dieser Seelen gut zu sein, so geht sie fort, und eine andre tritt an ihre Stelle, die ich nicht kenne, und die ich überrascht anstarre, und die statt jener befreundeten mich nicht zum besten behandelt, ich möchte wohl diese Seelen zu zergliedern und zu ordnen suchen. Aber ich mag nicht einmal an alle seine Seelen denken, denn eine davon hat mein Zutrauen, das nur ein furchtsames Kind ist, auf die Strasse gestossen; das Kind ist nun noch viel blöder geworden und wird nicht wieder umkehren, darum kann ich ihm auch nicht eigentlich von mir schreiben; sein Brief an Dich, über Wahrheit, hat mir viel Freude gemacht, und zugleich sehe ich hell, was mir vorher nur dunkel und schwankend war, ich kann ihn viel besser durch Dich verstehen und ihm gerecht sein, und auch liebend, wie er es zu bedürfen scheint. Das alles macht mich wünschen, dass, was ich ihm liebend antun kann, durch Dich befördert werde, sprich ihm von mir, wie ich ihm recht natürlich vorkommen muss, dass es sich gut zwischen uns gestalte, denn durch unmittelbare Berührung kann nichts werden.
Savigny hat mir selbst geschrieben, tue mir doch den Gefallen und schicke mir gelegentlich die Übersetzungen ins Französische, von denen er mir gesagt und sie mir auch versprochen hat. –
Und nun möchte ich wohl diesen Raum an Papier hier mit etwas ausfüllen, was Du nicht erwartest, weil es etwas Altes und oft Wiederholtes ist; aber doch liegt es mir auf der Zunge und auch immer im Geist, wenn ich Deine Briefe lese, mit denen mir's freilich ganz anders geht wie mit denen von Clemens, wo ich nur nachsinne und überlege, während ich bei den Deinen nur empfinde und zwar so wohltätig, als käme mir ein Luftstrom aus dem gelobten Land. Um so mehr wird Dich befremden, wenn ich frage, aber was wird bei Deinem zwischen Himmel und Erde Schweben, aus der Musik, aus dem Generalbass, aus der Komposition? – Ist es nicht dumm, dass ich so frage? – Aber bedenk, wieviel Genuss es Dir schon in Offenbach gewährte, was Du Dir selber und dem, was Dir lieb war, schon zu Gefallen tun konntest, wie wohltätig wirkte es auf Dein Aufbrausen, wie oft beschwichtigtest Du es damit, wie schön versöhntest Du oft Deine Stimmungen in dem Unerreichbaren durch Dein Singen, – und was hast Du mir alles selbst beglaubigt, wie tief Musik in Dich eingreife; sollte nun auf einmal dies alles verschwunden sein? Oder hast Du nur versäumt, mir drüber zu schreiben? – Lebe wohl, Liebe, und ermüde doch nicht mir zu schreiben.
Caroline
Deine Kolumbusansicht erfreut mich ungemein und macht mich ganz scharfsinnig, – schicke dem Clemens Deine rhytmische Vision, es macht ihm vielleicht Freude, ich empfinde darin mehr lebendige als gemalte Flamme, schon fliesst die Abendschilderung und das Ganze aus lebendiger Erinnerung, die prophetischer Sang dem Untergang der Welt ist und dem neu erblühenden tausendjährigen Reich erwartet. Prophezeit doch Apoll auch aus der Vermählung der Poesie und Philosophie. Ich erinnere mich noch des seligen Übermuts in dem lied von Arnim: Wie der trunkne Pag in warmen Nächten in geheimnisvoller Liebe Mantel wohl verkappt der Herrin Lager suchend, taumelnd in die Höhle war geraten, wo die Löwin ihre Jungen säugte.
An die Günderode
Hab ich Dir denn nicht vom Koch erzählt, der mich wöchentlich zweimal kreuzigt mit dem Generalbassunterricht? – und dass er mir alles korrigiert, was ich komponiere? – Er schneidet mir alles zurecht, bis nicht ein Ton mehr, nicht ein Taktteil am alten Fleck sitzt, und wenn er's so weit verputzt hat, dass es sich ausnimmt wie ein geschorner Blumenstrauss, so hängt er ihm noch Manschetten an aus seiner eignen Garderobe. Arnims irdische Lieder werden da heilige Märtyrer unter meinem Musikstudium, und ihre Seligkeit kann ich weder durch Vor- noch Nachspiel ausdrükken und tröste mich damit, dass Seligkeit etwas ist, was nie eines Menschen Ohr gehört hat. – Aber mit meiner Musik geht es im ganzen schlecht, das leugne ich Dir nicht, das ist aber nicht far niente, es ist unüberwindliche Schweigsamkeit in meiner Kehle, ich muss vermuten, dass für die Menschenarten wie die Vögelarten gewisse zeiten gibt im Jahr, wo sie den Drang zum Singen haben. In Offenbach, das war im Juni und Juli, da wacht ich gleich mit Singen auf, und abends stieg ich immer hoch, wie die Vögel in den besonnten Gipfel fliegen, um der scheidenden Sonne nachzusingen, da war der Taubenschlag meine Tempelzinne, da kamen mir Melodien, sie entsprossten aus leiser Berührung zwischen Ton und Gefühl, sie lösten die Fesseln dem, was in meiner Brust wie im Kerker schmachtete, dem gaben sie Flügel auf einmal, dass es sich heben konnte und ganz frei ausdehnen. – Ich hab oft darüber gedacht, dass Musik so leicht und gleichsam von selbst sich melodisch ins Metrum füge, die doch vom Verstand weit weniger erfasst und regiert wird wie die Sprache, die nie ohne Anstrengung das Metrum des Gedankens ergründet und entwickelt. Die Melodie, die so in der Singezeit auffliegt, in sich fertig gebildet, der Kehle entsteigt, ohne von dem Geist gebildet zu sein, ist so überraschend, dass sie mir als Wunder erscheint. – Ist die Sprache eine geistige Musik und noch nicht vollkommen organisch gebildet? – Und Dichterdrang ist der Trieb des Sprachgeistes, sich zu reifen? –