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als mit jedem andern, ich sagt ihm, das sei die Dämmerung am Abend; so komme mir sein blick und sein ganz Wesen vorwie Dämmerung, die über einer erhabnen natur ausgebreitet sei; in solcher Stunde ist mein Gesicht schärfer und mein Gefühl sehr zum Vertrauen geneigt. – Du kannst wohl denken, dass es der Mühe wert ist, mit ihm zu reden; denn sonst wär ich darauf nicht gekommen, ihm so was zu sagen. Er sagte: "Die sichtbare Welt ist trüb, aber mit hellem blick braucht einer nicht lang zu forschen, in wenig Zügen erkennt er, was ihm verwandt ist." Ich sagte: "Aber wie erlangt man einen so hellen blick?" – "Man muss allein die natur anschauen und kein Vorurteil zulassen, das gibt einen hellen blick." – Ich frag: "Traut Ihr mir das zu, dass ich die natur mit hellem blick anschau und ohne Vorurteil?" "Ja!" sagt er, "und ich weiss, dass ich nicht irreund dass Sie scharfsichtig sind." – "So hab ich also recht, wenn ich in euch einen begeisterten Mann erkenne?" – "Zum wenigsten sind Sie dem wahren näher als andre, die den Juden für einen gedrückten Mann halten, innerlich quillt die Freiheit, und ein Tropfen ist genug über alle Verachtung uns zu heben." – Ich hörte Leute den einsamen Weg heraufkommen und brach ab, weil mir das Geheimnis schon zu lieb war mit ihm. Ich sagte: "lebe wohl, Jude, denke an unser Gespräch, und wenn du von deiner Reise heimkehrst, komm zu mir."

Wer mag nun schärfer sehen, der Savigny meinen Hochmut oder der Jud meinen vorurteilsfreien, zutraulichen blick? – Ich geb aber dem Savigny nicht unrecht; denn was ist doch die überglückliche übermütige Lust, dass ich ihn mit dem Jud anführ, als nur Hochmut? – Es haben mir's auch schon mehr leute gesagt, noch wie ich Abschied nahm, sagte der Moritz, ich sei hochmütig, weil ich behauptete, ich gehe von Frankfurt, dass er seine fünf Bände lange "Delphine" abends vorlesen könne, wenn er damit fertig sei, wolle ich wiederkommen. Da schrie das ganze Teegewimmel auf mich ein, ich sei das hoffärtigste Ding von der Welt, für alles scheine ich mir zu gut, von nichts meint ich noch was lernen zu können, die "Delphine", von der ersten Schriftstellerin Europas geschrieben, die ennuyiere mich; wenn irgend jemand was Gescheites vorbrächt, so lege ich mich an den Boden und strample eine Weile mit den Füssen oder schlafe ein, aber jeder dumme Spass mache mir Vergnügen. – Ich sag, ist das Hoffart? Das scheint mir eher Unverstand zu sein, dass ich euch in eurem Genuss nicht nachkann. – "Ja, Hoffart ist eben Unverstand." – Siehst Du! – Es ist die allgemeine Ansicht. – Sie haben am ende den Savigny mit angesteckt. –

Nächstens schreibe ich Dir von allem genauer, von der ganzen Gegend, von den Leuten, von unserer wohnung. Meline wohnt mit mir ganz hoch oben am Berg, Savignys unten, alles ist hier terrassenförmig. – Adieu, ich muss der Meline helfen, einen Diwan für uns zurechtpolstern.

Bettine

An die Günderode

Schon die dritte Woch ist's, und ich hab noch nicht geschrieben und Du auch nicht, was ist schuld dran? – Ich hab in der Zeit die neugierig Gegend rund um mich durchspäht, auf dem Boden nach allen Seiten durch die Gaublöcher mich orientiert, im dichtesten Laubregen den Wald durchwallfahrtet, von einem hohen Stamm zum andern. Bäume sind Bäume, aber sie sehen doch verächtlich auf die Menschen herab, die um der Gesundheit willen so hastig unter ihnen herlaufen und nicht einmal den blick zu ihnen hinaufrichten; ich hab dort mit dem Savigny die ganze motionmachende Fakultät begegnet; im mottenfrässigen Pelz, Nebelkappe, grossen Filzschuhen und antiken Stiefelmanschetten durchkreuzen sie die Wege. Hügeliger Boden, dichtes Moos überglast vom Reif, reine kalte Luft, die herzhaft macht, alles neu, überraschend, die Muse führte mich über Stock und Stein und schenkte mir den ganzen Wald für Dich, ich hab auch bei jeder vornehmen Waldkrone stillgestanden und bis zum Wipfel betrachtet und zum Zeichen der Besitznahme mit dem Stock dran geschlagen, jetzt lass den alten Kurfürst von Hessen-Kassel meinen, was er Lust hat, der Wald gehört Dein, und wenn ich drin herumlauf, so hab ich meine Freud, dass ich auf Deinem Grund und Boden bin. Im Frühjahr muss es hier sein, wie inwendig in der Seel; Frühling draus, Frühling drin, ein Wille und ein Tunblüht der Apfelbaum, so hab ich rote Backen, stürzt sich der eigensinnige Bach die Klippentrepp hinab, so setz ich ihm nach und spring kreuz und quer über ihn weg, ruft die Nachtigall, so komm ich gerennt, und tanzen die Mühlräder mit der Lahn einen Walzer ins Tal hinab, so pfeif ich auf dem Berg ein Stückchen dazu und guck über die rauchenden Hütten und über die schirmenden Bäume hinaus, wie sie ihren Mutwill verjuchzen und der Müller und sein Schätzchen auch, die denken, kein Mensch säh's. – Morgenrührung, Abendwehmut wird nicht statuiert, in den Hecken blüht Frühlingsfeier genug, Schnurren und Summen und Windgeflüster. Aber weil's Winter ist und kein Frühling, so