und überhaupt geh ich nach Vornehmheit, und diese hat der Mann; und sehe doch nur einen auftreten in der menschlichen Gesellschaft, ob nicht aller mühselig erzwickter Rang ihn so des gesunden Verstandes beraubt, dass er nur als Narr sich selbst genug zu tun glaubt. – Weise sein kann keiner, der der Narrheit eine höhere Überzeugung opfert, denn aller Verstand deucht mir ein Spiel von Aberwitz, wenn der heiligen Weisheit nicht alle Opfer gebracht sind. Das meine ich so: wenn nicht alle äusseren Vorteile, Würden und Ruhm, nichts gelten vor dem inneren Ruf zum Göttlichen. Ich bin noch jung, mir kommt es wohl noch einmal, dass mich das Schicksal frägt, – und da werde ich des alten Handelsjuden Ephraim gedenken. – O pfui, wer seinen Umgang wollte richten nach dem äusseren Rang, von Vorurteilen sich wollte Fesseln lassen anlegen; und mit denen prangen! – Der einzige Stolz, den ich habe, der ist frei sein von ihnen, – und der schon auf andern Wegen seinen Vorteil sucht als in der heiligen Überzeugung seines Gewissens, der ist nicht mein Geselle. – Aber der Jude, der gibt mir keinen Anstoss, der ist frei von allem. –
Adieu
Bettine
Noch eins setz ich hier hin: alles, was Dir geschieht, soll Dein Geistesleben befördern, – so, auf die Weise begreif meinen Umgang mit dem Juden.
An die Günderode
Ein matematischer Vergleich vom Jud: Begeisterung ist ein Reich des Seins, das wir zwar aus der Wirklichkeit verbannt haben, aber in dem wir seine Gewissheit fühlen. – Wie könnte dies Reich nicht wahrhaft sein, da der Geist die Wirklichkeit verlässt, denn wo soll der Geist leben als in der Begeisterung, da er immer nur lebt, wenn er begeistert ist. – Aus dieser Schlussfolge legte er mir nun aus, was er von mir gefasst wollte wissen – und ich ergriff seine Hand und sagte: "Ach Ephraim, jetzt weiss ich, wer Ihr seid, Ihr seid der Sokrates." – "Ich bin der Sokrates nicht, aber er ist ein Stück von meiner Religion." – "So?" – sagt ich, "habt Ihr ihn studiert; wie seid Ihr denn dazu gekommen?" – "Da könnt ich ja wohl fragen, wie ist ein so junges Töchterchen dazu gekommen, von ihm zu wissen?" – "Ich hab ihn der Günderode stückweis vorgelesen, aber ich war zerstreut und weiss nichts von ihm, als nur, dass er solche Schlussfolgen macht wie Ihr." – "Wer ist die Günderode?" – "Meine Freundin, der ich alles von Euch erzähl und auch, dass Ihr mich gefangen habt wie in einem Hamen, dass ich lernen muss, und dass Ihr der einzige Mensch seid, vor dem ich Furcht hab." – "Wenn das nur wahr wär," sagte er, "so wollt ich noch strenger sein." – "Ach nein! zerreisst den Hamen nicht, er ist gar fein gewebt, lasst dem fisch Platz, dass er ein bisschen schnalzen kann." – Das macht ihm nun so viel Vergnügen, so ein Weilchen mit mir zu sprechen, – er sagte: "Das ist alles gut, aber wir wollen einander nicht umsonst kennengelernt haben, und Sie sollen manchmal noch des alten Ephraim Spuren in Ihrem Geist verfolgen, wenn er schon lange nicht mehr lebt," – wahrlich, ich hatte auf der Zunge, ihm zu sagen, dass ich ihn unaussprechlich liebe, und dass mir an seinem Segen mehr gelegen sei als an der ganzen Welt; aber ich schwieg still, was soll man so was sagen, er sieht's ja und fühlt's auch gewiss innerlich als Wahrheit. Ich frag ihn alles, was mir in den Kopf kommt, mir deucht gar nicht, dass es möglich sei, dass ihm sein Geist nicht alles klar und deutlich mache – nur scheu ich mich, ihm zu sagen, wie sehr ich ihm vertrau, gestern sprachen wir vom Napoleon, ich sagte: "Mit Euch wollt ich Schlachten gewinnen! – Ich hab mir oft gedacht, wenn ich Feldherr wär und von meiner Gegenwart des Geistes alles abhing, dass ich alles verantworten müsst, ob ich da nicht zwischen Begeistrung und Furcht schwanken würde; aber wenn ich Euch an der Seite hätt, dann wollt ich meiner Entschlossenheit gewiss sein." – "Warum? – Trauen Sie mir so viel Mut zu? – Hab ich ihn doch noch nie bewiesen, und vielleicht noch nicht gelegenheit gehabt, ihn zu proben, denn des Juden Weg ist, sich zwischen Dorn und Disteln durchzuschleichen, mit denen der Christ ihm die Strassen verhackt, und er muss sich scheuen, dass die Hunde wach werden, die in die Dornen hinein ihn verfolgen, dass er nicht mehr vor- noch rückwärts weiss und oft im Schweiss seiner Mühen zugrunde geht, und was noch trauriger ist, – seinen Gott nicht mehr im eignen Herzen findet," – und er faltete seine hände und verfärbte sich – er ist eine feinorganisierte Seele –, es bewegte mich, ich sagte: "Ich hab nicht an Euren Mut dabei gedacht, aber mir deucht, in Euer Antlitz zu sehen, das würde meine zerstreuten Gedanken sammeln und meine Entschlossenheit festmachen wie einen Pfeiler, denn ich würde nie vor Euch beschämt stehen wollen; und dann fühl ich, dass Ihr in der Gefahr wachsen würdet, denn