sagtest Du: "Hätte die Welt nicht widerstanden, wie konnte Cäsar ein Eroberer werden?" – Da war mir plötzlich alles deutlich, und ich war so glücklich, mein eigenes Selbst meiner Anstrengung zu danken zu haben, dass ich wohl begriff: dies sei die einzige göttliche Gewalt in uns, uns zu freien Naturen zu bilden, nämlich, alles aus eigner freier Anstrengung zu erwerben, und was ist Freiheit, wenn nicht: Gott sein? Alles aus freier Anstrengung erwerben ist die erste Bedingung einer göttlichen natur.
Und diesen Forderungen von Dir habe ich geschworen, wie einer auf die Fahne schwört, und war meiner eignen Begeistrung so gewiss und hätte mir's zugetraut, alles mit Ernst und Treue zu verwalten, was die innere stimme mir auferlegte, und dieser geheime Trieb, göttlich zu werden, durchdringt mich noch. Und wenn ich hundertmal eins ums andre verlassen hab, so verzag ich nicht, wieder zu beginnen. Ich will zu Dir, in Deinem Schoss will ich lernen; ich weiss, dass es so sein muss, dass wir beieinander sind. Wenn ich Dir nicht jeden Tag entüllen kann, was für Gedanken in mir aufsteigen, dann bin ich gleich weggerissen. Ja, das muss ich Dir auch noch von mir sagen, dass ich's oft nicht weiss, wie es kommt, dass ich oft plötzlich weit von dem, wozu ich mich ganz hingewendet hab, hinweggerissen bin; – nicht mit meinem Willen, aber ich bin dann erfüllt und bestürmt vom Denken, dem muss ich folgen; und ermüdet bin ich dann – aber so ermüdet, wenn ich mich wieder zu dem finde, was ich erlernen oder mir aneignen will. Und das ist meine Sünde. Ich sollte diese Schwäche abweisen. Der Geist soll nicht ermüdet sein, er soll die Müdigkeit abweisen. – Weiss ich doch, dass ich im Rheingau bei langen Wegen, die oft vier bis fünf Stunden weit waren, mir sagte, ich will nicht müde sein, und dann, als sei ich neugeboren, den Weg wieder zurücklegte. Das vermag der Geist über den Leib, aber über den Geist selbst, da ist der innerliche Geist, der ihn zähmt oder weckt, noch nicht stark. – Ja, vielleicht bin ich's selbst, der ihn verleugnet; aber Dich nicht. In Dir konnte er mit mir sprechen. Und es ist nicht aller Tage Abend, betrachte alles als ein Vorspiel, als ein Strömen noch verwirrter und verirrter Gefühle und Kräfte. Ach, verzweifelst Du, dass je das Gewölk in meinem Geist sich teile? und das Licht Ordnung herabstrahle? – Ich hab Zuversicht, ich verzweifle nicht, ein ewiger Trieb zu empfangen, ein rasches Bewegen in meiner Seele, die sagen mir gut. – Und Du wirst mich nicht verwerfen. – Es wird ja schon wieder Tag! Die Eos tritt aus der Dunstluft hervor, und mir ist wohl geworden über dem Schreiben; ich träume nicht mehr, dass der Donnerer mein Schiff zerschmettre und in die Wellen versenke, – weil es gefrevelt ist, an ihm, der auf hephästischen Rädern die Rosse zum Sonnenmeer treibt, sie da zu baden. Nein! Ich führ neben Dir her am Strand die reinen Lämmer ihm entgegen; und ich gehöre zu Dir, wenn Du sein gehörst. –
Bettine
An die Bettine
Ich musste abreisen und konnte Dir nicht einmal ausführlich schreiben. Eine Schwester, die schon länger unwohl ist und jetzt nach mir verlangte. Das wird mich auch wohl sobald nicht dazu kommen lassen. Denke nicht, ich vernachlässige Dich, liebe Bettine, aber die Unmöglichkeiten, dem nachzukommen, was ich in Gedanken möchte, häufen sich, ich weiss sie nicht zu überwinden und muss mich dahin treiben lassen, wie der Zufall es will, Widerstand wär nur Zeitaufwand und kein Resultat, Du hast eine viel energischere natur wie ich, ja wie fast alle Menschen, die ich zu beurteilen fähig bin, mir sind nicht allein durch meine Verhältnisse, sondern auch durch meine natur engere Grenzen in meiner Handlungsweise gezogen, es könnte also leicht kommen, dass Dir etwas möglich wäre, was es darum mir noch nicht sein könnte, Du musst dies bei Deinen Blicken in die Zukunft auch bedenken. Willst Du eine Lebensbahn mit mir wandlen, so wärst Du vielleicht veranlasst, alles Bedürfnis Deiner Seele und Deines Geistes meiner Zaghaftigkeit oder vielmehr meinem Unvermögen aufzuopfern, denn ich wüsste nicht, wie ich's anstellen sollte, Dir nachzukommen, die Flügel sind mir nicht dazu gewachsen. Ich bitte Dich, fasse es beizeiten ins auge und denke meiner als eines Wesens, was manches unversucht muss lassen, zu was Du Dich getrieben fühlst. Wenn Du auch wolltest manches Recht, was Du ans Leben hast, aufgeben, um mit mir zusammenzuhalten, oder besser gesagt, Du wolltest von dem Element, das in Dir sich regt, nicht Dich durchgären lassen, bloss um Dich meiner nicht zu entwöhnen; das wär ja doch vergeblich. Es gibt gesetz in der Seele, sie machen sich geltend, oder der ganze Mensch verdirbt, das kann in Dir nicht so kommen, es wird immer wieder in Dir aufsteigen, denn in Dir wohnt das Recht der Eroberung, und Dich weckt zum raschen, selbstwilligen Leben, was mich vielleicht in den Schlaf singen würde, denn wenn Du mit des himmels Sternen Dich beredest und sie kühn zur Antwort zwingest, so würde ich eher ihrem leisen Schein nachgeben müssen