Aber mich kümmert's nicht, ob alle es nicht glauben, ich bin mir genug und brauch keine Beglaubigung dazu. Tiefere Wahrheit erkennen ist ja das Leben verstehen – so empfindet man ja, dass grosse Taten die schönsten Momente des Lebens sind; also ein wirkliches heisses Umarmen mit dem Leben selbst. Solche himmlische Momente, aus denen sich nachher die Gewissheit der Liebe ergibt. – Ja, eine grosse Tat allein ist Feier der Liebe mit dem Leben, und sind die Menschen nicht lebentrunken, wenn sie gross gehandelt haben, wie der Liebende trunken ist vom Genuss, von der Gewissheit, geliebt zu sein? – Ist das nicht jene Seligkeit, deren jeder andere bar ist, der nicht den Mut hat, der heiligen Inbrunst des Lebens sich liebend hinzugeben, und an der grossen Tat vorbeischleicht? – Ja, was ist der innere Genuss solcher Beglückter, als trunken sein von Begeistrung, die zu ihnen strömt als Gegenliebe; denn rein und gross sein im innersten Gewissen, das ist von dem Leben durchdrungen sein. –
Man sagt, die grosse Tat belohnt sich selbst, oder, er hat den Lohn in der eignen Brust, – und so ist keiner zu ermessen, in dessen Brust dies Verheissen ewiger Inbrunst zwischen Leben und Lebendem diesen Lohn erzeugt. Es ist der einsame tiefverborgne Glücksmoment, der keinen Zeugen hat, der nie sich nachfühlen lässt, den jeder wahrhaft Liebende verschweigt, der ihn über alles Erdenschicksal hebt, und der auch über alles, was in der Welt anerkannt wird, ihn stellt, was ihm das Gepräg des Erhabnen gibt.
Ja, die Grosstaten, die leidenschaftlichen Küsse des Lebens lassen einen sichtlichen Eindruck zurück, der sich selbst, ich will's glauben, auf Kinder und Kindeskinder vererbt, denn wo käme der Adel her? – Ist der nicht aus der heiligen Kraft entsprossen, wo das Leben mit seiner Liebe den Geliebten errungen hat? – Dies heimliche innerliche Geniessen einer den andern ungekannten Seligkeit? Wo man alles aufgibt, bloss um dem Liebenden – dem Leben zu genügen? – Ja, das muss wohl auch in der Erscheinung – im Leib sich abdrücken; und man könnte darauf kommen, in den Gesichtern alter Geschlechter nachzuspüren, was wohl für eine Art von Begeistrung den Keim zu diesen veredelnden Zügen, zu dieser erhabnen Vornehmheit legte, ob es kühnes Tun, mutiges oder selbstverleugnendes war, was diese Liebesopfer einst vom Ahnen heischten – das ist mir schon bei Arnims Zügen eingefallen –, und ein Mann göttlicher leidenschaft fürs Leben, der ist ein Gründer des erhabensten Geschlechts, der ist ein Fürst unter den Menschen und sollte er selbst in Lumpen unter den Menschen wandeln, und wer vor diesem Adel nicht Ehrfurcht hat, das ist der Pöbel, der nimmer zum Adel taugt, weil er das verkennt, was sein Ursprung ist, ihn also nicht in sich erzeugen kann, er nenne sich Fürst oder Knecht. – Das war mein Gespräch heute mit den Sternen.
Dienstag
Heute ist der siebente Tag, dass ich meinen ersten Brief abschickte, am Samstag der zweite und heute? – Soll ich diesen schliessen und Dir schicken? – Ich mein als, es sei Dir zuviel vielleicht – das wird aber nicht, ich hab Dir's versprochen, Dir alles von da oben zu schreiben, Du hast mich mehrmals dazu aufgefordert, was kann ich davor, dass mir so viel in den Kopf kommt, oder vielmehr in die Feder, denn, wenn ich glaube, mit einer Zeil fertig zu sein, so bring ich die selbst nicht aufs Papier vor so viel hundert andern, die sich dazwischendrängen. So hatte ich gestern im Sinn, wie es doch so dumm ist, wenn man sich über sein eigen Leben wollt besinnen und glauben, es läg schon hinter einem, was doch noch nicht der Anfang ist vom Leben, sondern nur der Grund, die Veranlassung dazu. –
Wenn der deutsche Kaiser gekrönt ist, vom Dom bis zum Römer über eine Bahn von Scharlachtuch geht, so fällt das Volk dicht hinter ihm über das Tuch her und schneidet es unter seinen Tritten ab, zerreisst's in Fetzen und teilt es unter sich, so dass, wenn er auf Scharlachbahn zu sehen. So scheint mir auch aller Lebenseingang wie die rote Kaiserbahn, gleich nach jedem Schritt aufgehoben und nichts sein, bis das Leben Dich wie den Kaiser in so grosse Verpflichtung nimmt, dass kein Augenblick mehr Dein gehöre, sondern Du ganz im Leben aufgehest, da kannst Du erst Deines Lebens Anfang rechnen, dann aber hebt sich das Sterbenwollen von selbst auf. Alles Leben, was sich mit Dir berührt, hängt von Dir ab, aber Du bist kein abgesondertes Leben mehr, – und wirkliches Leben ist ein Ausströmen in alles, das lässt sich nicht aufheben, – wie's mich verwundert hat, wie Du sagtest, viel lernen und dann sterben, jung sterben! – Es kam mir in den Sinn, als hätt ich wohl meine Zeit sehr vernachlässigt, dass ich nun schon so alt sei und noch gar nichts gelernt, so würde ich wohl das Jungsterben bleiben lassen müssen, oder lieber gar nichts lernen. – Aber die kaiserliche Scharlachbahn! – Ich sag Dir, alles, was Du Dir vom Leben abschneiden kannst, ist bloss das Präludium dazu, und das hebt sich von selbst auf, es ist vielleicht ein idealischer Voranfang; – willst Du mit diesem das Leben aufheben? – Das heisst den Kaiser