seinen wechselnden Rhytmus wie in eine Orgelwalze eingehämmert, der sogar meine Reden einschnürt; so leicht kann eine fremde Kraft meinen Geist überwältigen. Dem Weiss hab ich gestern meinen Gutenachtgruss, wie er behauptet, in Hexametern vorgestammelt, wundre Dich nicht, dass ich diesem Plaggeist, weil ich so abendmüde bin, die Zügel schiessen lasse und Dir die Naturseltenheit eines frühlingsträumenden Winterabends in aufdringlichen Rhytmen vortanze.
Eilt die Sonne nieder zu dem Abend,
Löscht das kühle Blau in Purpurgluten,
Dämmrungsruhe trinken alle Gipfel.
Jauchzt die Flut hernieder silberschäumend,
Wallt gelassen nach verbrauster Jugend,
Wiegt der Sterne Bild im Wogenspiegel.
Hängt der Adler, ruhend hoch in Lüften,
Unbeweglich wie in tiefem Schlummer;
Regt kein Zweig sich, schweigen alle Winde.
Lächelnd mühelos in Götterrhytmen,
Wie den Nebel Himmelsglanz durchschreitet,
Schreitet Helios schwebend über Fluren.
Feucht vom Zaubertau der heil'gegen Lippen,
Strömt sein Lied den Geist von allen Geistern,
Strömt die Kraft von allen Kräften nieder
In der zeiten Schicksalsmelodien,
Die harmonisch ineinander spielen
Wie in Blumen hell und dunkle Farben.
Und verjüngter Weisheit frische Gipfel,
hebt er aus dem Chaos alter Lügen
Aufwärts zu dem Geist der Ideale.
Wiegt dann sanft die Blumen an dem Ufer,
Die sein Lied von süssem Schlummer weckte,
Wieder durch ein süsses Lied in Schlummer.
Hätt ich nicht gesehen und gestaunet,
Hätt ich nicht dem Göttlichen gelauschet,
Und ich säh den heil'gegen Glanz der Blumen,
Säh des frühen Morgens Lebensfülle,
Die natur wie neugeboren atmet,
Wüsst ich doch, es ist kein Traum gewesen.
Weisst Du noch jenen Abend, im Frühjahrsanfang, wo der Arnim auf dem Trages seine Gedichte uns vorlas? – Da hab ich mich auf dem Turm in dem laulichen keimetreibenden Wetter wieder dran erinnert, und der Rhytmus, der, wie gesagt, noch aus jener Vorlesung mich verfolgt, schien mir dies alles, was hier auf dem Papier so ganz dürr aussieht, in grosser Fülle auszusprechen; ich wollt es Dir auch nicht schreiben, aber wo soll ich hin mit? – Meine Briefe an Dich sind wie das Bett der Quelle, alles muss durchströmen, was in mir ist.
Meine Bemühungen, Lieder fürs Wunderhorn aufzufinden, haben mich mit wunderlichen Leuten zusammengeführt, die wie angenehme Schäferspiele mich ergötzen. – Ich brauch Überredungskünste, um ein Bauermädchen dahinzubringen, ihre Lieder herzusingen. Da kommen sie meistens zuerst mit verkruzten Opernarien, ich hab noch wenig Körnlein aus dieser Spreu gesammelt, die sie aus Mangel an Unschuld, im Überfluss an Unwissenheit ersticken und vermodern lassen, und die man endlich doch nur stückweise ans Tagslicht bringen kann; – ich tu's dem Clemens und Arnim zu Gefallen.
Letzt war mir ein allerliebst Mädchen vom Pfarrer Bang geschickt worden, weil es sehr viel schöne Lieder kann; die ganze Familie gehört zu dem Singgeschlecht, das sich ernährt mit Kräutersuchen für die Apoteken in der Umgegend und im Frühjahr mit Erdbeeren- und Heidelbeerensuchen. Das Kind war zwei Tage bei mir, es schlief im Vorzimmer; so ein allerliebst Kind kannst Du Dir gar nicht denken, auch von Schönheit; ich nahm's mit hinaus, da hat's mich neue Wege geführt, wo ich noch gar nicht gewesen war, ich sagte, wir wollen einmal gradaus gehen, es mag in Weg kommen, was will, so ging's bergauf, bergab, bis wir hinter die Brunnenleitung in den Wald am See kamen, und ich war mutwillig übermässig, bis ich mich endlich, überrascht, weil ich rückwärts ging, in einem Sumpf befand. –
Was mich am meisten ergötzt, ist die Kenntnis aller Kräuter und Wurzeln, die das Kind hat, ohne doch je gelernt zu haben, es ist eine traditionelle Botanik, die aber so vollständig ist und mit so viel historischen Belegen versehen, und zu so manchen Vergleichen führt, dass wohl auf diese Weise ein gross teil Gottesphilosophie auch in den unstudierten Bauern übergeht. Ich grub viel Wurzeln aus, die wusste das Kind alle zu nennen, und jedes verdorrte Hülschen, das noch einen Samen bewahrte, kannte es, das gute Kind. – Da war ein kleiner Storchschnabel im Winter ausgefroren, es holte ihn aus einer Felsritze hervor, wo die Pflanze ganz unverletzt geblüht hatte und so verdorrt war; dies Blumengerippe war so schön, wie die Blume gar nicht ist. In ihrer Einfachheit kann die Pflanze nicht grösseren Anspruch machen als andre Feld- und Waldblumen, aber ihr feines Gerippe ist wie ein gotisch Kunstwerk. Der kleine Spiess, der aus der Blumenkrone hervorwächst, teilt sich von unten in fünf Fingerchen, die sich aufwärts schwingen und mit jedem in einem kleinen verschlossnen Becher ein Samenkörnchen der Sonne entgegenhalten, das so fein und wunderschön geformt und geschliffen ist wie ein Edelstein, wenn nun die Sonne drauf scheint, so tun diese Samenkörnchen nach allen Seiten einen mutigen Sprung, so sind sie alle fünf um die Mutterstaude versetzt, ein bisschen Erde, ein bisschen vermodert Moos gibt ihnen Nahrung, dass sie im nächsten Jahr im Familienkreis aufblühen. – Nein! Ich hab die natur lieb, mag ich auch nur, wie ein trockner Storchschnabel, das geringste aller Pflänzchen – später unter den Füssen des Wanderers zertreten werden, so will ich ihr doch mich hinhalten, solang sie ihren kunstfühligen Geist über mich strömen lässt; wollte sie doch meiner einfachen unscheinbaren Blüte nach einen schönen Zepter aus mir bilden, der seine Kleinodien um sich streut, neues Leben zu verbreiten, und dann