, ihn wieder zu sehen; ich fragte nach allen, wie alt sie sind, wie sie aussehen; da sind ihm doch die fünf, die Vater und Mutter verloren haben, die liebsten, von denen sagte er: "Der älteste, der gleicht mir, man erkennt ihn schon von weitem für meinen Enkel – und der zweite? – Der schlägt ganz nach mir, der hat für nichts Sinn wie für die Matematik und hält sich so apart." – "Wie ist denn der dritte, gleicht der Euch auch?" – "Der ist noch ein klein Jüngelchen, aber er verleugnet den Grossvater nicht, und die Töchter sind schon so hilfreich, die eine ist dreizehn und die andre elf Jahr, aber sie sorgen fürs Haus und für die Kleidung." – Das waren alles gewöhnliche Reden, aber wie erfüllt von Herzlichkeit – ganz wie die natur, mit Entusiasmus Sorg und Plage tragend. – Er war früher bloss Lehrer der Matematik und lehrte in Giessen, in Marburg die Studenten, und in der Ferienzeit ging er nach Haus zu den Seinen. – Zwei Söhne und eine Tochter verheiratet; seine Tochter starb, nachdem sie ihren Mann begraben hatte, den sie sehr liebte, und liess die fünf Kinder zurück. – Der alte Ephraim konnte keinen andern Erwerbszweig ergreifen, sie zu ernähren, als an den er von Jugend gewohnt war, der seine leidenschaft ist – worüber er so manches Schmerzliche hat vergessen, sagte er, – so ist er denn auf dem Heimweg in den Ferien in den nächsten Orten herumgeschlendert und hat alte Kleider eingehandelt, um die seinen Enkeln mitzubringen, denn sie neu zu kleiden, dazu wollte sein Erwerb nicht hinreichen. Nach und nach hat sich der Handel erweitert, alte Hochzeitskleider aus dem vorigen Jahrhundert, verlegne altmodische Spitzen, die die Kaufleute nicht mehr absetzen, verhandelt er jetzt nach Polen, so war er diesmal in Leipzig – und hat ein sehr gut Geschäft gemacht, – Du hörst, ich hab einen ganz kaufmännischen Stil. – Ich möchte mit dem Alten Kompanie machen und die Enkel ernähren helfen, weil aber das doch Schwierigkeit hat, so hab ich einstweilen matematische Stunde bei ihm, das macht ich ganz kurz, ich sagt ihm: "Da komm nur die Woch auch zweimal zu mir, denn ich muss Matematik lernen," er lachte und wollt's nicht glauben, ich holte ihm aber meine matematischen Bücher hervor, die Christian mir hier gelassen, und mein Heft, was ich bei dem Christian geschrieben, das gefiel ihm sehr, denn es war meist alles vom Christian diktiert, der wohl der scharfsinnigste Mensch von der Welt ist. – Jetzt hab ich schon drei Stunden ausgehalten und auch allemal seine Aufgaben richtig gemacht, denn ich hab Respekt vor dem Alten, ich möchte um alles nicht ihm die idee geben, als sei ich ein flatterhafter Schussbartel, wie mich die andern nennen, woran mir gar nichts liegt, aber an ihm liegt mir, weil er so ganz ohne Überspannung doch nicht an meinem Ernst zweifelt, weil er eine so schöne Liebe zu seiner Wissenschaft hat, dass er die für gering achten muss, die das nicht mitfühlen. Und meine Du, was Du willst; aber Du wirst mir recht geben, dass unter solchem Druck, unter so erniedrigenden Bedingungen der Adel des Lebens, so frei und untadelhaft bewahrt, dass sie nicht einmal durch das niedrigste Geschäft sich gebeugt fühlt, für eine hohe Seele spricht; dass sie um so mehr Recht hat auf unsere feierliche achtung, als sie vielleicht dem Äusseren nach der Missdeutung, der Verachtung ausgesetzt ist; er nannte mich gestern sein liebes Töchterchen und legte mir die Hand auf den Kopf, wie er wegging; ich hielt so still, er strich mir über die Wangen und sagte: "Ja so!" – Das hiess so viel: nun in dir ruht der Menschenkeim. – Er kommt zwischen drei und fünf, da wird's schon dämmerig, wenn er geht, ich führte ihn durch den Garten und zeigte ihm den Turm, von wo ich die land überseh. – "Da kann kein Mensch hinauf wie ich, denn seht, die Leiter ist zerbrochen," sagt ich, – und ich hab ihm vorgetragen, wie mir's geht mit dem Generalbass, er sagt, das wär, weil ich nicht alles zu gleicher Zeit überschaue, warum meine Begriffe stockten; und manches, woran Menschen ihr Lebenlang kauten, das müsse von andern in einem blick erfasst werden, sonst ging Zeit und Müh verloren; ich sagte, mir sei bang, so werde es mir auch ergehen. "Ich hab doch in meinem Leben noch keine kleine Eichel gesehen, der bang war, es werde kein Baum aus ihr wachsen," gab er zur Antwort; und dabei legte er mir wieder die Hand auf den Kopf und sagte so freundlich: "Jetzt haben wir die Eichel in die Erde gelegt und gedeckt, und jetzt wollen wir sie ruhig liegen lassen und sehen, was Sonne und Regen tut."
– Du glaubst gar nicht, wie fabelig mich der Mann macht, zu den andern darf ich nicht von ihm sprechen, das kannst Du wohl denken, denn sonst würde meine Andacht mir für Verrückteit ausgelegt werden; aber die Patriarchenwürde strahlt mich an aus ihm, und ich spreche der ganzen Welt Hohn, dass solche einfache grosse und heilige Charaktere nicht Platz finden unter ihren Lappalien,