1840_Arnim_003_119.txt

Momente müssen immer den einen bestimmen oder begreiflich machen. – Dein Verhältnis zur Grossmama würde auch schön sein, Dein Sammeln von Deiner Mutter Kinderzügen ein Werk der Pietät, was Dir jetzt und vielleicht später noch ein grosses Interesse gewährt, besonders wenn es Dir gelänge, es mit dem Dir so eigentümlichen Geist des unmittelbaren Mitfühlens niederzuschreiben, das alles sehe ich recht gut einaber ich bin dennoch nicht entschieden, ob ich Dir dazu raten soll; wenn ich überleg, welcher ungeheuren Zerstreuteit Du in Eurem Haus ausgesetzt bist, der Du unmöglich entgehen kannst; alles Durchreisende, was zu Euch kommt, der Primas, der Dich vorzieht, und wo Du gar nicht ausweichen kannst hinzugehen – – was das alles die Zeit zersplittert, und wenn Du auch selbst nicht viel Umstände mit Deiner Toilette machst, so wirst Du in dem Nest voll schöner Frauen doch alle Augenblick Dich der gemeinsamen Beratung hingeben und bei Deiner Lebhaftigkeit und Deinem Talent zum Malerischen sehe ich schon den Winter vergehen bloss mit Putzwählen und dergleichen, und die Grossmama wird wenig von ihren Schätzen Dir mitteilen können. – Marburg ist im Gegenteil ein Nest, wo Du ganz als Einsiedler wirst leben können, zum wenigsten kannst Du keiner Zerstreuung dort ausgesetzt sein, die Briefe vom Christian versprechen so viel Gutes für Dich, Du hast lange nicht mit ihm gelebt; es ist doch auch schön mit ihm, der so viel grosses Genie hat, so reine Begriffe von der Wissenschaft und so tief und so würdigend mit Dir spricht, wieder eine Weile zusammen zu sein; ein Bruder wird oft auch von der Schwester weggerissen durch allerlei Schicksale, sie begegnen sich vielleicht nicht zum zweitenmal, so muss man denn einen so glücklichen Zufall nicht leichtsinnig verscherzen, und im ganzen genommen, welche Lage deucht Dir edler: jene in der winterlichen Einsamkeit in Marburg in dem engen beschränkten Kreis, aber mit dem lieben Savigny, der so viel höher steht wie andre, der Dir dann so nah ist und Deine Gegenwart auch zu seinen freundlichen erquickenden Momenten rechnet und Dich gegen Deine eignen Launen verteidigen wird, die so oft ins Träge und Melancholische spielen.

Und ich denke mir darin einen grossen Genuss für Dich, dass Du die grosse, weite natur im Winterkleid vor Dir hast; denn die Gegend von Marburg ist sehr schön und lacht einem zum Fenster hereinoder ist es Dir lieber in jener Zerstreuung, bald dies, bald jenes beginnend und endlich mit Verdruss an Dir selber verzweifelnd, dass Du zu nichts gekommen bist? – Ich glaube, dass Du alle Deine guten Vorsätze sehr erleichtern könntest und Deine Zwecke erreichen, wenn Du von Marburg aus einen korrekten Briefwechsel mit der Grossmama führtest, Deine Briefe würden ihr gewiss Freude machen, sie würde nicht versäumen, Deine fragen nach der Jugend und dem Geist Deiner Mutter zu beantworten so wie nach Deinem Grossvater; Du könntest Deine eignen Bemerkungen hinzufügen und brauchtest nur die Vorsicht zu haben, Deine Briefe von irgendeinem unschuldigen Kopist abschreiben zu lassen, so hättest Du als Nebenarbeit und wahrscheinlich viel vollständiger und gelungner, wozu Du vielleicht vergebliche Anstalten in Frankfurt machen würdestdas ist meine Meinung, jedoch will ich nicht damit einen Machtspruch getan haben. lebe wohl!

Caroline

An die Günderode

Buonaparte ist durch und hat seinen Tempel nicht gesehen, der Galgen ist abgeschlagen worden und auf das alte Postament ein Tempel gebaut, ich glaube gar mit seiner Bildsäule, und das Ganze ist illuminiert worden zum Volksfest, wobei noch allerlei Belustigungen vorfielen; dass das Galgenfeld zu diesem Platz ausersehen war, machte besonders den Sachsenhäusern Spass. –

Clödchen ist krank und liegt auf dem Kanapee, ich bin meistens den ganzen Tag bei ihr und wache auch nachts, wenn sie sich unwohler fühlt. Es geht hier wieder alles nach der alten Leier, Dein Brief kam zu rechter Zeit, um mit allen Umständen zusammen mich zu überzeugen, dass Du recht hast, die Engländer sind Hauptpersonen hier; abends wird im Teezimmer vom Moritz die "Delphine" von der Staël vorgelesen, für mich das Absurdeste, was ich hören kann, ich mach einen Plumsack von meinem Schnupftuch und amüsiere die Kinder derweil, das hat den Lekteur nicht wenig verdrossen, ja ich muss fort. – Am Montag war Ball bei Leonhardi, um seine neue Einrichtung zu zeigen, lauter ägyptische Ungeheuer hat er an die Wand malen lassen. – Gestern war schon wieder Cour beim Primas, ich war's so satt, dass ich mich verstekkte beim Wegfahren, sie suchten mich überall; ich war in meinem Bett versteckt, und der Franz war bös, aber um ihn wieder gut zu machen, hab ich mir eine besondre List ersonnen, ich fand in der Tonie ihrem Küchenrevier einen grossen Korb mit weissen Rüben, den hab ich vorgenommen mit den Leuten, sie ganz dünn abgeschält und ausgehöhlt inwendig, in jede ein Wachslicht gesteckt und so die ganze Treppe illuminiert und den Vorplatzich hab bis nach Mitternacht mit zu tun gehabt, es war recht dumm, es wär besser gewesen, ich wär mitgangen; denn der Primas liess mir sagen, weil ich nicht mitgekommen wär, so soll ich am Freitag mit ihm und dem Weihbischof zu Mittag speisen und Fasttag halten. Ja, ich geh fort, ich bin in Gedanken schon unterwegs, die Meline hat auch schon alle Vorkehrung getroffen, ja, ich geh! – Es tut mir nichts leid, als dass ich geh, eh Du wieder kommst, dass ich geh, und dass Du hier bleibst