Blumenzeit, alles ist doch so schön; wenn die natur mit Ordnung bedient wird, gleich ist's ein Tempel, wo ihre Geschöpfe als Gebete aufsteigen, gleich ist's ein Altar, der voll kindlicher Opfergeschenke beladen ist. – So ist das Gärtchen mit seinen reinlichen Kieswegen und buchsbaumnen Felderteilchen; der Buchsbaum ist so ein rechter Lebensfreund, von Jahr zu Jahr umfasst und schützt er, was der Frühling bringt, es keimt und welkt in seiner Umzäunung, und er bleibt immer der grüne Treue, auch unterm Schnee, das sagt ich der alten Frau, die sagte, ja, das ist wohl wahr, der Buchsbaum muss alles Schicksal mitmachen. – Aber stell Dir doch das hübsche Gärtchen vor, links vom traubenbewachsnen Haus die Mauer mit Jasmin; gegenüber im Schatten eine recht dichte Laube von Geissblatt, der Eingang zum Haus von beiden Seiten mit hohen Lilien besetzt. So viel Levkoien, so viel Ranunkeln, so viel Ehrenpreis und Rittersporn und Lavendel, ein Beet mit Nelken, ein Maulbeerbaum in der einen Ecke und in der andern geschützt gegen die kalten Winde, zwei Feigenbäume mit ihren lieben rein gefalteten Blättern, ich war ganz erfreut, Kameraden von meinem Baum zu finden, unter denen springt ein Quellchen hervor in einen Steintrog, da kann die Frau gleich ihre Blumen begiessen, und in den offnen Fenstern hing ein Käfig mit Kanarienvögeln, die schmetterten so laut. Ach, es war recht Sonntagswetter und Sonntagslaune in der Luft und Sonntagsgefühl in meinem Herzen. Ich bitte Dich, sorg, dass mein Baum von der Liesbet nicht versäumt werde, er muss bald reife Früchte haben, wenn er so weit ist, wie die im Küstergärtchen, die brech Dir ab. – Die Frau schüttelte mir Maulbeeren ab, die sammelte ich auf einem Blatt, und einen Strauss von Nelken und Ehrenpreis und Rittersporn hatte ich mir auch gepflückt; und wie ich so dasteh, ganz still in der Sonn, da kommt der geistliche Herr aus der Tür, er hatte da sein Frühstück genossen, was die Küsterfrau immer nach der Kirche bereitält. – Der Geistliche ist ein schöner, ganz stiller Kopf, und sanfte Augen, und noch jung. Mich strahlten die schönen Worte, die ich von ihm gehört hatte, noch einmal aus seinem Gesicht an, ich konnte auch aus Ehrfurcht ihm nichts sagen, er sah mich aber freundlich an und sagte: "Ei wie! schon reife Maulbeeren"; ich reichte ihm die Maulbeeren, er nahm auch welche davon, und den Strauss nahm er mir auch ab und steckte ihn in seinen Ärmel, denn ich war so überrascht, als ich ihn kommen sah, dass ich nicht wusste, was ich tat, und ihm beide hände entgegenstreckte, ich wusste gar nicht, dass ich ihm den Strauss geboten hatte, und erst als er mir ihn mit einem Dank abnahm, merkte ich's. Nun ging er weg, und ich blieb betäubt stehen, der Spitzhund aber begleitete ihn sehr höflich vor die Gartentür, ich hörte ihn noch vor der Tür freundlich mit dem Hund sprechen: "Geh nach Haus, Lelaps," sagte er. – Ich war recht vergnügt, und mehr als all die Tage über auf der Terrasse, mit meinem Sonntagmorgen.
Wie ich nach Haus kam, waren alle bei Leonhardi versammelt und tranken Schokolade; sie fragten, wo ich geblieben war nach der Kirche, ich erzählte, dass ich im Küstergärtchen gewesen und hätte den lieben Prediger gesehen. Da war aber schon die Kritik drüber her gewesen und hatte die Unmöglichkeiten von unchristlicher Gesinnung drin gefunden; der Mann ist berühmt, und Leonhardis waren aus Neugierde auch drin gewesen und die Engländer und die Lotte und der Voigt, und noch ein paar Stiftsfräulein, die Leonhardis kennen, der Fritz lag auf dem Bett ganz blauschwarz von seinem Stahlbad, aus dem er eben gekommen war, wenn das noch lange dauert, so wird er ein Mohr. Du hättest diesen Schnattermarkt mit anhören sollen, und der Niklas Voigt, der im Mainzer Dialekt sie alle auslachte, und die Lotte mit der besten Weisheit versehen und der Christian Schlosser, was jeder sagte oder vielmehr über die andern hinausschrie, das verstand ich nicht, also noch weniger, was jeder meinte, aber der Niklas Voigt, dem Lotte in Ermanglung eines besseren Auditoriums ihre Weisheit übermachte, taumelte wie ein Betrunkener um den geschlossenen Zirkel der Disputierenden, bejahte alles, was sie sagten, und dann rief er wieder: "In meinem Leben hab ich kein ärger Kauderwelsch gehört als die Narren da durcheinanderschreien, hören Sie doch, Bettine, was die vor Zeug schwätzen", und dann schrie er wieder drein, sie hätten ganz recht, so ein Prediger wär ein eitler Narr, ich sagte: "Ei Voigt!" – "Nun, was wollen Sie denn machen, wenn Sie mitten unter den Wölfen sind, so müssen Sie mit heulen, dass dich, dass dich, was vor kapitale Narren sind's! Ei freilich ist ein Prediger ein Narr, der seine himmlische Weisheit so vor die Narren gibt", – und so zerrte er mich zum Zimmer hinaus auf die Terrasse, war ganz begeistert von der Predigt, "ein Mann ist's, wie's unter Hunderttausenden keinen wieder gibt! Ein Mann, der seine individuelle natur von Gott durchdringen lässt! Ein lebendiger Mann, der leider die Weisheit den hölzernen Maulaffen vorpredigt. Kein Mensch hat Andacht. Geistesandacht hat kein