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, unter den Arm geklemmt habe; ich hatte tausend Spass, die vielen Glossen zu hören und konnte am ende vor Vergnügen über die Neugierde nicht umhin, im Vorzimmer zu tanzen, während mich alles umringte mit Bitten, es zu öffnen, wozu ich mich nicht bewegen liess, sonst wär der Spass aus gewesen. Besonders quälte die Neugierde den Moritz im grünen Samtrock, der den ganzen Abend alle Spiegel mit der eignen Bewundrung seiner person besetzt hielt. So wie er die Überreichung dieses mystischen Pakets gewahr ward, lief er mir nach, dem hätt ich's aber grad nicht gesagt, im Paket war nichts, als was Du wohl schon denken kannst, ein paar alte Judenjournale und die Drusenfamilie für die Grossmama; ich soll's lesen, was mir eine harte Nuss ist. – Sagt ich's, so würde man den Primas wohl eher für einen Narren halten, dass er auf mein Urteil einen Wert legt, als mich für gescheit genug, dieser Auszeichnung Ehre zu machen, so mag's denn die leute mir im Respekt halten; wüssten sie, es sei nur Papier und keine Dose, hielten sie mich zum Narren gehalten vom Primas.

heute nacht fiel mir ein, dass ich meinen Kanarienvogel dem Bernhards-Gärtner geben will, der hebt ihn gewiss gut auf und macht ihm Freud, dann weiss er doch, dass er wieder was von mir erfährt, es waren doch liebe Tage, wo er mich pfropfen lehrte, Du weisst noch gar nicht alles, was ich da lernte, vom Fortpflanzen der Orangenbäume mit einem Blatt von Nelkenund dann will ich ihm auch meine Granatbäume schicken und den Orangenbaum und den grossen Myrtenbaum, er gibt sich gewiss Müh, dass er den zum Blühen bringt, ich hab so immer fürchten müssen, dass sie verdarben im Winter. – Das eine tut mir auch leid, dass ich von der Grossmama weg muss, weil sie sich's in den Kopf gesetzt hat, sie werde nicht mehr lang leben wegen den Bäumen, sie sagt, sie wolle nicht erleben, diese Bäume, die sie so lange Jahre gepflegt habe, im nächsten Jahr im Ofen knattern zu hören. – Jetzt möchte ich gern noch so viel von ihr wissen, ich schäm mich, dass ich die ganze Zeit so leichtsinnig war, was hätte sie mir alles von der Mama erzählen können, von der ich so wenig weiss, als bloss dass sie angebetet war. – Die Grossmama sagte: "Sei versichert, hätte die Venus-Urania noch ein Kind gehabt ausser dem Amor, so musste es das Ebenbild deiner Mutter sein." – Manchmal zweifle ich ob ich noch nach Marburg mitgehen soll, meinst Du nicht auch, es wär besser, ich blieb hieres ist doch auch schön, wenn ich noch das letzte Lebensjahr der Grossmama recht freundlich mit ihr zubrächt, mich durstet nach dem Segen alter Leute, seitdem ich vom Tod weiss, so deucht mir die letzte Lebenszeit eines Menschen etwas Heiliges, und wie ich als Kind so gern Spielsachen, Dinge, die ich liebte, in die Erde vergraben hab, so möchte ich auch meine Geheimnisse, mein Sehnen, meine Gedanken und Ahnungen gern in die Brust legen von Menschen, die keine Forderungen mehr ans Irdische haben und bald unter der Erde sein werden, schreibe mir doch darüber! Auf der andern Seite reizen mich die Briefe vom Christian auch sehr, er freut sich drauf, dass ich ein halb Jahr mit ihm zusammen sein werde, wir sind zusammen in unserer Kindheit gewesen und seitdem nicht wieder, er verspricht mir so viel von meinem Dortsein und was und wie er mir alles lehren will, les' die beiden Briefe von ihm an mich und schreibe mir, was Du willst, das will ich tun. – Adieu und schreibe recht bald.

Es ist hier alles beschäftigt mit dem Empfang von Bonaparte, es wird ein grosser Triumphbogen erbaut auf dem Rabenstein, wo der Galgen gestanden hat. –

An die Bettine

Was Du von Arenswalds ausserordentlichem Heisshunger nach der natur schreibst, so dass er darüber sich selbst zu speisen vergisst, dauert mich sehr, versäum's nicht, ihm zu helfen, und schreibe mir's, ob Du's auch nicht vergessen hast. Die geschichte von den Bäumen ist höchst betrübt; war's Deine Schilderung oder sind auch mir diese Stimmen, die so friedlich mitrauschten, wenn wir dort wandelten, so zu Herzen gegangen, ich kann mich auch nicht darüber trösten. Wir waren gestern auf dem Ostein, da rauschen die Eichen königlich. – Die Grossmama und die Geschichten vom Grossvater haben mich gefreut und gerührt, wenn ich auch nicht so viel Interesse an solchen erlebten Dingen hätte, als ich wirklich habe, so würde mir eine solche Beschäftigung, als diese Erzählungen aus der Grossmutter Mund zu sammeln, für Dich sehr schön erscheinen und lieblich. – Alles, was das Gemüt anregt, erfrischt und erfüllt, ist mir heilig, sollte auch im Gedächtnis kein Monument davon zurückbleiben, hier aber, wo Du zugleich Dich üben würdest, etwas in konsequenter Ordnung zu behandeln, Deinen eignen Geist in seinen Anschauungen zu entwickeln, würde es noch mehr Wert haben. Ich hab immer Biographien mit eigner Freude gelesen, es ist mir dabei stets vorgekommen, als könne man keinen vollständigen Menschen erdichten, man erfindet immer nur eine Seite, die Komplizierteit des menschlichen Daseins bleibt unerreicht und also unwahr, denn alle