1840_Arnim_003_153.txt

, von denen man erwartete, dass sie aus dem Ei kriechen würden, und dass es nur unser lieber Posaunenengel war, der all diese Dinge über mich hinter meinem rücken in die Welt hinein trompetete, und man gibt mir die Schuld, dass ich ein eingebildeter, aufgeblasner Kerl wär, der meine, seine Phantasie regne Gold; aber das kränkt mich gar nicht, und beschämt mich auch nicht und es steckt mich vielmehr an, dass ich allerliebst dumm sein kann und mich mitfreue, wenn sie mich auslachen, und da lacht man als weiter. –

Du fragst nach Savigny. Der ist eben wie immer. Die höchste Güte leuchtet aus ihm, die höchste Grossmut, die grösste Nachsicht, die reinste Absicht in allem, das edelste Vertrauen zu dem Willen und Respekt vor der individuellen natur. Nein, ich glaube nicht, dass es ein edleres Verhältnismass gibt. Das stört mich also gar nicht, dass er mich hundertmal hoffärtig nennt, und dass er über meine Albernheiten lacht, und dass er mir noch grössere zutraut, und dass er keinen Glauben an meinen gesunden Menschenverstand hat, er tut das alles mit so liebenswürdiger Ironie, er ist so gutmütig dabei, so willenlos einem zu stören, so verzeihend; ei, ich wüsst nicht, wie ich mir's besser wünschen könnte, als so angenehm verbannt zu sein, und ich komme mir vor wie ein Schauspieler, der sich unter einem Charakter beliebt gemacht hat, und der diesen nun immer beibehält, weil er sich selbst drin gefällt. Der Clemens klagt zwar und meint, er habe immer keine Antwort von ihm erhalten auf all sein Vertrauen und habe sich immer zurückgestossen gefühltund der Savigny liesse gleichsam das Tretrad der Studiermaschine so lang aus Höflichkeit stehen, bis einer ausgeredet habe, er habe sich oft geärgert, dass, wenn er zu ihm ins Zimmer kam, um ihm was warm mitzuteilen, so habe er keine Antwort, nur Gehör erlangt, und kaum sei er draus gewesen, so rumpelte die Studiermaschine wieder im alten Gleis. – Da hat aber der Clemens unrecht. Erstens ist Savignys Anteil am Leben ausser seiner wissenschaftlichen Sphäre nur ein geliehener, und vielleicht bloss gutmütig; und dann ist es ein Irrtum vom Clemens, der meint, er müsse ihm Mitteilungen machen, da er sie ihm nicht honoriert, oder sich ihm mitteilen will, wo Savigny einer anderen Ansicht über ihn zugetan ist. – Mir fällt's gar nicht ein, ihm etwas der Art sagen zu wollen, mir ist's ganz recht, dass er mir die Fehler und Albernheiten, die in mir nun einmal vorausgesetzt werden, noch als erträglich anrechnet. – "Was willst du wieder für eine Dummheit vorbringen," sagen sie oft, oder: "Ich bitte dich, schwätz nicht so extravagant," oder: "Wie kannst du denn so was sagen, die Leute verstehn dich nicht." – Und es fallen mir dann auch immer die Extravaganzen ein, und ich sag sie immer nur, um's zu hören, wie ich ausgezankt werde. – Da siehst Du also, es geht mir pläsierlich; und eifersüchtig darfst Du nicht sein, kein Mensch teilt dies Vertrauen, dies tiefere zu Dir, – drum aber, bin ich auch eifersüchtig auf Dich und oft auch bang, denn nicht allein die Menschen sind mir im Weg, ich fürchte auch jeden Zufall, jede Laune von Dir, jede Zerstreuung, ich möchte Dich immer heiter wissen. Wenn Du Kopfschmerzen hattest, so sehe ich mich noch nach ihnen um, wie nach frechen Gewalten, die ich noch auf dem Rückzug verfolgen möchte. – Wenn einer mir schreibt, Du seist still, oder man habe Dich nicht gesehen, oder man glaube, Du seist nicht in der Stadt, das alles kümmert mich, so leichtsinnig ich bin, und sobald ich drauf vergesse, so kommt mir die idee leicht wieder und steigert meine traurigen Gedanken über Dich, denn die hab ich als oft, das ist wahr.

Mein Lehrer in der Matematik ist mein alter Herbstjud. Morgens an meiner Tür in einem schwarzen Kleid, weissem Kragen und der Bart spiegelglatt, stand er an meiner Tür und fragte um Erlaubnis, mich zu besuchen, ich freute mich über ihn, er sieht soviel edler aus als die andern Menschen, mit denen man täglich verkehrt, die man in grossen Versammlungen sieht; ich hab im Schauspielhaus mich oft vergeblich nach einem erhabnen Gesicht umgesehen. Er setzte sich auch gleich in anständiger Bequemlichkeit an den Tisch, den Arm drauf legend, merkte meine Verwundrung über seine Angenehmheit, lächelte mich an und sah aus wie ein Fürst, – ich fragte: "Wo sind Sie denn so lang gewesen?" – "Nun!" sagte er, "was reden Sie doch so fremd, bin ich nicht noch der Alte? – heiss ich nicht mehr: Lieber Jud?" – Ich musst ihm die Hand reichen, ich sagte, ja! – Hättest Du nur die ironische Miene gesehen in dem erhabnen Gesicht und das milde herablassende Lächeln zu mir; – er sagte: "Nicht aus jedem Mund gefällt einem das Ihr oder Du, mit dem der Jude sich muss anreden lassen, aber Ihrem lasse ich's nicht gern abgewöhnen." – Dir hätte der Mann so viel Freud gemacht, Günderod, er erzählte nur Gewöhnliches aus seinem Leben, von seinen siebzehn Enkeln, wie die sich gefreut haben