mit samt dem Tuch zerrissen. – Und doch ist das ganze Leben nur, dass Du eine Ehrenbahn durchwandelst, die Dich wieder ins Ideal ausströmt. Ich fühl's, wie kann man zu was Höherem gelangen, als dass man sich allen Opfern, die das Leben auferlegt, willig hingebe, damit der Wille zum Ideal sich in das Leben selbst verwandle – wie kann man Selbst werden als durch Leben? – Und so muss man auch willig das Alter ertragen wollen, und die ganze Lebensaufgabe muss aufgenommen sein und kein teil derselben verworfen. – Wenn Du früh sterben willst, wenn Du es unwürdig achtest, weiterzugehen, wirst Du damit nicht jeden schmähen, der seine Lebensbahn nicht aufhob? – Die da mühselig ihre Last tragen, sind die zu schmähen? – Heldentum ist höher als Schmach! –
Vor der Philisterwelt, die meinen Geist doch nicht begreift, schäm ich mich nicht, für sie nicht Jugend zu sein, die von den heiteren Frühlingstagen nichts weiss, welche der Geist durchlebt. – Weisst Du, was schlecht ist im Alter? – Wenn es ein Aufbau, ein Übereinandertürmen rumpliger Vorurteile geworden, durch das die heilige Anlage der Jugend nicht mehr durchdringt, aber wo der Geist durch alles gehäufte Elend des Philistertums, dieser ganz unwahren aber wirklichen Wahnwelt, durchdringt zur Himmelsfreiheit, zum Äter und dort aufblüht, da ist Alter nur das kräftigste Lebenszeichen der Ewigkeit. – Mir scheinen alle Menschen um mich wie nichts oder doch eine geringe und unzuverlässige Gattung von Naturen, eben weil der Geist nicht in ihnen liegt, die höchste Blüte im Alter zu erreichen, – eine zernagte Blüte. – – Aber der Ephraim deucht mir eine vollkommne Geistesblüte, die jetzt im Frühlingsregen steht; die Tage sind lau, aber trüb – aber die Ahnung ist voll himmlischem Jugendreiz, die andern fühlen und sehen ihn nicht, wo steht aber auch je ein Philister bei der knospenden Zeit still, voll Schauer, voll Gebet zur erwachenden Blüte? –
Was war's also mit Deinem Frühsterbenwollen? – Wem zu gefallen willst Du das? – Dir selbst zulieb? – Also rechnest Du die scharlachne Kaiserbahn für Deine Jugendblüte, bloss weil sie so glanzvoll schimmert, aber sieh doch, die Welt achtet sie ja nicht, sie zerreisst sie in Fetzen, und Du stehst an ihrem ende, und ist nicht mehr eine Spur davon, und da willst Du Dich mit zerreissen? Aber der Trieb zu blühen ist erst dann wahre Geisteseingebung, wenn jene Scheinblüte Dich nicht mehr täuscht, wenn Du die Blüte ganz aus Dir selbst erzeugst, dann will ich sagen: "Ja, Du bist der Geist des Frühlings" – aber mutlos das Leben verwerfen ist nicht Jugendgeist –, ach ich fühle wohl, dass ich hier weit mehr recht hab wie Du, und dass ich Dir Trotz bieten kann; aber ich weiss auch, dass Du die tiefere Geisteswahrheit, die in meinem Vergleich liegt, deutlicher wahrnimmst als ich, und dass Du gewiss Gewaltigeres ahnest, als ich begreife. Es geht immer so zwischen unseren vertrauungsvollen Reden, dass ich stottere, und dass Du mir dann reiner begreiflich machst, was ich wollte. – Mir steht hier nur der Jude vor Augen, der über die sinkende Blüte der Eltern hinaus die schweren Lebensbedingungen erfüllt, jeden mühevollen Weg zur Erhaltung der Enkel macht, keinen Tag mehr als den seinen verlebt, nicht um sich selber sich kümmert, in der Tagshitze zu den Seinen hinwandernd, sich mühsam beugt, um die Brosamen zu sammeln auf dem Weg und sie den verwaisten Kindern zu bringen. – Sein Weg war sonst Wissenschaft, Studium der alten Sprache, Philosophie; und nun! – Wirft ihn das Geschick hinaus aus der Bahn, durch seine Aufgaben, die mehr mit dem wirklichen Leben zusammenhängen? – Mir deucht nicht, – mir deucht, es sei die erste heilige Blütezeit seines jugendsprossenden Geistes, – so ist er auch friedevoll und ruhig im jungen Sonnenlicht keimend und treibend, lebenswarm ist der Boden, die Luft und sein Wille und sein Denken – und was er sagt, ist wie die Rebe, in die der Saft steigt einstiger Begeisterung – und ich weiss nichts mehr von Veralten, Verwelken, seit ich diesen Mann angeschaut hab; jeder Tag auf Erden ist ein Steigern der Blütebegeistigung, so nenn ich's, in der Eil weiss ich's nicht anders auszudrükken – und der letzte Tag ist immer noch lebentriebvoller wie der vorletzte. Wie es auch sei, es ist ein ewig Vorrücken in den Frühling; – und unser ganz Leben glaube ich, hat keinen andern Zweck. –
Die Sterne haben mir's gesagt für Dich. –
An die Günderode
Es ist ja noch gar nicht so lang, dass Du mir geschrieben hast, es sind jetzt vierzehn Tage, und wenn ich Deinen Schreibetag hinzurechne und die Reise und das Abgeben des briefes, so sind es sechzehn oder siebzehn Tage; – Du bist nicht Herr Deiner Zeit wie ich – denn ich hab gar nichts anders zu tun, als alles Leben zu Dir hinzuschicken, ich wollt auch lieber gar nicht denken, wenn ich Dir's nicht wiedergeben könnt, mir kommt express alles in den Sinn wegen Dir. Aber ich weiss, dass es Dummheit ist, sich immer ängstigen zu wollen. Nur das eine kann ich nicht ausstehen, wenn sie mir schreiben, die Günderod lässt Dich grüssen. – Ich kann noch eher leiden, wenn sie sagen,