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wo er durchkam, und in Speier hatten sie sein Haus von innen und aussen geschmückt und illuminiert zu seinem Empfang. Die Grossmama erzählte noch so viel vom Stadionischen Haus, worin sie so lang mit dem Grosspapa lebte, wenn ich's nur alles behalten hätt, doch vergess ich die Beschreibung ihrer Wasserfahrten nicht auf dem See von Lilien, wo immer ein Nachen vorausfuhr, um in dem Wald von Wasserpflanzen eine Wasserstrass mit der Sense zu mähen, wie da von beiden Seiten die Schilfe und Blumen über den Kahn herfielen und die Schmetterlingeund alles weiss sie noch, als wenn es heute geschehen wär. –

Der Pappeln wollt ich nicht gedenken, die jammervolle person des Arenswald, der so munter und grün über sein Elend hinaussteigt ins Freie, hatte mich aus den Angeln der Empfindsamkeit gehoben, ich will wetten, jetzt, wo er Waldschnecken fressen kann, dass er noch viel mehr wagt, und wenn er nur so viel hat, dass er seine Beine reisefertig kriegt, so muss das andre mit und muss allerlei andre Dinge noch dazu fressen lernen. Die Grossmama fing aber von selbst von den Bäumen an, bei gelegenheit des Wappens, sie erzählte, der Spruch sei wirklich Ersatz dem Grossvater geworden, und er habe oft bei der Einschränkung, in der er später leben musste, gesagt: "Besser konnte ich mir's nicht wünschen." – Das Wappen hing über seinem Schreibtisch, und da er bei Bauer und Bürger in grossem Ansehen stand, so kamen sie oft zu ihm in schwierigen Angelegenheiten, da hat er denn durch den Spruch vom Wappen manchen zur Gerechtigkeit oder zur Nachsicht bewogen, er sei dadurch so im Ansehen gestiegen, dass sein Urteil mehr wirkte wie alles Rechtsverfahren, und mancher, der dem Buchstaben des Gesetzes nach sich durchfechten konnte, hat, um nicht das Urteil des Grossvaters gegen sich zu haben, sich verglichen, und der Kurfürst hat sich auch wieder mit ihm versöhnt und ihm vollkommen recht gegeben, aber der Grossvater schlug seine Anstellung aus, die der Kurfürst ihm wieder anbot; er sagte: "Hat mir Gott das Hemd ausgezogen und gefällt's ihm, mich schon auf Erden nackt und bloss herumlaufen zu sehen, so will ich mir keine Staatslivree als Feigenblatt für den menschlichen Ehrgeiz vorhalten, dem Herrn Kurfürst steh ich zu Diensten in allen gerechten Dingen, so wie mich Gott geschaffen hat, und der sich nicht vor ihm zu schämen braucht; ich mag nicht aus meinem Paradies heraus, denn ich mag mich mit keinem Feigenblatt inkommodieren, ich bin der unverschämteste Kerl von der Welt, und der Kurfürst ist die sittsamste Jungfer, die unter den geistlichen Würden zu treffen ist, er will keinen seiner Freunde nackt und bloss herumlaufen oder vor sein Angesicht kommen lassen; aber mir gefällt es besser, ganz nackend mit seinen Mummenschanzen herumzuspringen, denn da hab ich den Vorteil, dass sie sich selbst nicht mehr kennen; denn sie wissen so wenig, was das ist, ein Mensch sein, dass einer, der ohne Bemäntlung ihnen die natur eines Menschen, wie sie vor Gott bestehen kann, darstellt, ihnen natürlich zeigen muss, dass sie selber Missgeburten sind." – In dieser Art hat der Grosspapa auf des Kurfürsten Anträge geantwortet. – Die Grossmama besitzt noch eine Korrespondenz, wo mehrere Briefe von des Kurfürsten eigner Hand dabei sind, mit den Abschriften vom Grossvater; – der Grossvater hatte ein Buch gegen das Mönchswesen geschrieben, was gar viel aufsehen in damaliger Zeit machte, ins Französische übersetzt wurde, das hat mir die Grossmama geschenkt; es war die erste Veranlassung zur Unzufriedenheit zwischen dem Kurfürsten und ihm, weil darin so viel Skandal der Mönche aufgedeckt ist, und war auch die erste Veranlassung zur Versöhnung; denn der Kurfürst gibt ihm in einem Brief sehr recht und sagt: "Wir werden diesem Ungeziefer, das mich mehr plagt als den armen Lazarus, dem ich mich gar sehr vergleiche, seine Schwären, noch eine Umwälzung in unserer Religion zu verdanken haben, es vergehet keine Woch, dass nicht verdriessliche Berichte dieser unflätigen Mönche einlaufen, der Mantel der christlichen Kirche, unter dem sie alle eingekeilt stehen wie ein Ballen Stockfische, reicht nicht mehr zu, ihren Unflat zu bedecken." – Schreibt der Grossvater hierauf einen wunderschönen Brief über Religion und Politik, den ich nicht behalten hab, worin mir aber jedes Wort wie Gold klang, – er sagt: in einem grossen Herzen müsse die Politik bloss aus der Religion hervorgehen oder sie müssten vielmehr ganz dasselbe sein, ein tätiger Mensch, der seine Zeit anwende, zu was sie ihm verliehen sei, habe sie nicht übrig, sie in verschiednes zu teilen, so müsse denn seine Religion als vollkommner Weltbürger in ihm ans Licht tretenusw. – Dieser Brief ist so herrlich, so seelenrein, so über alles erhaben, wonach kleinliche Menschen zielen, aber auch so lebendig, dass ich glauben muss, aus einem lebendigen Herzen entspringt alle Philosophie, aber mit Fleisch und Bein und klopfendem Herzen fürs Gute, die sich ewig regt und das irdische Weltleben reinigt, gesund macht wie ein Strom frischer gewürzreicher Luft; – das tut doch die Philosophie nicht, die aufs Dreieck sich stützt, zwischen Attraktion und Repulsion und höchster Potenz einen gefährlichen Tanz hält, die dem gesunden Menschenverstand die Rippen einstossen und er als Invalidenkrüppel sich endlich zurückziehen muss. Und einmal ist doch die natürliche geschichte unseres Lebens auch unsere Aufgabe, und ich denke, dass wenn der Scharfsinn