aus dem eignen Organismus sich hervorbildet, warum nicht im Geist? Was ist Geistesleben als sein Entstehen durch sein Erzeugen? – Und was lassen wir weniger zu, als dass er sich frei bewege, und das geht schon so von Ewigkeit zu Ewigkeit, dass er uns mit den unwürdigen Ketten in den Ohren klirrt, und wir fürchten uns vor diesem Klirren und halten die Ohren zu, und ein reines Hervortreten des Geistes würde die Welt umstürzen, ja! Aber wie himmlisch würde sie aus ihren eignen Trümmern aufblühen! – Ist Furcht nicht ein böser Dämon? – Furcht vor dem Irren ist Menschenfurcht; horchten wir auf die Kinderstimme in der Brust, dann würde die Furcht vergehen – ist Irren Irrtum? – Kann's nicht bloss freies Wandeln sein? – Versuch in einer urteilüberschwingenden Sphäre sich zu bewegen? – Ist Urteil nicht ein Schlachtmesser, mit dem wir die neugeborne Geistesfrucht im Leib des Irrtums töten? – hat's einer so weit gebracht im Geist, dass er wie der kühne Gemsjäger ohne Schwindel über die Spalten und Schluchten setze, mit treffendem Sprung mit leidenschaft das wild ereilend? – Was ist doch leidenschaft? – Ist es nicht jene ungeübte Kraft, die sinnlich ausbricht und sich üben will! – Sei's die Spur der Gemse, die der Jäger verfolgt, wenn nicht jener weissen Hindin mit goldnem Geweih, die lockend tausend Umwege macht, ihn ins Dickicht zu leiten, wo im Eingang von Labyrinten rätselhafte Mächte ihn ergreifen, die sein auge berühren und sein Ohr, dass er begreife, was nur unschuldvoller, kühner, sich selbst regender Geist ahnen und fassen kann. Ach, könnt ich nur ins Tirol reisen, um meinen Geist frei zu machen auf der Gemsjagd – dann würde ich gewiss mir selbst genug sein und das Grosse, zu dem mein Geist Anlag haben könnt, sollte nicht zugrund gehen, es sollte recht nach allen Seiten hin mächtig sich zeigen. –
Der Molitor hat mir einen Erziehungsplan geschickt von Herrn Engelmann, weil ich so gern mit ihm in die Musterschule ging, muss er glauben, Erziehung interessiere mich überhaupt; das war aber nur wegen der armen Judenkinder, die dort mit den Christen zusammen ihr kleines Fleckchen Anteil an menschlicher Behandlung hatten, und wenn ich sagen soll, so schien mir dies eine Alleinerziehung; nämlich: Kinder gleichen Alters, gleicher Fähigkeiten früh dran zu gewöhnen, dass sie auch gleich menschliche Rechte haben, sie mögen Juden oder Christen sein; sei also so gut und mache den Molitor mit dem bekannt, was ich hier über meine eigne Erziehung sage, dass ich's mit Klettern zu zwingen suche, mich vor bösen Fallstricken zu bewahren, die meinen Geist darnieder werfen, um ihn nachher zu knebeln, dass aber die Gedanken "über Erziehung und Unterricht besonders der Töchter" von Engelmann mir nicht einleuchten, da die beste Erziehung die ist, wenn er sie Gott anheimstellt, so sind neunzig Karolin zuviel. – Hier lege ich Dir ein Blatt ein, das gib dem Molitor und sag ihm beiläufig, ich zähle es zu den Philistertorturen, einem mit so was zu behelligen, Leute, die solche Erziehungspläne aushecken, mögen ihre eigne Verkehrteit dran setzen, sie zu beurteilen, sie würden sich von mir nicht bedeuten lassen, sie würden schreien, ich schütte das Kind mitsamt dem Bade aus, und das tu ich auch; denn das Kind ist ein garstiger Moppel und soll nicht im Bad sitzen wie ein Menschenkind. – Es tut mir ordentlich leid, dass ich hierüber hab an ihn schreiben müssen, ich mag nicht meine Feder mit philisterhaftem Zeug besudeln, es ist mir Sünde, ich hab's diesmal nur aus Gutmütigkeit getan, aber ich schreibe nichts wieder, tu mir den Gefallen und sag's ihm, er soll mich ungeschoren lassen mit allem, was schon da ist und was noch kommen wird, aber die Sulamit soll er schicken, sooft sie herauskommt, wenn's auch ungefüges Zeug ist; ich muss alles wissen über die Juden, wenn ich nach Frankfurt zurückkomm, der Primas liest's auch. Für den Primas will ich Dir einen Auftrag geben, richt ihn ja pünktlich aus, ich hab an die Grossmama geschrieben, dass sie an Dich die Drusen-Weihe zurückschicke, packe beiliegenden Brief an den Primas dazu und schicke es an den Weihbischof ins Taxische Haus, mache eine doppelte Adresse die oberste an den Weihbischof, der wird's ihm zurückgeben oder nachschicken, wenn er in Aschaffenburg ist, verschieb's nicht.
Bettine
Ich hab unwillkürlich meinem Brief da mit Aufträgen ein ende gemacht und wollte Dir noch so viel anders sagen über Moose und über Pflanzen, die ich im Wald gefunden hab, reine architektonische Figuren. Sind Worte nicht einzelne architektonische Teile? Sind sie nicht symmetrisch zu ordnen im Gedanken? – Ein Wort ist immer schön an sich, aber Gedanken sind nicht schön, wenn die schönen Worte nicht in einer heiligen Ordnung ihn aussprechen; es gibt aber eine gewisse romantische Unordnung oder vielmehr Zufallsordnung, die so was Lockendes, ja ganz Hinreissendes hat in der natur; die einem so mit Lust und Lieb durchdringt, dass sie allen Luxus und alle Erhabenheit weit überwiegt in ihrer Verwandtschaft mit der Seele; so hab ich mir immer gedacht, wenn in Feenmärchen über Nacht ein prächtiger goldner Palast entstand gegenüber der Hütte von zwei Bettelkindern, wie traurig es sei, dass die nun die Mooshütte verlassen müssten, um in den stolzen Palast