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meldete, dass die Grossmama noch schlief, in den Garten wollt ich nicht gehen, ich blieb vor der Tür stehen bei den Hunden, da kam mein guter Herr Arenswald vorbei, er nahm den Hut ab, ich sagte ihm nicht, dass er ihn wieder aufsetzen solle; denn ich hatte gesehen, dass ein Loch drin war, und wollte diese Wissenschaft gern vor ihm verbergen. Er erzählte mir, er habe diesen Sommer eine Reise nach der Schweiz gemacht, weil er seinem Drang, die natur dort zu betrachten, nicht habe widerstehen können, er bereue es auch gar nicht, obschon es ihm viel gekostet, ja, er glaube, es sei sein letzter heller draufgegangen, ich war etwas beschämt und wollte ihm bei dieser vertrauten Mitteilung nicht grad ins Gesicht sehen, meine Augen fielen auf seine Stiefel, da präsentierte sich ganz ungerufen der kleine Schelm, sein grosser Zehe, welchen Arenswald durchaus nicht bei der Audienz dulden wollte; denn er drückte ihn unter den Absatz vom andern Stiefel, der leider wie ein schlechtgeschlossner Laden vom Wind auffuhr, wo sollt ich meine Augen hinrichten? – Ich sah auf seinen Bauch, da fehlten alle Knöpfe und die Weste war mit Haarnadeln zugeklemmt, wo er die mag her erwischt haben; denn er trägt einen Caligula, welches bekanntlich die höchste geniale Verwirrung im Haarsystem ist, wozu man weder Pomade, noch Kamm, noch Haarnadel braucht, sondern nur Staub und Stroh, damit die Schwalben und Sperlinge immer Material für ihre Bauten da finden. Unterdes erzählte er mir, es sei ihm in der Schweiz was Sonderbares geschehen, man habe ihm nämlich erzählt, dass es in waldigen Berggegenden eine Art Schnecken gäb, die sehr schmecken, und dass es auf dem Weg von Luzern irgendwohin auf einem Berg sehr viel solcher schmeckender Schnecken gibt, er habe solche auch in Masse im Wald angetroffen und einen so starken Appetit danach bekommen, dass er ihrer mehrere gegessen und ganz satt davon geworden sei, als er ins Wirtshaus zurückkam, verbat er sich sein Mittagessen, weil er zu viel von den so gut schmeckenden Schnecken gefunden, und habe sie mit so grossem Appetit verzehrt, dass er unmöglich noch was geniessen könne. "Wie?" – sagte der Wirt, "Sie haben die schmeckenden Schnecken gegessen?" – "Nun ja, warum nicht, sagten Sie nicht selbst, dass die Schnecken sehr wohlschmecken, und dass die Leute gewaltig danach her sind, sie zu sammeln?" – "Ja, 'sehr schmecken' hab ich gesagt, aber nicht: wohl! – Schmecken heisst bei uns stinken, und die Leute sammeln sie für die Gerber, um das Leder einzuschmieren." – "So hab ich also dieses Gerbermittel gespeist und mich sehr wohl dabei befunden", erzählte Herr Arenswald, während ich sehr errötet in die Luft guckte; denn es war kein andrer Platz da, ohne auf eine grobe Sünde des gänzlichen Mangels zu stossen. – Die Schneckenmahlzeit mag nun wahr sein oder auch erfunden, um mir auf eine feine Art verstehen zu geben, dass ihn der Hunger dazu gezwungen. Die Cousine rief mich herein, und Arenswald nahm, wie bei hohen Potentaten, rückwärtsgehend Abschied von mir, woraus ich schloss, dass es von hinten auch nicht besser mit ihm bestellt sein möge. Also erst die Begrüssung bei meinem Einzug, der jubel war türkisch-kaiserlich nach der Milchfrau, der Gemüskorb mit Blumenkohl war meine Kron, den Baldachin, den Parapluie, hatte ich im Schiff gelassen, die erst Audienz war auch mit allen kaiserlichen Ehrenbezeugungen vor sich gegangen, unterwegs hatte ich grossmütige Geschenke gemacht an die nackigen Büberchen, Arenswalds Audienz war auch eine untertänigste Ansherzlegung des menschlichen Elends. Was will ich mehr? – Immer hat's mir im Sinn gelegen, ich werde noch zu hohen Würden steigen. –

Ich werde auch geruhen, des schmeckenden Schnekkenfressers ausserordentliche Verdienste um die Selbsterhaltung zu belohnen, durch den Jud Hirsch, der morgen nach Offenbach geht; wenn mir's nur nicht bis morgen aus den Gedanken kommt wie der Parapluie, ein Fehler, den ich mit allen hohen Häuptern gemein hab. – Die Grossmama war mir sehr freundlich, wir sprachen von Dir, sie will, dass Du sie besuchst, wenn Du zurückkehrst. Ich sagte ihr, dass ich, wenn sie es erlaube, nach Marburg gehen werde mit der Meline, diese kleine Ehrfurchtsbezeugung, um ihre Einwilligung zu bitten, schmeichelte ihr sehr, sie gab mir ihren besten Segen dazu, nannte mich "Tochter ihrer Max, Kindele, Mädele", ringelte mein Haar, während sie sprach, erzählte im schwäbischen Dialekt, was sie nur in heiterer Weichherzigkeit tut und einem Ehrfurcht mit ihrer Liebenswürdigkeit einflösst, ihr Bezeigen war mir auffallend, da ich vor vier Tagen sie so tief verletzt, beinah erbittert fand über die Schmach, die ihrem gütigen Herzen widerfahren war. – Sie zeigte mir ein Wappen in Glas gemalt in einem prächtigen silbernen Rahmen mit goldnem Eichelkranz, worum in griechischer Sprache geschrieben steht: Alles aus Liebe, sonst geht die Welt unter, es ist dem Grosspapa von der Stadt Trier geschenkt worden, weil er als Kanzler in trierischen Diensten sich gegen den Kurfürsten weigerte, eine Abgabe, die er zu drückend fand, dem Bauernstand aufzulegen; als er kein Gehör fand, nahm er lieber seinen Abschied, als seinen Namen unter eine unbillige Forderung zu schreiben; so kamen ihm die Bauern mit Bürgerkronen entgegen in allen Orten,