in die leeren Schalen Himmelstau sammelt; so denke ich mir, wird des Grossmütigen Zepter die Welt berühren.
In allen Wandlungen der natur deucht mich Salomonis Weisheit mit Geistesbuchstaben eingezeichnet, die klein oder gross – die Seele mit Schauer erfüllen, weil sie alle rufen: "Hebe wie der Vogel die Schwingen über den Erdenstaub hinaus und fliege aufwärts, so hoch du vermagst. Der Vogel fliegt mit seinem Leib, du aber kannst mit dem Geist fliegen, dein Leib hat keine Flügel, weil du lernen sollst, mit dem Geist dich aufschwingen." – Du weisst, wie oft wir uns besannen, warum die sehnsucht zu fliegen durch jeden Vogel rege werde. Hätten wir Flügel wie die Vögel, so würde diese sehnsucht nicht wach sein, die jetzt uns bewegt, immer dran zu denken, und so unsern Geist befiedert, mit dem wir einst fliegen werden; denn alles Denken ist doch das im Geist, was das Wachsen und Treiben in der natur ist. – Nun weisst Du auch, warum in meiner botanischen Taufe der Storchschnabel die Zepterblume heisst. – Mein botanisch Heft hat sich schon vergrössert bis zur siebzehnten Pflanze, die ich genau beobachtet und so bezeichnet hab, wie mein Beschauen es mir lehrte, bald ist's das Blatt, bald die Krone oder Wurzel, bald die Form der Staude, die mir irgendein Rätsel löst oder eine Zauberformel aufgibt; dem alten Weiss bring ich meine Exemplare, er muss sie mir einlegen und sauber ordnen; im Anfang meinte er, ich spasse, als ich ihm meine neue Botanik vortrug, als ich aber ganz ernstaft dabei blieb, dass wie andre eine Botanik geschrieben, so könne ich auch eine schreiben, so sah ich ihm heimlich an, dass er mir meine Kinderunschuld nicht verderben wollt und sich hineinfügte, ich las ihm meine Entdeckungen vor, besonders erfreute ihn die geschichte der Kuhblume, die ihren Samen wie eine Sternenkugel ausdehnt, und von der ich ihm zu verstehen gab, dass die Sterne wohl auch mit einer so feinen Röhre auf dem Samenschaft der Gotteit haften, wenn die ausgeblüht hat und einer zuweilen dahin fliegt, um in einem neuen Boden zu blühen, und dass alle Himmelskörper reifende Samen sein könnten. – Der Weiss sagt: tolle Vergleiche, aber sie machen mir Freude und rücken mir die alte Pelzmütze vom Ohr und wehen mir frische Luft zu; so bring ich denn manches zum Vorschein, woran ich nicht gedacht hätt, bloss um den alten Nachbar in Verwundrung zu setzen; es ist doch schön von ihm, dass er sich zu solchen Dingen, die er Narrenspossen nennt, so gerne hergibt. – Manchmal ruft er aus: das geht über alle Unmöglichkeit hinaus. –
Mit dem Erdbeermädchen bin ich noch einen Nachmittag im Freien am Waldrand gewesen, wo wir Feuer machten, und wo die Sonne glühendrot unterging und wir durch die einsamen Felder auf dem Heimweg sangen, da hab ich ein paar schöne Lieder entdeckt, es hatte ihrer gewiss noch manche im Kopf stecken, Melodien, die wie durch einen Magnet mit dem Inhalt zusammenhängen, die tragen eines durchs andre die Stimmung auf einem über. –
Heute erhalte ich einen Brief von Dir, die Claudine schrieb mir, dass sie Dich schreibend getroffen, schon am zweiten Blatt, ich weiss, dass, wenn ich meinen Brief jetzt fortschicke, dass mir der Bote einen zurückbringt, ich freu mich, unterdessen will ich auf den Turm laufen und meine freudige Ungeduld mit den Geistern verjackern. –
Bettine
An die Günderode
Ich habe grosse Liebe zu den Gestirnen, ich glaube, dass alle Gedanken, die meine Seel belehren, mir von ihnen kommen. Auf die Warte zu gehen möchte ich keine Nacht versäumen, ich dächte, ich hätt ein Gelübde gebrochen, was sie mir auferlegten, und sie hätten dann umsonst auf mich gewartet. Was mir Menschen je lehren wollten, das glaubte ich nicht, was mir aber dort oben in nächtlicher Einsamkeit in die Gedanken kommt, das muss ich wohl glauben. Denn: der stimme vom Himmel herab mit mir zu reden – soll ich der nicht glauben? – Fühl ich denn nicht ihren Atem von allen Seiten, der mich anströmt? – Das ist, weil ich hier einsam in der Nacht ihnen so ganz vertraue. Ich gehe den Weg, der mich ängstigt, um zu ihnen zu gelangen, ich komme zum dunklen Turm, da zittert mir das Herz, ich steig hinauf mit solcher Beklemmung – und auf der obersten Sprosse, wo ich mit der Hand mich aufstützen muss, um mich hinaufzuschwingen, da ist mir schon so leicht, – da leuchten mir alle Sterne entgegen, – und wen ich liebe, befehle ich ihrem Schutz, und Dich zuerst. – Wenn ich um Dich betrogen würde, dann wär's aus mit ihnen. – In den Schnee, der oben auf der Warte liegt, schreibe ich Deinen Namen, dass sie Dich schützen sollen, das tun sie auch gewiss. – Dann setz ich mich auf die Brustwehr und verkehr mit ihnen lustig, nicht traurig. Du denkst wohl, ich wär da feierlich gestimmt? Nein, sie necken mich. "Hast du das Herz, da auf der schmalen Mauer im Kreis herumzulaufen, vertraust uns, dass wir dich nicht herunterfallen lassen?" – so fragen sie; und denn ist's, als könnt ich sie mit der Hand greifen, so nah sind sie mir. Denn wenn ich auf ihren Wink das