sie sich mehrten oder in den Herzen der Juden, dass sie aus Hunger nach dem göttlichen Wort der leiblichen sorge nicht achteten und sich einander im christlichen Sinn, der schon in ihnen zu keimen begann: 'liebt euch untereinander', die leibliche Speise mitteilten und gönnten, so liegen denn immer diese Lehren darin: Richtet die Seele auf göttliche Weisheit, so wird die sorge um das Irdische von euch gehoben durch göttliche Kraft. Oder auch: Die sorge um Irdisches ist allein in die Welt geboren, damit ihr sie überwinden lernt um eurer Brüder willen und gemeinsam nach dem Göttlichen trachtet, was jedem zuströmt, soviel er zu fassen vermag. Der göttliche Segen aber regnet über alle land, und euch brüderlich in den irdischen zu teilen, achtet ihr das nicht als göttliches Wunder in euren Herzen? –
Mögen doch eure Herzen geschickt sein, Bruderliebe zu üben, so ist euch gewiss, dass das Wunder göttlicher Weisheit in euch erblühen werde, was von innen als Fülle des Segens über alle gleich sich ergiesst, und nicht über diesen allein, weil er Christ ist, und über jenen nicht, weil er Jude ist. – Denn so oft wir den Segen, sei er irdisch oder himmlisch, abteilen wollen, so erstirbt er in uns, denn sein Leben ist: Gemeinschaft des Heiligen. Mit dem inneren Sinn sollen wir die Welt regieren, das äussere Regiment greift in ihre Gestaltung nur vorübergehend oder gar nicht ein und kann nur das Geistige, die wirkliche Entwicklung hindern, aber der innere Sinn, durchdrungen von dem höheren Regiment der Welt, breitet sich aus und greift um sich, ihm ist nicht Einhalt zu tun, erzeugt sich in allen Herzen, jeder pflanze den Kern dieser süssen Frucht ins eigne Herz, er ist der Frühling des Lebens, ohne den werden wir nicht ernten und keine Gewalt haben." –
Bang sagte mir nach der Kirche, er habe wohl gemerkt, dass ihm niemand zugehört habe als nur ich allein, die ganze Kirch hab geschlafen. –
Ich hab von dieser Predigt in einem Brief an den Voigt geschrieben, weil ich ihm nichts Besseres zu erzählen wusste, so hat er mir geantwortet: "Der innere Sinn greift mehr um sich wie alles Regiment der Welt, der Flügelsame des Geistes kann nicht abgesperrt werden, der treibt umher, und der Wind der geistigen natur überwältigt alle Vorkehrungen, drum ist's lächerlich, was die Menschen sich für Mühe geben, alles in der Zucht halten zu wollen oder durch etwas anders die Freiheit zu erkaufen als durch den Geist. Freiheit ist die strengste Zucht, denn sie greift da ein, wo kein Gebot noch Verbot was wirkt, sie zermalmt das Schlechte in der Wurzel; denn Freiheit ist eine göttliche Kraft, die nur Gutes wirken kann, aber die Menschen verstehen nicht, was Freiheit ist, sie wollen sich ihrer bemächtigen, das ist schon sie ertöten. Der Freiheit kann man sich nicht bemächtigen, sie muss als göttliche Kraft in uns erscheinen, sie ist das Gesetz, aus dem sich der Geist von selbst aufbaut. Innere Gebundenheit und äussere Freiheit sind doppelt schwere Ketten, weil die Trunkenheit noch dazukommt, die die Sinne bindet und verwirrt." – Das ist ungefähr das Bedeutendste, was ein zehn Seiten langer, sehr kritzlich geschriebner Brief entält, ich wollt Dir ihn nicht schicken, ich fürcht, es möchte Deine Augen angreifen, ihn zu lesen. Er hat noch viel Hübsches und Freundliches geschrieben über Deinen Franken in Ägypten6. – Er sei der Franke, aber das Mädchen werde er nimmer finden, das ihn in des Vaters Hütte führt, denn was ihm in der Seele woge, das sei nicht mit Schönheitslettern ihm ins Antlitz geprägt, seine fränkische Nase umschreibe kein schönes Profil. Den Brief kann ich Dir einmal vorlesen, wenn das Füllhorn eigner Mitteilungen ausgeleert ist, – aber wann wird das je sein? – Ach, ich hab das Herz so voll zu Dir, nur heute hab ich von fremden Menschen geredet statt von meiner Seele, weil ich Dich nicht betrüben will mit meinen Klagen. Aber gewiss ist es wahr, auf dem Turm kann ich nur Seufzer ausstossen, und meine Gedanken sind wie abgerissne Zweige und zerstreute Blätter – Laub, das im Winterwind herumwirbelt! – Ich kann keins haschen, und was mir zufliegt, das zerfällt und hat keine sybillinischen Zeichen; aber ich will nicht klagen, denn es ist ja doch nur Einbildung von mir, Du bist nur so schweigsam, weil Du so in Gedanken versunken bist, wie Du schon als diesen Herbst warst. Wolltest Du nicht manchmal den Voigt sehen? – Er ist doch gut, der könnt mir als von Dir schreiben. Er ist heiter und bescheiden und erzählt so viel Schönes aus seiner frühen Jugend, sein Leben ist Musik und Malerei, seine Bekanntschaft ist, wie wenn einer mit fröhlichem Gemüt umherschaut und einem unbefangnen blick begegnet, dem er alles erzählt, was in seinem inneren vorgeht. Dass er schlecht geschrieben hat, will ich wohl glauben, aber es verdirbt mir ihn nicht, denn das war vermutlich die besessene Herd Schweine, die in die hohe Meeresflut gestürzt sind; wie es denn gewöhnlich bei guten Menschen geht, die was Schlechtes hervorbringen; es muss ihnen ganz leicht sein, wenn sie es los sind, – so ist er auch ausnehmend vergnügt. Ich hab ihn kennen lernen, wie er als Schulrat in Frankfurt vorgestellt war, da hat er mich mit seinem