nun hörst Du, dass ich doppelte Ohren hab, und dass ich alles nicht allein für mich gehört hab, sondern auch für Dich, denn Du hast es vielleicht schon vergessen. – Du sagtest, Du liebst Dich selbst in mir; so lieb Dich doch auch selbst im Clemens; – ich weiss nicht, was ich Dir all sagen möchte. – Erzieh Dir ihn doch, wie Du ihn haben willst, wie Du fühlst, dass er sein müsste, um Dich nicht zu kränken, zu eben dem Leben, das Du ihm der idee nach zumutest, es ist gewiss das Wahre, was ihm zukommt, und Du selbst sagst ja damit, dass Du ihn der idee nach höher stellst wie die andern, diese idee ist ja doch der eigentliche Wirkliche, und denke doch an die andern, die Du der idee nach gar nicht wohin stellen kannst, sondern musst sie lassen, was sie sind. Und wenn Du einen Spielkameraden fändest mit so herrlichen, grossen Augen, mit so elfenbeinerner Stirn, und er hätte solche Momente, wo die Götter aus ihm prophezeiten, aber er wär unartig und tückisch im Spiel, er biss' Dir in die Hand und kratzte Dich, wenn Du ihn streichelst, oder er schlüg Dich mit der Peitsche, wolltest Du bloss ihn als einen tückischen Knaben achten und wolltest die frühere idee von ihm aufgeben? – So liessest Du ihn also laufen wegen einem Rippenstoss, den er Dir gab, und wolltest von der höheren idee nicht mehr Notiz nehmen? – Ach, lass Deine Rippen nicht so empfindlich sein! Tut's doch Gott nicht! – Er hält sich an das Hohe im Menschen, und alles andere ist nicht für Gott da. – So soll auch alles nicht für Dich da sein, wie bloss das Gute, und wenn es Dir auch gar nicht mehr aufleuchtet, so sollst Du dennoch von ihm wissen und dran glauben. –
Entlasse ihn nicht, liebe Günderode, kämpf Dich mit ihm durch, der die idee in sich trägt, die Du ihm zumutest, und die so hoch ist, dass er hinter ihr zurückbleibt; denn die andern tragen gar keine idee in sich, und bleiben nicht zurück und kommen nicht vorwärts. –
Da hab ich mich so vertieft in Gedanken, dass ich einschlief, es geschieht mir so oft, dass ich einschlafen muss im besten Denken, wenn ich eben empfind, als wolle ein tieferer Geist in mir wach werden, wo ich höchlich gespannt bin zu erfahren, was sich in mir erdichten will, und statt dass es in mir erwacht, so muss ich drüber einschlafen, als ob eine idealische natur mir nicht wolle wissen lassen, wie sie in mir denkt und empfindet. Es ist ein Zauberer in uns, der sieht uns streben nach seinem Wissen, der macht all mein Streben zunichte, wenn ich nah bin und die Offenbarung schon durchschimmern sehe, so schläfert er mich ein. – Ich lese jetzt zum zweitenmal den "Wilhelm Meister", als ich ihn zum erstenmal las, hatte mein Leben Mignons Tod noch nicht erreicht, ich liebte mit ihr, wie ihr, waren die andern in der geschichte des buches mir gleichgültig, mich ergriff alles, was die Treue ihrer Liebe anging, nur in den Tod konnte ich ihr nicht folgen. – Jetzt fühl ich, dass ich weit über diesen Tod hinaus ins Leben gerückt bin, aber auch um vieles unbestimmter bin ich, schon so früh drückt mich mein Alter, wenn ich hier dran denke. – Ich hab mit ihr empfunden, ich bin mit ihr gestorben damals, und jetzt hab ich's überlebt, und sehe auf meinen Tod herab.
Gewiss stirbt der Mensch mehr wie einmal, mit dem Freund, der ihn verlässt, muss er sterben, und wenn ich mit jenem Kind leiden und sterben musste, weil ich sein Geschick als das meine in ihm empfand, und weil ich es zu sehr liebte und konnte es nicht allein in den Tod gehen lassen. – Wenn Du das alles überlegst, so wirst Du nachsichtig sein, dass ich so furchtsam bin um Dich.
Ich hab auch jetzt schon lange wieder nichts von Dir gehört, auf den Clausner kann ich mich nicht verlassen, von Dir will ich keine Briefe fordern, Du hast viel zu denken, und vielleicht Deine Augen sind leidend, aber doch bin ich immer voll Sorgen, wenn ich an dem Tag keine Briefe von Dir hab, wo ich mir's in Kopf gesetzt hab; dann steigert sich's bis zur Angst, wenn noch ein Posttag vergeht, und dann hilft mir's nur, wenn ich in der Sternennacht auf der Warte an Dich denke, da trau ich's meinem Geist seinem mächtigen Willen zu, dass er Dich schütze. Die Nächte war so tiefer Schnee gefallen, dass ich mir erst am Tag einen kleinen Pfad zum Turm schaufeln musste, denn so lang ich vermag, wird mich nichts abhalten, dass ich da hinaufgeh und in Gedanken zu Dir dringe und für Dich bet, bis ich wieder bei Dir bin. – Im Rheingau hast Du mir auch geschrieben, nur kurz, weil Du Augenweh hattest, aber ich las doch in den zwei Zeilen, wie Du gestimmt warst, zutunlich. –
An die Bettine
Deine Briefe haben mir viele Freude gemacht, zweifle nicht daran, liebe Bettine, weil ich Dir selbst so sparsam geschrieben habe, aber Du weisst