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's so geht wie hier, kann ich nicht klagen, ich schwindel wie ein Bienchen herum, und wo ich ein offnes Kelchelchen find, da schwipp ich hinein und versuch und trink mich satt, wenn mir's schmeckt. Der alt Professor Weiss, bei dem wir im Haus wohnen, ist so ein kleiner Hausgarten, an dem mir allerlei Blüten noch offen stehen. Der gute Alte klopft an die Tür, da steht er mit der Zipfelmütze im Schlafrock und will gern seine Pfeife anzünden, weil bei ihm noch kein Licht brennt, ich spazier noch ein bisschen mit in den Garten, wo er die Pfeife raucht, er zeigt mir die Sternbilder am Himmel, der Orion, der gross Bär und der klein Bär, und pafft mir den Rauch ins Gesicht, so hat er mich die drei Wochen unterhalten, sooft gut Wetter war, von aller Planeten Tanz, und das hat grade mein Begehren zu wissen mässig genährt; aber wissenschaftlicher Ansatz ist's nicht geworden, vielmehr Schleierlüften von geheimen Reizen des Geistigen. Und ich hab dann am Abend und in der Nacht noch Gedanken gehabt, Nachzüglerworüber ich beseligt einschlief. Weisst Du, was das ist, beseligt einschlafen? – Das ist grad mit der natur im süssesten Alleinsein sich befinden, wo sie allein den blick auf Dich richtet und in Dich hineinschaut und Du in sie und eine Decke Euch umhüllt wie zwei Kinder, die einer des andern Atem trinken. So ist's mit mir, wenn ich zufällig etwas von ihr gewahr werde; aber wenn's mir abgemessen wird, wenn ich Rechenschaft geben soll, dann fühl ich mich in der Seele beleidigt, denn ich mag nichts wissen, ich schäme mich und kränke mich, dass auf dem Spielplatz meiner Seele all das lustige übermütige Springen und Schwingen nicht mehr sein soll, wo ohne Umsehens alles verfliegt, wie es gewonnen worden, und von keiner Aufspeicherung die Rede ist.

Da hab ich noch eine Lust, – der alt Herr hat ein klein Treibhaus, eine kammer mit zwei Fenstern nach der Sonne hin, wo er selbsterzogne und jahrelang gepflegte Gewächse bewahrt. Ich bin mit ihm gewesen und hab ihm helfen die Gewächse vom Staub reinigen, viele hab ich nicht gekannt, er sagte mir ihren Namen, ihr Vaterland, ihre geschichte, wie er dazu gekommen, was er für Glück und Unglück mit ihrer Pflege gehabt, das alles ist lebendig und interessant, denn er ist alt und hat viel Kinder und also viel Sorgen und ist kränklich; und nun ist seine Freude aus der sogenannten Fülle dieses grossen weiten wissenschaftlichen Lebens, die paar südliche Pflanzen, die hier unter seiner Liebe Schutz ihr Leben im fremden Klima fristen, mit einer dürftigen Blüte ihn erfreuen; im Keim schon unterscheidet er, ob der Knospen bringen wird oder bloss Blätter, zählt alle, betrachtet alle Tage, wie sie vorrücken, da regt sich kein Blättchen, er sieht's und versteht's, Du solltest zuhören, wie er ihre Färbung, ihr Erschliessen bemerkt, wie er ihnen das bisschen Licht ökonomisch austeilt, dass keins zu kurz kommt, und dabei geht als sein altes ledernes Kolleg, was er nun schon im einundzwanzigsten Jahr jährlich zweimal den Studenten vorträgt, mit herabhängenden Ohren den gewohnten Weg zur Mühle, ob ein gesunder Menschenverstand es aushält, dies immer und immer, das Erlernte, Erstudierte durchzukauen? – Nein, einmal muss es aufhören, und einer möchte wohl lieber aufs ewige Leben verzichten als ewig das Erlernte wieder den Nachkommen mitteilen; so muss man es denn einmal abdanken, nicht wahr! – Sollte man den alten Satz mit in die Ewigkeit zu nehmen gedenken? Mitnichten, so wenig wie den Tressenrock, die Staatsperück, die Ordensbänder, die Titel, die Ehrenämter, man fühlt recht gut, dass sich solches Zeug vor Gott nicht schickt, aber wie der Geist übereinstimme mit der natur, die seine Freundin, seine Geliebte ist, wie er in ihr und durch sie sich entwickelt hat, das ist vor Gott alles. Wenn denn alles Wissen, Haben übergehen muss in Nichtwissen, Nichtaben, was hat's denn auf sich, dass ich gleich alles verdampfen lasse!

Wissen ist Handwerker sein, aber wissend sein, ist Wachstum der Seele, Leben des Geistes mit ihr in der natur; Leben ist aber Liebe. – Sei nachsichtig gegen mich, ich muss Dir alles zurufen, lieber Widerhall, keine sorge um mich, wenn Dir's nicht wie gesunder Menschenverstand vorkommt, man ahmt ja wohl den Vogel im Busch nach oder den Wind zum Vergnügen oder das wild im Wald. – Der Weiss hat mir ein botanisch Buch gegeben, wie er sah, dass ich so viel Freud hab an Pflanzen, ich hab mir die Moose heraus gesucht, weil man die unterm Schnee noch finden kann, ich hab eine Lupe, ich betrachte sie, ich entdeck eine Welt, alles läuft und stürmt durch, wie durch einen Forst, es fehlt nur der Jagdhörnerschall, das Hundgebell und der Schuss; so könnt man denken, man wär auf einer königlichen Jagd; ich hab noch das Pläsier, von oben herab wie Gott vom Himmel da hinein zu sehen; wenn ich's dem Weiss vorerzähl, wie mir alles vorkommt, das hört er an wie's Evangelium, es erquickt ihn, die Lügen und Fabeln meiner Einbildung zu hören, er sagt: "Wenn ich nicht im Pflug gehen müsst