Wurzel fasst, und wer weiss, wie oder wann, als mächtige und reine Kraft in ihm aufblüht. – Wie sollte sonst der Held in uns zustande kommen? – Umsonst ist keine solche Werkstätte im Geist, und wie auch eine Kraft sich nach aussen betätigt, gewiss nach innen ist ihr Beruf der wesentlichste. – So fühl ich denn eine Art Beruhigung bei dem Unscheinbaren und Geringfügigen meiner Gedichte, weil es die Fusstapfen sind meines Geistes, die ich nicht verleugne, und wenn man mir auch einwerfen könnte, ich hätte warten dürfen, bis reifere und schmackhaftere Früchte gesammelt waren, so ist es doch mein Gewissen, was mich hierzu bewog, nämlich nichts zu leugnen, denn wenn je eine reine selbstgefühlige Gestalt hieraus sich entwickelt, so gehört auch dies hinzu, und was ich bis jetzt auf diese Weise in mir erlebte, ist ja, was mich bis hierher führte, zu diesem Standpunkt meines festen Willens. –
Ich habe Dir jetzt genug gesagt, ich hab es aus Liebe zu Dir getan, so wie Du so manches aus Liebe zu mir gesagt und getan hast, und Du hast ausserdem noch einen nahen Anteil an allem, wie denn dies nicht anders möglich ist. – Ich bitte Dich aber dringend, lasse es in Deine Stimmung nicht einwirken, sondern sorg, dass Du mir hübsch ganz Du selbst bleibst, Dein Manuskript ist an den Primas besorgt worden.
Caroline
Was hast Du denn für einen Brief an Voigt geschrieben von einem polnischen Juden?
An die Günderode
Das Wetter hat sich geändert, der grüne Bergrasen lacht das bisschen Schnee aus, was Winter sein will, ich bin den ganzen Tag nicht zu Haus. Die Sonn und der Mond gehen abends zusammen am Himmel spazieren, ich war gestern früher oben, um zu sehen, wo sie bleiben, ich guckte in die Luft, die so weich weht, und in die veränderte Landschaft, weil über Nacht der Schnee weggeschmolzen war, und konnte mich auf nichts mehr besinnen in der schmeicheligen natur, so geht's gewiss den schneeentlasteten Tannen auch und den Wiesen; und die gelben Weiden und die Birken taumeln in dem lauen Wehen wähnend und schwankend, als könnt der Frühling wohl einmal den Winter überhüpfen; sie sind im Winterschlaf vom Frühlingstraum geneckt, ich auch, – ob nicht alle Seligkeit hier Traum von später ist? Sie ist so kurz, so zufällig. – Frühling ist Seligkeit, weil's Begeistrung ist von der Zukunft, Seligkeit ist Begeistrung zum Leben, das ist Frühling. Wer ewig zum Leben begeistert ist, der ist immerdar Lebensfrühling, das Leben ist aber bloss Begeistrung, denn sonst ist's Tod; und so ist das Leben heute und immer knospenschwankend im Wind, der die Zeit ist, knospenschwellend in den Sinnen, was die natur ist, und knospenduftend im Geist, der die Sonne ist. Das ganze Leben ist bloss Zukunftsbegeistrung, nicht ein Moment kann aus dem andern hervorgehn, wär's nicht Begeistrung der natur fürs Leben. Die Zeit würde aufhören, wär die natur nicht mehr frühlingbegeistert, denn bloss dass sie ewig nach der Zukunft strebt, macht, dass sie lebt; und dass sie ewig den Frühling erneuert, das ist ihre Seele, ihr Wort, das Fleisch geworden ist. Sie öffnet die Lippen und schöpft Atem der Zukunft, das ist der Frühling, der blüht schnell alles heraus, das ist Ausatmen der Begeistrung, Frucht der Blüte, Bestätigung des begeisterten Lebensatems, Sommer, wo der Busen der natur atemerfüllt die Lebenskraft in der Frucht, im Apfel, in der Traube wieder aushaucht in den Herbst hinüber, in dem er reift, absetzt; das ist im Busen der natur Winterpause, da regt sie sich einen Moment nicht, wie die Brust sich auch nicht regt zwischen Sinken und Steigen vom Atem; – und dann hebt sich der Busen ihr allmählich wieder, mächtig und mächtiger – trinkt Lebensbegeistrung heiligen Atems voll. So ist das Leben frühlingbegeistert Atemschöpfen, und Sommer und Herbst sind der Begeistrung Aushauch, und der Winter ist nur Frühlingspause; in ihr sind alle Sinne schon wieder auf das Atemschöpfen hingewendet.
Alt ist keiner als nur, wer die Zeit achtet als bestehend. – Die Zeit ist nicht bestehend – Schwinden ist Zeit. An Schwindendes kann sich Begeistrung nicht hängen, an nichts kann sie hängen, sie muss frei sein, bloss in sich; denn sonst wär sie kein Leben. Also die natur atmet Begeistrung, das ist Frühling; Sommer und Herbst entströmen dem Atem der natur, das ist, wo sie alles hingibt, um aufs neue den Frühling einzuatmen. – Da ist's deutlich, dass der Geist auch nur Frühlingsatem schöpft, und dass Jugend nicht in Zeit sich einschränkt, die vergeht, da Lebenslust nicht vergehn kann, weil, wie natur Frühling aufatmet, wir Lebensbegeistrung aufatmen. –
Es ist dumm, was ich hier sag, ist nicht uneingehüllter Geist, der den Wahn vernichtet, aber unter der armseligen Hülle des zwanzigmal wiederholten Vergleichs liegt einer zerschmetternden Antwort Keim auf das, was Du mir schon mehr als einmal gesagt hast: "Recht viel wissen, recht viel lernen, und nur die Jugend nicht überleben. – Recht früh sterben!" Ach Günderode! Atme aus, um wieder aufzuatmen, Begeistrung zu trinken – denn: ist natur nicht bloss dieser Begeistrung Leben? – Und wär Jugend etwas, wenn's nicht ewig wär? – Wie ich auf der Warte sass