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Wahrheit, nicht, dass ich ihr die Kehle zudrücke! – Dein Scherz erzürnt mich, ich wollte mir Gelassenheit erschreiben, aber ich muss durchglühen. – Der da! – Eine schwindelnde Eingebildheit, ohne Scham, ohne Gefühl? – Den Gekrönte und Ungekrönte wie Frösche umhüpfen, der von allen Schwächen hin und her gezerrt, seine Abkunft verleugnet, sich um ein paar silberne Sterne im Wappen streitet, alle Franzosen wahnsinnig macht, der vergiftet, erdrosselt, erschiesst, seiner Brüder Familienbande zerreisst, für den der Taumel des volkes sich erhält, weil ihm alle Frechheiten glücklich ablaufen, und dann meinst Du, "ich fühle eine Neigung zu diesem Treiben!" – "Mein aufgeregt Gefühl gehe mit mir durch," – Du sagst alles im Scherz, es kränkt mich dochaber der Scherz kommt nicht aus Dir. – Du scherzest wie ein tauigter Zweig, der mich anspritzt, wie das Morgenlüftchen, das mich neckt, aber nicht mit brandigen Hadern mich andampft. – So viel prophetische Gabe kannst Du mir zutrauen, dass es mir ahnend im Geist liegt, diese Strohflamme, so gewaltig sie um sich griff, so schneller wird sie verflackern; bald wird alles in Asche versunken sein, – und Du machst mir's zum Vorwurf, dass ich mit des Ostertags schlechter Übersetzung mich so lang geplackt hab, – weil ich wolle die grossen Kaiserrollen studieren? Freilich hab ich diese zwölf Kaiser mit Interesse studiert und hab gefunden, was ich vorher hätte sagen können, dass alle Tyrannen arglistige kleinliche Naturen waren, sie gaben Befehle, wo ihre Bitten genügt hätten, der Fortgang ihrer Macht entwickelt sich aus des Pöbels Eitelkeit, überall war so viel Knechtsinn für Hofpracht, so viel Wahnsinn, die Seele diesem Götzen zu verschreiben, und wie denn alles Narrheit wird, so ergoss sich alles in die Quelle der Hoffart, – das ist's, was ich in diesen zwölf Kaisern studierte, aber ich suchte nicht nach Ähnlichkeiten seiner Grösse, sondern danach, ob nicht alle Tyrannen niederträchtig sind wie er? – Ob nicht alle einen Toussaint Louverture vergiftet, einen Pichegru erdrosselt und Enghiens erschossen haben, ob nicht alle durch Hofetikette das Halfter der Sklaverei auch ihren nächsten Freunden umwarfen? – Ob irgendeiner einen freien Atemzug um sich dulden konnte? Und ob diese Sklaven nicht bloss ihr Joch duldeten, um wieder die geringeren unterdrücken zu können; und siehe, bis auf den kleinsten Zug ist es immer wieder derselbe ungerechte eigennützige Heuchler, immer dasselbe Ungeheuer der Mittelmässigkeit; kein Trieb zum wahren Geist, keine sehnsucht, die Weisheit als Ägide seiner Handlungen aufzustellen, keinen Verstand von dem Pflanzenboden der Künste und Wissenschaft, noch wie der Mensch sich erzieht; sogar gegen alles Selbstgefühl ohne innere Zucht fährt er mit ungesitteten Spottreden heraus, und da schreit alles, er hat einen Stern! – Ach, er kann nicht ewig leuchten, und da wird alles mit erlöschen.

schreibe nicht mehr so ungefüg, sonst kriegst Du ungefüge Briefe; ich ärgere mich über alles, was ich so schreibe, weil's ist, als ob ich einen Prozess mit Deiner gesunden Vernunft führe, und allen Zeitungswitz und Emigrantenpolitik zusammenhielt, um recht gegen Dich zu behalten.

Jetzt muss ich auf die alte Wart, es ist Neumond, ich muss sehen, wie er seine stumme verzauberte Silberwelt anstrahlt. Die Meline schläft schon, ich steig zum Schlafzimmerfenster hinaus auf den Berg. – heute war Speisemahl bei Savigny, da erzählten die Professoren von der Spitzbubenbande, die schon mehrmals eingebrochen hat in unserer Nachbarschaft, die Spitzbuben könnten sich da oben auf der Wart verstekken, – ich fürcht mich, aber grad weil ich mich fürcht, so muss ich hinauf. – Die Menschen fürchten sich auch vor der Unsterblichkeit.

Am Sonntag

Ich bin gestern noch droben gewesen; beim Aufsteigen grosse Angst vor nichts, oben himmlische grosse Befreiungsluft, – Stilleallumfassende, – tief schlummernd alles umher. – Ruhe und Freiheit winkten alle Sterne! – So einsam, so sicher! – So muss einem sein, der das Leben abgeschüttelt hat, – unterwegs schreckten mich ein Kohlstrunk und ein krummer Ast, ich wusst, dass es nichts war, und fürchtete mich doch. So weiss der innerliche Mensch, dass alle Furcht nichtig ist, er muss das Reich der Einbildung durchkämpfen zur Wahrheit, die kann nicht fürchterlich sein, weil sie lebendig ist und frei und auch nur das Lebendige und Freie berührt, nicht den gebundnen Geist, der alles fürchtet, weil er es nicht fasst. Erkenntnis hebt jede Gegenmacht auf. Ich will Dir sagen, wie es ist beim Sterben, ich hab's auf der alten geklettert, – die innerliche Wahrheitsstimme half mir die Einbildung, die so frech selbst mit Erscheinungen mich bedrängte, bezwingen, ein paarmal zagte ich zwischen Erd und Himmel auf der morschen Leiter, aber die Luft hauchte schon herab, so erhob ich mich plötzlich, und von allen Seiten atmete mich Freiheit an, so grad ist's beim Sterben; je weniger das Leben Licht erstritten hat, Geist geworden ist, je mehr scheut es den Geist, je mehr drängt sich am Lebensende die Einbildung ihm auf und beschränkt den Lichtkreis des Lebendigen, der Wahrheit. Der Mensch ist Sklave der Einbildung, die ihm sein Inneres leugnet, aber die göttliche Wahrheit haucht schon in den dunklen baufälligen Turm zu ihm nieder, dass er die morschgewordne Leiter, die zur Freiheit führt, mit doppelter Kühnheit erschwingt,