1840_Arnim_003_123.txt

wollt ich nur sagen, wie alles so herzhaft und sorgenfrei ist in der natur hier, so unverhehlte Lebenslust, man müsste sich schämen, der Ahnungswehen und Sehnsuchtträume, statt lustig mit zu grünen und zu sausen und zu plätschern; ich mein nur, es ist nicht möglich, hier mitten im drallen Hessenland anders zu sein als das heimatlich Fleckchen Welt selbst, was so kugelig unter Deinen Füssen, Dich kollernd, stolpernd hinab und hinan verlockt und doch überall so herzlich Dich einladend zum Sitzen, zum Ruhen am Rasen, am Berg und in Dir selber. – Es haben sich frühe Wintertage eingestellt, Meline leidet am Hausfieber, woran hier alles krank liegt, Gunda auch geht wegen Unwohlsein alle Tage vor Sonnenuntergang zu Bett. Savigny wohnt mit ihr in einem andern teil des Hauses, der unter unserer wohnung liegt, durch Terrassen und Hof geschieden; so bin ich ganz allein mit der Meline, die hübsch ruhig im Schlafzimmer nebenan liegt. Diese Einsamkeit erquickt und ergötzt mich. Der schwärmerische Hausarzt ist Poet, er bringt Gedichte, die er in der Dämmerungsstunde vorliestTräume, Schäume, Liebe, Triebe gleiten sanft am Gestade meines Ohrs dahin; man reicht dem Doktor die Hand, er drückt sie mit stillem Ernst, mit seelenvoller Miene; weiter wird nichts gereicht von Lob. – So schwillt die Knospe des Leichtsinns leise, leise in der Brust, bald wird sie bersten und in einen fröhlichen Blust ausbrechen, so nennen die hessischen Bauern die Blüte. – Nichts von Rührung, Erhabnem, Verinnigung, Wonnegefühl, Begeistrung und aller gebildeten Geisteswirtschaft. – Was ich an mir selber bin, das teil ich Dir mit und strenge mich nicht mit Verschönerungsprinzipien der Sittlichkeit an, ich muss einmal erproben, was meine Seele für einen Ton angibt, ob sie vielleicht von natur so derb ist wie's liebe Hessenland. – Ich fang an zu glauben, dass ich gar nicht fürs Gesellschaftliche geboren bin, konnte ich je meiner Phantasie nachgeben, ohne mich zu erhitzen über den sinnlosen Widerspruch der andern? – Und bin ich nicht eingeschlafen beim Primas über dem Gesumse von geputzten Leuten und hab ich mir nicht eingebild't, meine liebsten leute wären verrückt geworden mit dem Jabot von Point d'alencon, der eine halbe Elle vorstand und mit brillantnen Knöpfen und mitund miteinem Haarbeutel hinten angeklemmt, hab ich mich da nicht zu tot geschämt, dass einer mit einem Haarbeutel so vergnügt herumlaufen konnte, als wär's ein Verdienst, und ist's nicht auch beschämend für die freie Seele, sich äusserliche Zeichen des Wahnsinns anzuhängen auf Befehl, dass Buonaparte damit geehrt soll werden? – Der George hat seinen Haarbeutel aber abgerissen und ihn mitten in den Salon unter die leute geworfen, die Königin von Holland schlurrte ihn mit der Schleppe durch alle Zimmer, ich hab's gesehen und mich drüber heimlich erlustigt. Aber bloss, um nicht zu sehen, was all für dummer Wahnsinn dort an der Tagesordnung ist, mag ich den Winter nicht hin, man kann sich nicht lang amüsieren mit den Albernheiten, die der Kreis von Menschen ausgehen lässt, der sich die gebildete Welt nennt und sonst keine Grundlage. Eine hat der andern dicht neben mir in ihr Halsband gebissen, um zu sehen, ob es wahr sei, dass ihre Perlen echt wären, und hat sich sehr geärgert, dass sie nicht entzweigingen, und so ärgert sich alles über alles, was echt ist, und so konnte ich doch nichts Besseres und Christlicheres tun als lieber einschlafen, ich hab's auch dem Primas gesagt, wie er mich geneckt hat; es sei, um Ärgernis zu vermeiden; denn ich sei echt, und es kommt mir ordentlich herabwürdigend vor, mich unter ihnen herumzutreiben. – Hier bin ich glücklich durch die Freiheit, in der freien natur herumzuschwärmen, in deren Mitte ich wohne. Des Einsiedlers Klause in tiefer Wildnis kann nicht mehr mitten ihr im Schoss liegen als ich, ja, ich darf mich selbst als einen teil von ihr empfinden, was mich nicht beschämt wie die Gesellschaft, dass ich ihresgleichen bin, aber mich freudig und selbstfühlend macht, dass sie so gut gegen mich ist vor andern. Wenn ich aus dem Fenster im Schlafzimmer so grad auf den winterlich grünen Berg steigen kann und dann hinunter und hinauf, auf alten gefährlichen Mauern, die bald einbrechen, bald himmelan steigen, bis zum Wall vom alten zerfallnen Festungsschloss oben auf dem Bergüber Löcher und Hecken, wo nur Kühnheit und Leichtsinn sich hin wagen und nicht eine menschliche Erscheinung in der Weite umherso recht allein und laut hallend kann ich mit ihr sprechen, es hört's keiner, und jetzt, wo ich bekannt schon bin, nickt jeder Strauch mich freundlich an mit den paar braunen Blättern, die ihm der Winterwind noch nicht genommen hat, wenn ich wieder komm und setz mich neben ihn auf die Mauer und schwindelt mir nicht; ach, welch Vergnügen zu klettern, wie entzückend die kecke Jugend! – wenn ich auch manchmal mit geschundnem Knie, wie heute, oder aufgerissnem Arm heimkomm, das fühl ich gar nicht, ja, wenn mir recht ist, freut's mich gar! – werde hart, sagte der Schmied im Wald und schlug das glühende Eisen auf dem Amboss, das hörte der Türinger Landgraf und ward hart wie Eisen. – werde hart, rief ich heute auf der gefährlichen Mauer, von der ich hinabglitt, weil