1840_Arnim_003_170.txt

, wie das Kind der schlummerbewegenden Wiege nachgeben muss. – Alle Menschen sind Dir entgegen, die ganze Welt wirst Du nur durch den Widerspruch in Deiner Seele empfinden und erfahren, keine andere Möglichkeit für Dich, sie zu fassen. Wo wirst Du je eine Handlung, weniger noch eine natur treffen, die mit Dir einklänge? – Es ist noch nicht gewesen und wird auch nie sein (von mir will ich Dir nachher reden). Was andern Menschen die Erfahrung lehrte, wozu sie sich bequemen, das ist Dir der Unsinn der Lüge. Die Wirklichkeit hat als verzerrtes Ungeheuer sich Dir gezeigt, aber sie hat Dich nicht gescheucht, Du hast gleich den Fuss draufgesetzt, – und obschon sie unter Dir wühlt und ewig sich bewegt, Du lässt Dich von ihr tragen, ohne nur der Möglichkeit in Gedanken nachzugehen, dass Du einen Augenblick mit ihr eins sein könntest. Ich spreche von heute und mehr noch von der Zukunft; ich wollte Dir wünschen, es kämen Augenblicke in Deinem Leben, wo Dir dieses Zusammenströmen mit andern Kräften gewährt wär. Erinnerst Du Dich Deines Traums auf der grünen Burg, den Du mir in der Nacht erzähltest, wo ich Dich weckte, weil Du sehr im Schlaf geweint hattest. Ein Mann, der zum Wohl der Menschheitich weiss nicht mehr welche Heldentatgetan hatte, sei zum Richtplatz um dieser grossen Tat willen geführt worden. Das Volk habe in seiner Unwissenheit darüber gejubelt, und in Dir sei grosse Begierde gewesen, zu ihm aufs Schafott zu gelangen, aber der Streich sei gefallen noch kurz vorher, wie Du eben glaubtest, oben zu sein. Du kannst den Traum nicht vergessen haben, Dein schmerzlich Weinen bewegte mich mit, so dass ich kaum wagte, Dich zu erinnern, dass es nur ein Traum sei, aber dies war eben, worüber Du untröstlich warst. Du meintest, nicht im Traum sei Dir's gegönnt, das auszuführen, was in Deiner Seele spreche, vielmehr noch verzweifeltest Du an der Wirklichkeit. Damals, in der Nacht, habe ich gescherzt, um Dich ein wenig zu trösten, aber heute fühl ich mich bewogen, jene Frage, ob es nicht ein Verlust sei, nicht zusammen mit jenem Helden im Traum gestorben zu sein, wieder aufzunehmen; ja, es war ein Verlust, denn das Erwachen, das Fortleben nach so bestandner Prüfung Deiner tiefen inneren Anlagen, die ja doch so selten in der Wirklichkeit sich bewähren und bestätigen, musste Dir ein Triumph sein, einen Genuss gewähren, wenn es auch nur im Traum war; denn im Traum scheitert die edelste Überzeugung wie oft. – Und ich stimme mit Dir ein, dass es ein Streich war, den Dir Dein Dämon spielte, aber ein Weisheitsstreich; – wärst Du befriedigt worden im Traum, so wär Deine sehnsucht, das Grosse getan zu haben, vielleicht auch befriedigt. Und was konnte daraus hervorgehen für Dich? – Vielleicht jene nachlässige Zuversicht in Dich selber, was Savigny allenfalls Hochmut nennen würde? – Nein, das wohl nicht, aber doch würde die Spannung wahrscheinlich nicht geblieben sein, die jetzt, ich wollt es wetten, bei der leisesten Anregung jener unerfüllten sehnsucht sich wieder erneuen wird.

Ich wollte Dir wünschen, Bettine (unter uns gesagt, denn dies darf niemand hören), dass jede tiefe Anlage in Dir vom Schicksal aufgerufen würde und keine Prüfung Dir erlassen, dass nicht im Traum, aber in der Wirklichkeit Dir das Rätsel auf eine glorreiche Art sich löse, warum es der Mühe lohnt, gelebt zu haben. – Pläne werden leicht vereitelt, drum muss man keine machen. Das beste ist, sich zu allem bereit finden, was sich einem als das Würdigste zu tun darbietet, und das einzige, was uns zu tun obliegt, ist, die heiligen Grundsätze, die ganz von selbst im Boden unserer Überzeugung emporkeimen, nie zu verletzen, sie immer durch unsre Handlungen und den Glauben an sie mehr zu entwickeln, so dass wir am ende gar nicht mehr anders können, als das ursprünglich Göttliche in uns bekennen. Es gibt gar viele Menschen, die grosse Weihgeschenke der Götter mitbekommen haben und keines derselben anzuwenden vermögen, denen es genügt, über dem Boden der Gemeinheit sich erhaben zu glauben, bloss weil der Buchstabe eines höheren Gesetzes in sie geprägt ist, aber der Geist ist nicht in ihnen aufgegangen, und sie wissen nicht, wie weit sie entfernt sind, jenen Seelenadel in sich verwirklicht zu haben, auf den sie sich so mächtig zugut tun. – Dieses scheint mir also die vornehmste Schule des Lebens, darauf zu achten, dass nichts in uns jene Grundsätze, durch die unser Inneres geweiht ist, verleugne, weder im Geist noch im Wesen. Jene Schule entlässt den edlen Menschen nicht bis zum letzten Hauch seines Lebens. Dein Ephraim wird mir recht geben und ist ein Beweis dafür. Ich glaube auch, dass es die höchste Schicksalsauszeichnung ist, zu immer höheren Prüfungen angeregt zu sein. – Und man müsste wohl das Schicksal eines edlen Menschen aus seinen Anlagen weissagen können. – Du hast Energie und Mut zur Wahrhaftigkeit, und zugleich bist Du die heiterste natur, die kaum das Unrecht spürt, was an ihr verübt wird. Dir ist's ein leichtes, zu dulden, was andre nicht ertragen können, und doch bist Du nicht mitleidsvoll, es ist Energie, was Dich bewegt, andern zu helfen. – Sollt ich Deinen Charakter zusammenfassen, so