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. Denn er schrieb dem Kurfürsten, er werde nie vergessen, dass er der Gründer seines Glückes sei, er habe ihm hierdurch gelegenheit gegeben, sich selber in seiner Gesinnung zu erproben, und da er sich glücklich durchgekämpft habe, so fühle er sich jetzt wohl und in besonderer Glücksstimmung." Sie sagte: Dies bewege sie zur Nachsicht gegen die, welche sie beleidigt haben, – es komme drauf an, wie hoch eine Beleidigung aufgenommen werde; man solle keine stärkere Schuld dadurch auf andre wälzen, Verzeihung sei Aufheben der Schuld, und Gott sei versöhnlich durch menschliche Grossmut. – Der Grossvater habe gesagt: "Was dir geschieht, das rechne für garnichts!" Keine Rüge gilt etwas, sie sei denn zum Besten dessen, den man straft, sonst ist jede Strafe unnütze Rache, nur um den elenden Sünder noch elender zu machen und nützlose Rache sei eine viel ärgere Sünde am Verbrecher, der dem Menschen heiliger sein müsse, insofern er so gut seiner Gnade anheimgegeben sei wie der Gnade Gottes, und Gott sei versöhnlich aus menschlicher Grossmut, so müsse man aus Liebe die Welt nicht untergehen lassen und allen verzeihen, wozu der Spruch auf dem Wappen auffordere. Und sie tue es ihrem Laroche zulieb, dass sie ohne Bitterkeit es ertrage. Die Bäume seien dies Jahr abgehauen, sie selber werde gewiss sie nur kurze Zeit noch vermissen und wolle durch den Verdruss, den sie dabei beweise, keine spätere Reue veranlassen; denn sie wolle, dass alle Menschen glücklich seien und am meisten die Ihrigen, für die sie so viele Opfer schon gebracht. – Vom Grossvater erzählte sie mir noch, das ganze Land habe ihm Unterstützung angeboten und er habe auf einem grossen Fuss leben können, wenn er gewollt hätte, doch all diese Bezeichnungen, die mit so viel Adel der Seele verbunden waren und von so reiner Gesinnung ausgingen, habe er ausgeschlagen von den Reichen, aber von seinen Bauern, denen er noch vieles geholfen, habe er angenommen, was ihm nötig war; denn, sagte er: "Das Scherflein der Witwe muss man nicht verschmähen." – Sie hat mir noch manches zu erzählen versprochen von ihm, als ich so feurig danach war, so werde ich nächstens wieder zu ihr kommen. – Das Wappen wollt sie mir aufheben und mir vor ihrem Tod noch schenken, ich hätte lieber den Briefwechsel gehabt. – Ich glaube, zu so etwas hätt ich Verstand, es einzuleiten und zu bereichern für den Druck, da wollt ich wohl noch viel hinzufügen, mir kommt immer nur der Verstand, wenn ich von andern angeregt werde, von selbst fällt mir nichts ein, aber wenn ich von andern grosses Lebendiges wahrnehme, so fällt mir gleich alles dazu ein, als sei ich aus dem Traum geweckt, vielleicht könnt ich hierdurch dem Clemens ein Genüge leisten, der mich zu so manchem aufgefordert hat, was mich ganz tot lässt. Erfinden kann ich gar nichts. Aber ich weiss gewiss, wenn ich diese Briefe des Grosspapa durchläse, es würde mir alles einleuchten, was dazu gehört, ich weiss noch so viel von ihm, und die Grossmama würde mir noch manches erzählen, ich hab sie noch nie ordentlich ausgefragt, und besonders hab ich mich immer gescheut, sie über ihre religiösen Ansichten zu fragen, weil ich fürchtete, sie zu beleidigen, aber bei diesem Gespräch sagte sie von selbst: "Siehst du mein Kind, so trägt die goldne Au der Vergangenheit die Ähren, ohne welche so mancher an Geistesnahrung Hunger sterben müsste, und rund um uns, wo die Sonne ihren Lauf öffnet und wo sie ihn schliesst, wo sie mit sengendem Strahl die Fluren brennt und wo sie lange ihr freundlich Antlitz verbirgt, allentalben keimen Blumen, deren vereinter Strauss uns ein Andenken ist an die Kindheit unseres Geschlechts. So gehört die Vergangenheit zum Tag des Lebens. Sie ist die Wurzel des meinen. Dein Grossvater war guter Mensch und guter Staatsbürger, er hat als solcher auf Fürsten und Untertanen gewirkt und auch bis heute noch auf seine Frau. Eine Vergangenheit ist also nicht für das wahre Gute, es wirkt ohne Ende, es kommt aus dem Geist, wie dein Grossvater sagte, und alles andre, was vergänglich ist, das ist auch geistlos." –

Es war Mittag, ich wär gern den ganzen Tag bei der Grossmama geblieben, wenn man in Frankfurt gewusst hätte, wo ich war. – An der Gerbermühl begegnete mir Clemente mit meinem verlornen Parapluie, er war gleich hinter mir übergefahren und hatte ihn vom Schiffmann mitgenommen, war aber bei Willemers geblieben, jetzt fuhren wir zusammen im Sonnenschein unter aufgespanntem Baldachin auf dem Main zurück. Der Clemens geht morgen nach Mainz, er besucht Euch am ende. – Beim Primas gestern grosse Parade, alle altadeligen Flaggen wehten. – Über die fünf Ellen langen Schleppen mussten die Herren mit hocherhobnen Beinen hinaussteigen, der Primas führte mich ins Kabinett, wo die Blumen stehen, und liess zwei Sträusse binden für mich und die Meline, dies war als eine hohe Auszeichnung bemerkt worden, man hatte grossen Respekt, der sich noch sehr steigerte, als mir der Primas beim Abschied ein Paket gab, sehr sauber in Papier eingesiegelt. Alle glaubten, es sei ein fürstlich Präsent, vielleicht ein Schnupftabaksdosen-Kabinettstück. Kein Mensch bedachte, dass der Primas zu witzig ist, um mir eine solche Albernheit anzutun. Nur wunderte man sich, dass ich mein Geschenk so ohne Umstände, ohne mich zu bedanken