen Botschaft Gottes nennen, also das Amt der Engel verrichten. Denn ich lief unwillkürlich zum Vater hinein und umhalste ihn und blieb still auf seinen Knien sitzen, und solang es schon her ist und damals auch meine Gedanken nicht drauf gerichtet waren, so besinne ich mich doch der ruhigen Kälte in mir, und wie dem einsamen Vater die Schwere vom Herzen fiel, und er liess sich von mir aus dem Zimmer führen. – Später im Kloster, in Fritzlar, als man uns seinen Tod mitteilte, da fragte uns die Oberin, ob wir keine Anzeige von seinem tod gehabt hätten? Ich sagte: "Ja, ich habe im Springbrunnen es gelesen." Da weckte mich nachts der Mondschein und ich ging einen sehr ängstlichen Weg durch viele dunkle Gänge, bis ich zum Garten kam an den Springbrunnen, weil ich mit der Seele meines Vaters im wasser reden wollte. Und ich ging alle Nacht hinunter, da redeten die Wellen mit mir, wie jetzt die Sterne; es waren aber Geister damals, denn ich sah sie herumgaukeln in der Luft quer durch den Mondschimmer und bald hier im Gras oder in den hohen Taxusbäumen. Wenn Du aber fragst, wie es aussah, was ich zu sehen meinte, so muss ich Dir sagen, es war mehr ein Gefühl von etwas Höherem als ich, von dem ich durch meine Augen gewahr ward, dass es sei, und wo mir's im Gefühl war, dass es mit meinen Lebensgeistern sich zu schaffen mache, und was mir diese Erscheinungen oder Nichterscheinungen mitteilten. Das war so, dass ich ganz willenlos war, wie der Erdboden auch willenlos ist, in den man Samen streut. – Ich sah nur zu, dass diese Geister mein Schauen durchkreuzten