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zu ziehen, und dann war mir bang, er könne die Gegend verstecken, und nichts deucht mir schöner, als wenn die natur ihre Launen zärtlich durchflechten kann, wo der Mensch etwas einrichtet; sollte das nicht im Gefühl, im Gedanken auch sein? – Sollte Poesie nicht so vertraut mit der natur sein wie mit der Schwester und ihr auch einen teil der sorge überlassen dürfen? – So dass sie manchmal ihre geheiligten gesetz ganz aufgäb aus Liebe zur natur und alle sittlichen Fesseln sprengt und ihr sich in die arme stürzt voll heissem Drang, ungehindert nur an ihrer Brust zu atmen. Ich weiss wohl, dass die Form der schöne untadelhafte Leib ist der Poesie, in welchen der Menschengeist sie erzeugt; aber sollte es denn nicht auch eine unmittelbare Offenbarung der Poesie geben, die vielleicht tiefer, schauerlicher ins Mark eindringt, ohne feste Grenzen der Form? – Die da schneller und natürlicher in den Geist eingreift, vielleicht auch bewusstloser aber schaffend, erzeugend, wieder eine Geistesnatur? – Gibt's nicht einen Moment in der Poesie, wo der Geist sich vergisst und dahin wallt wie der Quell, dem der Fels sich auftut? Dass der nun hinströmt im Bett der Empfindung, voll Jugendbrausen, voll Lichtdurchdrungenheit, voll Lustatmen und heisser Lieb und beglückter Lieb; alles aus innerer Lebendigkeit, womit die natur ihn durchdringt? –

In Deinen Gedichten weht mich die stille Säulenordnung an, mir deucht eine weite Ebne; an dem fernen Horizont rundum heben sich leise wie Wellen auf beruhigtem Meer die Berglinien; senken und heben sich wie der Atem durch die Brust fliegt eines Beschauenden; alles ist stille Feier dieses heiligen Ebenmasses, die Leidenschaften, wie Libationen von der reinen Priesterin den Göttern in die Flammen des Herdes gegossen, und leise lodern sie aufwie stilles Gebet in Deiner Poesie, so ist Hingebung und Liebesglück ein sanfter Wiesenschmelz tauigter Knospen, die auf weitem Plan sich auftuen dem Sternenlicht und den glänzenden Lüften, und kaum, dass sie sich erheben an des Sprachbaus schlanker Säule, kaum dass die Rose ihren Purpur spiegelt im Marmorglanz heiliger Form, der sie sich anschmiegt; soverschleiernd der Welt, Bedeutung und geheime Gewalt, die in der Tiefe Dir quellendurchwandelt ein leiser schleierwehender Geist jene Gefilde, die im Bereich der Poesie Du Dir abgrenzest. – So ist mir immer, wenn ich mich erkühne, aus meinem kindischen Treiben hinaufzuschauen nach dem Deinen, als säh ich eine geschmückte Braut, deren priesterliche Gewande nicht verraten, dass sie Braut ist, und deren Antlitz nicht entscheidet, ob ihr wohl ist oder weh vor Seligkeit. – Mir aber liegt ein Schmerz in der Seele, den ich oft unterdrückte in Deiner Gegenwart, und was mir schwer war; aber eine geheime sehnsucht, Dich Dir selber zu entführen, Dich Dir selber vergessen zu machen, nur einmal jene Säulengänge, vor denen die Myrte schüchtern erblüht, zu verlassen und in meiner Waldhütte einzukehren, auf ihrer Schwelle am Boden sitzend mit mir, von tausend Bienchen umsurrt, die sich satt trinken in meines Gartens blühenden Kelchen, von den Tauben zärtlich umflattert, die unter mein Dach heimkehren am Abend und da mehr zu Haus sind, mehr Wirtschaft machen als Freundschaft und Liebe der Menschen, denn sie behaupten ihr Vorrecht, alle Gedanken zu übertönen mit ihrem Gegurre. Ja, so erschein ich mir im Geist gegen Dir über, Du mein liebstes Gut! – So sehe ich Dich dahinwandeln, am Hain vorüber, wo ich heimatlich bin; nicht anders als ein Sperling, vom dichten Laub versteckt, den Schwan einsam rudern sieht auf ruhigen Wassern und sieht heimlich, wie er den Hals beugt mit reiner Flut sich überspülend, und wie er Kreise zieht, heilige Zeichen seiner Absonderung von dem Unreinen, Ungemessnen, Ungeistigen! – Und diese stillen Hieroglyphen sind Deine Gedichte, die bald in den Wellen der zeiten einschmelzen, aber es ist segenwallender Geist, der sie durchgeistigt, und es wird einst Tau niederregnen, der aufstieg von Deinem Geist. Ja, ich sehe Dich, Schwan, ruhig Zwiesprache haltend mit den flüsternden Schilfen am Gestade und dem lauen Wind Deine ahnungsvollen Seufzer hingebend und ihnen nachsehend, wie er hinzieht, weit, weit über den Wassernund kein Bote kommt zurück, ob er je landete. – Aber keinen Geist tragen die Schwingen so hoch, dass er die Weite erfasse mit einem Feuerblick, es sei denn, er fache das heilige Schöpfungsfeuer mit seinem Atem an, und so werden Flammen aufsteigen, bewegt vom Gesetz Deines Hauchs aus Deiner Seele, und zünden im Herzen jugendlicher Geschlechter, die, knabenhaft männlich sich deuchtend, nimmer es ahnen, dass der Jünglingshauch, der ihre Brust erglüht, niemals erstieg aus Männergeist. – Was denke ich doch? – Der Geist atmet, denke ich? – Ihn nähren die Elemente, er trinkt die Luft, dies feine Beben und Treiben in ihr. Auch in und unter der Erde zeugen gesetz, sittliche und bürgerliche der natur. – Die Luft vermählt sich mit der Erde als Geist mit dem Wort; und dass des Windes Brausen, der Fluten Stürzen Lebensmelodien aussprechen; und dass jedes Wesen in sich, auch jede Liebe, jede sehnsucht und jede Befriedigung in sich trage und die Flamme die Pforte sprenge zu ewiger Verjüngung, das denke ich. – Dir mehr wie jedem gehört der goldne Friede, dass Du geschieden seist von aller Störung jener Mächte, die Dich bilden; und drum mein ich als, ich