hinein, da war's so feucht und so trüb, dass man glaubte, es sei der traurigste Herbsttag. – Ich erzähl Dir's, – ich wollt Dir nur sagen, ich scheu mich nicht vor traurigen Orten und auch nicht vor traurigen Menschen, und wenn Du was hast, was Dich trübsinnig macht, so brauchst Du mir's nicht zu sagen, aber scheu Dich doch nicht vor mir, ich weiss so stillzuhalten.
Gestern hatte ich mich den ganzen Tag gesehnt nach dem Abend, weil ich auch am Tag keine Ruh hab. Wenn ich doch ein einzig Wort von Dir hätt nur, über Dich! – Ich hab nur lauter Halbgedanken, sie kommen tief aus der Brust, aber ich mag sie nicht prüfen. – Wenn Du mir das einzige schreibst: "Bettine, ich bin Dir gut", das wär genug! Wär ich doch wie die Uferfelsen, die den stürzenden, verspritzten Lebensstrom wieder im ruhigen Lauf sammeln, und jede Welle, jeder Gedanke in Dir würde freundlich an mir vorüberbrausen, ich wollt sie nicht fesseln. – Ach, ich sag nicht, dass ich Dich liebe, aber doch mein ich, ich wollt gern Dir mein ganz Leben aufopfern, und ich kenn niemand, dem ich das wollt, aber Dir wollt ich's. Aber wenn Du mir auch nicht vertrauen kannst, darum will ich nicht bitten. Es ist mir alles eine grosse Schrift in Dir, es ist mir alles Geist! – Mein Gott! Was hast Du getan, gedacht, was ich nicht mit vollen Sinnen genossen hätt. – Und so oft hab ich in Dir erkannt, was ich in mir selber nicht zur Gewissheit bringen konnte! – wenn mir ahnte. Die ersten kühnen Gedanken, die zum erstenmal die engen Lebensgrenzen überbrausten, dass ich verwundert war über Geist und überrascht, wo hab ich sie doch gelesen? – Sie standen auf Deiner Stirne geschrieben, – wieviel kreuzende Stimmen hast Du doch entwirrt in meiner Brust, und meine wilde Gedankenlosigkeit – Du hast sie so sanft eingelenkt und mir gelehrt, freudig mitspielen. – Der Sinn der Welt ist mir einleuchtend geworden durch Dich, ich hätt ihn nimmer geheiligt, ich hätt ihn immer verachtet. Denn früher dachte ich oft, zu was ich doch geboren sei? Aber nachher, wie Du mit mir warst, da hab ich nicht mehr so gefragt, – da wusst ich, dass alles Leben ein Werden ist, und nur eine freudige Ungeduld hat mich zuweilen noch übermannt, ein übereilend Erharren der Zukunft, keine Trauer mehr, nein, ich weiss nichts mehr, was mich geschmerzt hätt seit dem Augenblick, wo ich Dich kenne. – Dort in Offenbach, der Tage erinnere ich mich; kann's dem Busen der Erde so üppig entkeimen, als mir die Lebensfülle unter Deinem warmen belebenden Hauch? – O glaube mir's, ich taumelte oft im Geist, weil die Gedanken so weich sich mir unter das strömende Gefühl betteten, oft, wenn ich am Abend in die weite Purpurlandschaft sah, dort, wo ich aufs Dach stieg, bloss um zu fühlen, wie's Leben doch tut in der Brust, es war mir ja noch so neu, da musst ich denken, dass ich ganz alles mit sei, was ich sah, – solche Purpurwogen durchwallten mich, – und es war ein Reichtum, den ich in mir ahnte, und es war mir alles durch Dich geschenkt! – Ja, ich zweifle nicht, es ist ein Kern, ein edler in mir, der wurzelt, und der mich mir selber wiedergibt. Du hast diesen Kern in mir gebildet, Mut! Umsichtige Heiterkeit sind seine ersten Blüten gewesen, und jeden Tag will er mehr Blüten treiben, wie der Baum inmitten wohltätiger natur! – Alles Schicksal nehm ich hin wie Wind und Wetter, und kann's tragen, denn Du hast mich gesund gemacht, – aber wenn ich nun ausgerissen wär aus dem Boden, das wird doch nicht sein? – Nein, das kann niemals wahr werden. O kein Erdbeben, das den Berg verschlinge, dessen Gipfel den schwachen Stamm trägt – blühend weit hinaus in die Ferne – und so wohl sich fühlt, weil er alle Güte der Sonne empfindet, weil ihm alle Echo erklingen von den weiten Bergen, und weil er so weit umher die lachende natur beherrscht, weil er so hoch steht, so einsam, so glücklich, und alles allein, weil er in Deinen Busen gepflanzt ist. –
Dann bin ich schlafen gegangen, wie ich so weit geschrieben hatte, und hab vergessen auf den Turm zu gehen, wo ich doch den ganzen Tag unruhig danach war, und schlief so fest ein. Ach, war ich denn krank gewesen, dass ich wieder so ganz gegen meinen eigentümlichen Willen nicht traurig zu sein, so an Dich schrieb? – Aber wie ich aufwachte, da besann ich mich, dass es zum erstenmal war, wo ich den Turm versäumte, sprang auf und warf einen Mantel um, so war ich oben angelangt, noch eh ich mich besann, ob's nicht die Geisterstund sein könne, meine Hast war zu gross, als dass ich mich hätt fürchten können, – denn ich dachte, wenn nun schon Mitternacht vorbei wär, so hätt ich einen Tag versäumt. Nein, das will ich nicht, ich hab Dich da oben in der freien natur allen