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, so schwätzt ich den ganzen Tag mit Ihnen." – Das ist gut für mich, sonst wär mir's zu viel.

Samstag

Der gestrige Abend war ein gedulderprobender, es Gaben der Muse. Schäfer, der ein feiner und geistreicher Mann ist, hörte mit zu; Savigny ist gar liebenswürdig mit seinen Freunden und Bekannten, die höchste Güte leuchtet aus ihm, so befindet sich alles kindlich wohl und heiter um ihn her. Es wurden Gedichte vorgelesen vom Autor; das ist schwierig für den Leser und für den Hörer, da sind zwei fragen: wo kommen die Gedichte her, und wo wollen sie hin? Die meisten behaupten ihre Abkunft aus dem Feuergeist der Liebe und behaupten ihr Recht, ins Herz einzukehren. – Ich sass in der Ecke und hörte ein lang Gedicht mit den Ohren, die Seele sehnte sich hinaus in den Schnee, in die sternenhallende Luft; die Sterne haben einen Ton, einen sprechenden laut, der viel vernehmlicher ist in klarer Winternacht wie im Sommer; – vernehmlich, nicht hörbar, wie denn alles in der natur vernehmlich ist, wenn's auch die äusseren Sinne nicht gewahr werden. Ich dachte mich hinaus in alle Welt während dem Rollen auf der Verse-Chaussee; meinem Nachbar mochte es wohl auch schwer auf dem Herzen liegen, denn er seufzte mehrmals und holte endlich sein Taschenbuch, worin er mit dem Bleistift was einkritzelte, – ich nahm's ihm aus der Hand und probierte Verse zu machen im Takt des Lesenden, das Gelesene schoss Worte zu, wie eine Fabrik, wo einer dem andern in die Hand arbeitet, und so setz ich Dir's der Kuriosität halber hin. Der Dichter las nämlich klagende gespräche im Minneliederstil zwischen zwei Liebenden, die nicht zu rand kommen können mit ihrer sehnsucht, in Frühlings- und Sommerzeiten.

Es waren nicht des Maien wilde Blüten,

Violen süss und Rosen überall,

In grüner Lind die freie Nachtigall,

Die mich vor Sehnsuchtschmerzen sollten hüten.

Ich klage nicht die lichte Sommerzeiten,

Den kühlen Abend nach dem heissen Tag; –

Der meiner Träume Sinn verstehen mag,

Der wolle ihnen Störung nicht bereiten.

Nicht, dass sich bald das grüne Laub will neigen,

In dem der Vöglein muntre Schar sich wiegt,

Dass Sonnenschein und Blumenglanz verfliegt,

Macht, dass mein Herz sich sehnt und meine

Freuden schweigen.

Der rauhe Winter nicht, der alle Lust bezwinget,

Die lust'gegen Gauen überdeckt mit Schnee,

Mir seufzt die Langeweil im Herzen Ach und Weh,

Die mit dem Dichter stöhnt und in den Versen

klinget.

Montag

Nun kam gestern ein Brief von Clemente an mich mit feierlichen Mahnungen, doch mein Leben nicht zu verscherzen, so innig, so herzlich, als wär ich eine Blumenknospe, die auf seinem Stamm wüchse, und der Stamm treibt sorglich alle Kräfte dahin, dass sie sich auftue, aber die Knospe ist so fest, dass nicht Regen und nicht Sonnenschein sie wecktwas kann ich da? – Der Christian straft mich mit Worten, es sei kein Ernst in mir, und wenn ich wollte nach Italien reisen, so sollt ich Winckelmanns Kunstgeschichte studieren und Italienisch lernen, das hab ich probiert, aber die Kunstgeschicht, wie sollt ich mit der mich abgeben, wenn ich dran denke, dass ich nach Italien reisen sollt. Ei, lass doch alles mit Augen sehen, und wenn ich trunken bin vor Seligkeit, dass dort andre Bäume, andre Blumen und Früchte sind, wenn ein schönerer Himmel über mir wogt, wenn Menschen, Knaben, Jünglinge, die mir verwandter sind im Blut, in der Faulheit, als die kalten deutschen fleissigen Brotstudenten, mir begegnen auf der Strass, mich sanft grüssen, umkehren, mich noch einmal grüssen, feuriger, – ei werde ich da noch das geringste vom Winckelmann, von der alten geschichte wissen? Wenn rings die Schönheit der Erde aufwallt, da wär ich wohl der närrische Pedant dazu? – Mit Dir, Günderode, möchte ich Arm in Arm dahinschlendern, kommst Du heute nicht, so kommst Du morgen, alle Zeit füllt sich ja so himmlisch, was sollen wir sorgen, wo wir hinkommen? – Sturm und Gewitter schreibt in die Brust Unvergängliches wie der heitre Tag; jeder Weg führt zu geheimen Reizen der natur, warum sollen wir nicht, wenn's uns lockt, folgen dem strebenden Herzen, den Gestalten, dem Glanz der Flurenirren hier und dort herum, wie die Lämmer weiden? – Warum nach einem Plan das Schöne aufsuchen? – Am ende ist doch der Zufall der Reichen grossmütigster; warum nicht ihm anhängen? – Lässt sich Gott nicht in ihm am innigsten mit der Seele ein? Befriedigt am liebendsten ihre geheimen Wünsche?

Ich denke mich so oft mit Dir wandelnd zum nächsten Tor hinaus, den reizendsten Pfad entlang, der Clemens aber drängt mich an des Parnassus Stufen und will, ich soll hinauf, und so hab ich ihm geschrieben: "Am Dichten hindert mich mein Gewissen, wenn ich denke, wieviel reiner tiefer Sinn dazu gehört, um so weniger kann ich mir's zutrauen; manchmal wandelt es mich freilich an, ich sehne mich danach wie ein eingesperrtes Kind nach dem Spiel in freier Luft, auf grüner Wiese im Sonnenschein; ja es schmerzt mich tief, dass ich nicht kann, wie ich will, und dass alle Sprache, mit der ich mein Sinnen festzuhalten versuche, nur wie dürres Holz in der Glut meines