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mir aufzufliegen. –

Die Sonne hat einen heissen Schein, mit dem sie brennt, so hat der Geist auch ein heisses Licht, das brennt, wohin es leuchtet.

So kam heute einer nach dem andern zum Beichtstuhl geschlichen in der Kirche, und der Pater, der Beicht sass, guckte mich an, ob ich nicht auch kommen wollt? – Und aus Blödigkeit geh ich in den Beichtstuhl und beicht, dass ich mich immer verwundern müsse, warum die heiligen drei Könige das göttliche Kind nicht in ihren Schutz genommen haben, sondern haben es im Stall liegen lassen und wären doch überzeugt gewesen, es sei Gottes Sohn, da noch obendrein ein Stern sich am Firmament aufgemacht, um sie hin zu geleiten, sie hätten das Kind sollen mitnehmen in ihr Land. Und doch wären sie weiter gezogen, das käme mir nicht vor, als wenn sie heilig wären, sondern zerstreute Weltleute; der Beichtvater sagte: "So ist der Weltlauf, sie haben ihre Geschäfte gehabt wie heutzutag auch. – Aber", sagte er, "das braucht man nicht zu beichten, das sind Sünden wie für die Katz vom Tellerchen zusammengekratzt, da gibt Gott keinen roten heller davor. – Da bet sie ein halb Vaterunser zur Buss, oder meinetwegen ein viertel." – Und wie ich aus der Kirche kam in die frische Luft, da war's schon drei Uhr vorbei, die Sonne wollt schon bald untergehen. Da kam ich auf den Turm und besann mich, dass ich Dir wollt alles beichten, wie ich Eifersucht gegen Dich gehabt, und hatte Dir nicht wollen gönnen, dass Du mit mir zugleich bei ihm wärst, ich wollt ganz allein mit ihm sein. Aber jetzt bin ich dieser Sünde los, und im Denken teilt sich alles Böse wie Nebel vor den Augen, dass man sieht, es war nur Wahn; alles, was nicht Grossmut ist, das ist nur Wahn. Denn ich mein, der Dichter ist meine Sonne, so bist Du die Luft, die das Böse um mich her verweht und meinen Geist aufsteigen lehrt. Wie kann ich ohne Dich bestehen vor ihm! – So mag wohl jeder Menschengeist von Elementen genährt werden, die einer dem andern sein muss, und merk Dir's, dass Du meine Luft bist, ohne die ich nicht aufatmen kann auch nur einmal.

Bettine

An die Günderode

Dem Clemens hab ich geschrieben, einen langen Brief, und ihm auch von Dir gesagt, dass Du ihm gut bist, und dass ich Dir lange Briefe schreibe, auf die Du nur kurz oder auch wohl gar nicht antwortest. Ich hab ihm erzählt, ich spreche zu Dir, wie zum Widerhall, um mich zu fühlen, zu hören, und lege meinen Gedanken und Einbildungen keinen Zaum an; und dass es sei, als ob ein guter Genius diese Briefe hervorbringe; – so antwortet er: "Um deine Briefe ist die Günderode zu beneiden, wenn sie das sind, was dein Genius hervorbringt, wenn sie aber so wenig antwortet, so ist das gar wunderlich, entweder ist nichts zu antworten oder alles schon abgetan." –

Heute schreibt er mir den langen Brief über Dich, ich hab doch recht, er hat Dich lieb und hat Dich nicht wollen beleidigen, und seine Seelen alle sind doch nur eine gute, denn bist Du ein Kind, so ist er es auch zu Dir; aber Kinder lassen sich nicht drauf ein, empfindlich zu sein, sie sind gleich wieder gut und lassen den Strom vom Ufer wegspülen die Spielzeuge, die sie einander zerbrochen haben, und erfinden sich neue, ergötzlichere. Lese den Brief nicht mit Vorurteilen und denke, dass es neckende Stimmen sind in ihm von Kobolden, die ihm oft selber einen Streich spielen, aber die Seeledie eine, gütige, die sie umschwärmen, die ist doch nur ein Kind wie Du, und was ein freier himmelanstrebender Geist nicht in noch höherem Sinn nimmt als er selber ist, das ist für ihn kleinlich, und was kleinlich ist, das muss man gar nicht annehmen, sonst lernt man die Wahrheit nicht begreifen. – Und ich denke: von allen Geschichten des Herzens und der Seele Berührungen geben wir den Leitfaden der Gotteit in die Hand, die leitet immer zum richtigen unmittelbaren Verstehen. – Und wenn Du missverstanden wirst, so sieh doch nur den Gott selber an in der Liebe, gegen den kannst Du alles wagen, denn der muss Dich verstehen. –

Ich geb Dir Lehren, Günderode, die Dir nicht fremd sind, besinn Dich, auf dem Rhein, wie wir unsren Briefwechsel besprachen, da sagtest Du, es sei eine Seele, die uns mit Liebe an sich ziehe, in jedem Verhältnis, es müsse eine Zeitigung erlangen in uns, sonst sei es Untreue, Mord, Ersticken eines göttlichen Keims. – Und wo eine Anziehungskraft sei, da sei auch eine Strebekraft und wir sollten ihre Empfindung festalten, dadurch allein könne die Seele wachsen, jede Berührung mit des andern Geist sei bloss Seelenwachstum, so wie alles Reizerweckende bloss sei wie das Erwecken und Entfalten des Pflanzenlebens. – Der Menschengeist bereite sich auf die jüngste Stufe der natur, auf die der Pflanze, während der Leib auf der letzten stehe, auf der des Tieres, der Leib ersterbe, aber im Geisterreich sei des Geistes erste Metamorphose die Pflanzenwelt. – Du meintest da, ich sei zerstreut und höre auf die Waldhörner am Ufer,