jeden Morgen mit grossem Gaudium, wie sie zu unserm Professor Weiss ins Kolleg marschieren, – sie können uns nicht sehen, denn unsre Fenster sind hart gefroren, wir steigen auf den Tisch und hauchen grad ein auge durchsehen kann; ein jeder hat ein verschiednes Abzeichen, treiben sich immer eine Viertelstunde herum, bis sie im gang nach dem Kolleg verschwinden, den der Professor Weiss präzis acht Uhr aufschliesst, indessen treiben sie lauter Übermut, wir dachten schon, dass sie vielleicht uns zu Ehren die grossen Sätze machen von einer Trepp zur andern, einer über des andern Kopf weg, sie können uns zwar nicht sehen, weil die Fenster verhängt sind und jetzt auch gefroren, so leuchten ihnen doch unsre grünen Vorhänge ganz mystisch in die Augen, uns macht's tausend Spass, die Liebschaft mit dem ganzen Kolleg ist im besten gang, wir haben sie geteilt, die Meline sagt, der ist mein, und ich, der ist mein, so haben wir zwei Regimenter, und ihre Balgereien werden mit grosser Freude und Triumph belacht, jede Partei hat einen Hauptmann, der eine mit der roten Mütze, die er nie auf dem Kopf hat, sondern immer auf einem dicken Stock (der Student nennt ihn Ziegenhainer) herumschwenkt, ist meiner, er ist immer der erste auf dem Platz, die andern versammeln sich um ihn und hören zu, was er sagt, er mag wohl das Haupt einer Burschenschaft sein; er ist so jung und schön, er ist der grösste von allen, wenn er den Mund auftut, kommt eine grosse Duftwolke heraus, die setzt sich gleich als Reif an seinen kleinen Bart, mit dem er sehr gross tut, denn er zieht ihn alle Augenblick durch die Finger. Wir nennen ihn den Blonden, er hat braunes Haar, er hat aber ein so blondsonnig Gesicht, das mit seinen roten Backen so freundlich durch den Morgennebel lacht, und dann hat er auch einen hellen Rock; der Meline ihrer heisst der Braune, der ist ganz blond, aber er hat einen braunen Rock, dieser trägt eine blaue Mütze mit einer Quaste, die ihm auf der Nase herumspielt, er sitzt gelassen auf der Mauer und sieht zu, wenn die andern sich mit Schneeballen werfen, ringen, übereinander wegspringen, dazu ringelt er sich seine blonden strahlenden Phöbuslocken über die Finger; ich beneid ihn oft der Meline und wollt ihn mit einem Ansehnlichen aus meinem Regiment umtauschen, aber sie will ihn nur gegen meinen General, den Blonden, herausgeben, das will ich nicht. Früh ist's im Hof wie im Elysium, der dichte Nebel von der Morgensonne angestrahlt, in dem die Gestalten sich bewegen, die allerlei miteinander hantieren. Wenn's Kolleg aus ist, sehen wir sie wieder abziehen, da ist ihr Übermut noch grösser. Ach, hätt ich doch so ein Regiment, da wollt ich Dir schon antworten auf Deinen Brief mit Deinen unsinnigen Anklagen über den Napoleon. – Betet und ihr werdet erhört werden. Ich bete ohne Unterlass, dass mir doch Flügel wachsen, ich wollt über die Scharen wegfliegen und ihm in die Zügel fallen. Ach Günderode, Deine fatale idee, als habe ich eine närrische Ehrfurcht vor dem Napoleon, peinigt mich, das Ross des Übermuts tobt unter ihm, es setzt in wildem Feuer über Abgründe und durchfliegt in stolzem Selbstgefühl die Eb'ne, um über neue zu setzen, dahin eilt er, an den zeiten vorüber, die umgewandelt sich nicht mehr erkennen. Die Menschen schlafen ohne Ahnung vom Erwachen, aber unter seinem brausenden Huf reissen sie plötzlich die Augen auf, und seine Glorie blendet sie, dass sie sich selber nicht begreifen, ihr dumpfer Schlaf geht in Taumel über, sie umjauchzen ihn im Gefühl ihrer Trunkenheit.
In mir ist's wunderlich. Vor Menschen versink ich in mir selbst, vor denen fühl ich mich nicht, nur wenn ich, durch den ersten Schlaf in der Nacht abgetrennt von allem, wieder erwache, dann stellen sich grosse ungeheure fragen vor meine Gedanken, es sind fragen in mein Gewissen, vor dem ich verstummen muss. – Tugenden! – Was sind die? – denke ich doch an die letzte Zeit mit den Emigranten bei der Grossmama, es ging alles durcheinander, es war, als ob das Unglück vor der Tür geschehen sei mit dem Tod des Enghiens, was für bittere Tränen vergoss der alte Choiseul mit dem Ducailas und dem Maupertuis, wie rangen sie die hände und riefen zu Gott um diesen jammervollen Tod, meinst Du, das habe mir nicht einen tieferen Eindruck gemacht als alles glorreiche Durchbrausen der Welt? – Meinst Du, ich könne je dem Unrechterliegenden mich lossagen und auch nur in Gedanken übergehen zu dem Unrecht, das vor der Welt Recht behält, ich fühle, es liegt grössere Freiheit darin, mit dem Unterdrückten die Ketten tragen und schmählich vergehen, als mit dem Unterdrücker sein Los teilen. Was ist mir Talent, das seine Bahn bezeichnet mit Friedensbruch, mit Meuchelmord? – Ich würde selbst solche Bahn durchfliegen wollen? Ja gewiss! – Ich möchte hoch bauen, dass keiner mir nahen könnt, er müsste denn fliegen, aber nicht wie ein Raubvogel, der die Göttin Fortuna zerfleischt, um sich satt an ihr zu fressen und sie dann als Aas liegen lässt; – aber durch heiligen Friedensschluss, nicht durch Verrat an ihm; durch Schutz der Kindlichen, nicht durch ihren Mord; durch freie, heilige, unantastbare Posaunenstimme der